Der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam (1878-1934) war maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik im Jahr 1919 mitbeteiligt. Nach deren Niederschlagung kam Mühsam in Festungshaft. Im Verbrecher Verlag ist nun ein weiterer Band seiner Tagebücher erschienen, in dem Mühsam sein Leben in Haft festhält. Harry Oberländer hat das Buch gelesen.

Buchkritik

»Und jetzt will ich an Zenzl schreiben«

Erich Mühsams Tagebücher in der Festungshaft

Von Harry Oberländer

Mit dem Erscheinen des Bandes 8 ist die Edition der Tagebücher Erich Mühsams (Hrsg.: Christ Hirte und Conrad Piens) im Verbrecher Verlag, Berlin, weiter vorangeschritten. Die Hefte 26 und 27 umfassen den Zeitraum vom 6. Januar bis zum 25. Mai 1921. Band 9 ist für den Herbst 2015 angekündigt.

Der 1878 geborene und 1934 von der SS im KZ Oranienburg ermordete Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam war neben Gustav Landauer, Ernst Toller und Ernst Niekisch maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik im April 1919 beteiligt. Nach der blutigen Niederschlagung der Räterepublik durch Freikorpseinheiten und die Reichswehr wurde Mühsam im Juli 1919 durch ein Standgericht zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Er brachte den größten Teil seiner Haftzeit von 1920 bis zu seiner Amnestierung 1924 in der Festungshaftanstalt Niederschönenfeld (Bayern) zu.

Gustav Landauer wurde 1919 im Zuchthaus Stadelheim ermordet, Ernst Niekisch und Ernst Toller waren zusammen mit Mühsam Festungsgefangene (FG) in Niederschönenfeld. Obwohl die Festungshaft als eine besondere „Ehrenhaft“ für politische Häftlinge erleichterte Haftbedingungen vorsah, wurde sie gegenüber den Gefangenen der politischen Linken ausgesprochen schikanös und restriktiv gehandhabt. Das war besonders in Bayern der Fall, wo nach der Zerschlagung der Räterepublik unter dem monarchistischen Ministerpräsidenten Gustav Ritter von Kahr Bayern zum „Ordnungszentrum“ der antidemokratischen Kräfte in Deutschland wurde. Bayern sah sich nicht an die Reichsverfassung der Weimarer Republik gebunden. So handeln Mühsams Tagebücher von 1919 bis 1924 von seinem permanenten Kampf um seine Menschenwürde und seine bürgerlichen Rechte als Gefangener. „Es ist die umfassendste und niederschmetterndste Erlebnischronik aus der Welt der bayerischen Festungen“, wie der Herausgeber Chris Hirte in seiner Nachbemerkung zu Band 8 der Tagebücher feststellt.

Mühsam liegt aber nicht nur im Kampf mit der bayerischen Justiz, vertreten durch „den Schnösel“, Amtsrichter Dr. Hans Vollmann, der von Februar 1920 bis Mai 1921 zur Leitung der Festungshaftanstalt Niederschönenfeld abgeordnet war. Mühsam liegt auch im permanente Kleinkrieg mit jenen Mitgefangenen, die der Linie der Kommunistischen Partei folgen und den unabhängigen politischen Analytiker und Anarchisten Erich Mühsam mit allen Mitteln bekämpfen und zu isolieren versuchen. Mühsam, der Anhänger Bakunins und Gegner des Marxismus, hält nichts von den Bürokraten des Klassenkampfs. „Denn“, so notiert er am 2. Februar 1921, „die Revolution fließt nicht aus dem Maul marxistischer Streber, sondern aus dem Herzen rebellischer Naturen.“

Gespannt ist dadurch auch das Verhältnis Mühsams zu seinem Schriftstellerkollegen und Mitrevolutionär Ernst Toller, dem er Opportunismus vorwirft, und zu Ernst Niekisch, der sich in der Haft ebenfalls mit den Kommunisten verbündete. Während Toller in seiner Haftzeit zum „berühmtesten deutschen Dramatiker seiner Generation“ (Richard Dove, Ernst Toller – ein Leben in Deutschland, Steidl, Göttingen 1999) avancierte, war Mühsam 1921 so isoliert, dass er nur mit Mühe an Informationen über die Uraufführung seines Stücks „Judas“ am Nationaltheater Mannheim kam. Für Toller, an dem er kein gutes Haar lässt, spricht allerdings, dass er 1920 ein Angebot der bayerischen Landesregierung auf Begnadigung abgelehnt und eine Amnestie für alle politischen Häftlinge gefordert hatte. (Hans-Peter Kraus und Werner Schmitt, Hrsg.: Das Schwalbenbuch).

Immerhin gelingt es Mühsam, unter schwierigsten Verhältnissen von immer wieder verhängter Einzelhaft und Isolation bis zu Schreib- und Besuchsverboten – besonders schmerzhaft für Mühsam die gegenüber seiner Frau Zenzl –, die politischen Verhältnisse und Entwicklungen in Deutschland und in der jungen Sowjetunion kommentierend zu begleiten. Mühsam kritisiert entschieden die Niederschlagung des Aufstands der Kronstädter Matrosen im März 1921 und qualifiziert Lenins Broschüre „Der linke Radikalismus – die Kinderkrankheit im Kommunismus“ als „kläglich“ ab, hofft aber dennoch, ein Bündnis mit den Kommunisten zustande zu bringen und in der Sowjetunion noch eine bedeutende politische Rolle spielen zu können. „Amüsant wird es werden, wenn eines Tages die Sowjetregierung mich anfordert“, freut er sich am 16. Mai 1921, „dann werden die Splitterrichter hier Augen machen.“ Andererseits hatte er hinsichtlich seiner politischen Rolle in der Sowjetunion keine Illusionen: „Meine Stellung wäre, falls ich nicht etwa bei Lunatscharski (Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski, bis 1929 Volkskommissar für Bildung. – Anm. d. Verf.) einen neutralen Posten auszufüllen bekäme, demnach im Vorhinein bei der Opposition – und gewiß wäre mir die Opposition Sinowjews (Grigori Jewsejewitsch Sinowjew, 1921 bis 1926 Mitglied des ZK der Kommunistischen Partei Russlands, 1936 hingerichtet. – Anm. d. Verf. ) längst nicht genug, sodaß die Gefahr, in Russland auch wieder ins Gefängnis gesetzt zu werden, keineswegs blos als Hyperbel aufzufassen ist.“ (11. Mai 1921)

Aus Mühsams Traum, der russischen Revolution mit Krapotkin und Bakunin auf die Sprünge helfen zu dürfen, konnte nichts werden. 1925 scheiterten letzte Pläne einer Reise nach Russland am Widerspruch der KPD. So unrealistisch diese Pläne im Nachhinein anmuten, so traurig ist die Ironie der Geschichte, dass Mühsam seine Freilassung 1924 derselben Amnestie verdankte, durch die auch Adolf Hitler seine kurze, luxuriöse Festungshaft in Landsberg beenden konnte.

Den Zweiten Weltkrieg hat Mühsam schon 1921 als reale Möglichkeit weit vorausgesehen. Am 30. April schreibt er in sein Heft, wenn es den Siegermächten des Weltkriegs nicht gelänge, die Einwohnerwehren und Truppen der Konterrevolution zu entwaffnen, „dann haben die Alldeutschen recht und werden angesichts der Revolutionsmüdigkeit der breiten Massen und der Unfähigkeit der kommunistischen Parteien … ihre Herrschaft stabilisieren und den Versailler Vertrag durch neuen, durchaus aussichtsvollen Krieg zerfetzen.“

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erstellt am 23.10.2015

Erich Mühsam
Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1981-003-08 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Erich Mühsam
Tagebücher 8. 1921
Herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens
Leinen mit Leseband, 272 Seiten
ISBN: 9783940426840
Verbrecher Verlag, Berlin 2015

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