Mit Karl Kardinal Lehmann war er schon einmal so über Kreuz, dass ihm vorübergehend der Hessische Kulturpreis aberkannt wurde. Diesmal aber hat der in Siegen geborene Schriftsteller, Publizist und Orientalist Navid Kermani ohne Probleme den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels empfangen können. Petra Kammann war zugegen und stimmt in den Lobgesang ein.

Friedenspreis an Navid Kermani

Gläubiges Staunen

Von Petra Kammann

Man hatte sich zum Abschluss der diesjährigen Buchmesse in der Paulskirche auf eine Sonntagsrede eingestellt, aber die Dankesrede des Schriftstellers Navid Kermani zur Friedenspreisverleihung brachte mit ihrer Aufforderung zum Gebet die Buchbranche zum Innehalten.

Seit 1978 habe ich an etlichen Friedenspreisfeiern in der Frankfurter Paulskirche, diesem schlichten unkirchlichen Ort, an dem 1848 die deutsche Demokratie grundgelegt wurde, teilgenommen. Doch keine Feier war so berührend wie die Preisverleihung an den deutsch-iranischen Schriftsteller David Kermani. Geehrt werden in der Paulskirche seit 1951 Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland, die sich vornehmlich in Literatur, Wissenschaft und Kunst um den Frieden verdient gemacht haben. Während der schwergewichtige Ehrenpreis inzwischen mit 25.000 Euro dotiert ist, blieb das Ritual des nunmehr 65-jährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels immer gleich. Nach den Grußworten der Repräsentanten der Stadt Frankfurt und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels folgt die Laudatio, an die traditionell hohe Ansprüche gestellt werden.

Nach der offiziellen Verlesung und Übergabe der Urkunde des Friedenspreises wird die Dankesrede gehalten. Im Mittelpunkt stehen also immer die Reden, abgesehen von wenigen Ausnahmen. Als Yehudi Menuhin, der in New York als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geborene Musiker und Dirigent, 1979 ausgezeichnet wurde, schlug er die Anwesenden in Bann, weil er selbst eine Bach-Partita spielte, während der unerschrockene chinesische „Volksschriftsteller“ Liao Yiwu 2012 mit seinen Klangschalen und einem gesungenen Gedicht über die Mütter vom Platz des Himmlischen Friedens das Publikum tief bewegte. Und im vergangenen Jahr war es der amerikanische Informatiker Jaron Lanier, der bei der Preisverleihung eine Kostprobe seiner laotischen Khaen-Flöte, einem siebentausend Jahre alten Instrument, gab. Lanier sah darin eine Vorstufe des Computers, der digitalen Kultur also, zu deren Pionieren er zwar selbst gehört und zu deren großem Kritiker er sich zwischenzeitlich entwickelt hat. Abgesehen von diesen unerwarteten musikalischen „Zugaben“ ist das Friedenspreis-Zeremoniell von der Sprache, vom Wort, geprägt. Im Rahmen der Paulskirche bekommen dann auch die Worte der sprachmächtigen Preisträger jeweils eine ganz neue und eigene Bedeutung.

So wie in diesem Jahr. Ungewöhnlich genug war schon die persönlich gefärbte Grußrede des Vorstehers Heinrich Riethmüller, der seinen Einstieg mit Versen aus „Hyperions Schicksalslied“ von Friedrich Hölderlin fand und damit sowohl poetisch als auch politisch seine Verbindung zum engagierten Dichter Navid Kermani herstellte. „Heute, da wir nicht mehr an ,die Götter’ glauben, hat das Leid der Welt für jeden aufgeklärten und politisch denkenden Menschen eine andere Dimension bekommen“. Der Tübinger Buchhändler begründete die Wahl des Schriftstellers zum Friedenspreisträger auch im Namen der Jury damit, dass wir neue, heute glaubwürdige Vorbilder brauchen und dass der Mensch Navid Kermani ein solches Vorbild sei. Dieser sei „ein aufgeklärter Bürger, der Hölderlin und die Poesie liebt, der aus der Literatur und aus seiner Religiosität die Anregungen, Erkenntnisse und Kraft“ schöpfe, die „angesichts einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, alle brauchen“.

Navid Kermani verkörperte diesen Wunsch. Seine eindringlichen Worte hallen noch immer nach, und er verwandelte am Ende seiner Rede den nüchtern klassischen Raum der Paulskirche in einen sakralen Raum mit seiner Aufforderung an die Besucher, unter denen wohl etliche Agnostiker gewesen sein dürften, nicht zu applaudieren, sondern stattdessen für die Opfer des Islamischen Staats zu beten, konkret „für Pater Paolo und die zweihundert entführten Christen von Qaryatain“ der syrischen Gemeinde. Wer wolle, dürfe beim Beten auch gerne aufstehen, um den Propaganda-Videos des IS ein Bild der Brüderlichkeit entgegenzusetzen. Und wer nicht religiös sei, der könne zumindest mit seinen Wünschen bei den Geiseln, bei den Opfern dieses Krieges sein.

Offen und bar jeglichen selbstauferlegten Denkverbots formulierte der Zweifelnde Fragen wie: „Darf ein Friedenspreisträger an Krieg denken (oder gar dazu auffordern)?“ Und warum hatte Kermani sich für das Beten entschieden? Was seien – so begründete er seine Entscheidung – Gebete letztlich anderes als Wünsche, die an Gott gerichtet sind? „Ich glaube an Wünsche und dass sie mit oder ohne Gott in unserer Welt wirken. Ohne Wünsche hätte die Menschheit keinen der Steine auf den anderen gelegt, die sie in Kriegen so leichtfertig zertrümmert“. Die integrierende Kraft des so formulierten Gebets, das eine angemessene Stille erzeugte, dürfte den meisten wohl als einmaliges Gemeinschaftserlebnis in Erinnerung bleiben.

Der Aufruf zum gemeinsamen Gebet hatte nichts Peinliches, denn man nahm dem selbstbewussten, in Deutschland aufgewachsenen 47-jährigen Schriftsteller und Orientalisten, dessen Themen der Koran, die Poesie und die islamische Realität sind, auch die Ernsthaftigkeit seines Anliegens ab. Immer wieder erinnerte er an den schöpferischen Impuls als wichtige Grundlage der Kultur. Schmerzlich konstatierte er, dass der moderne, poetisch inspirierte Islam zerstört worden sei. Zugleich appellierte er an die Verantwortung und an das Selbstbewusstsein des Westens, in den er sich – indem er “wir” sagt – erkennbar einbezieht: „Und erst, wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen. Wahrscheinlich werden wir Fehler machen, was immer wir jetzt auch tun. Aber den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun, den des ,Islamischen Staates‘ und den des Assad-Regimes.“

Kermanis Rede kreiste um den christlichen Führer einer Gemeinschaft, der in der Liebe zu einer anderen Religion bereit gewesen war, sein Leben zu gefährden. Dem Prior des syrischen Mar Elian-Klosters von Qaryatain, dem auch die islamische Religion liebenden Pater Jacques Mourad, der zwischenzeitlich vom IS verschleppt worden war, gelang es inzwischen zu entkommen, weil man ihm auf wohl dramatische Weise zur Flucht verholfen hatte. Er muss aber immer noch um das Leben seiner zweihundert entführten christlichen Gemeindemitglieder von Qaryatain bangen. Vom gleichgesinnten Jesuitenpater Paolo Dall’Oglio, der in der Nähe von Damaskus in der Wüste das syrisch-katholische Kloster Dair Mar Musa al-Habaschi begründet und zu einem Hoffnungsort gemacht hat, fehlt bislang jegliche Spur. Er hatte dort für religiöse Verständigung geworben, das Verbrechen des Assad-Regimes angeprangert und sich unbeirrt für den Frieden eingesetzt. Seit seiner Verschleppung von IS-Terroristen vor zwei Jahren weiß man nicht, ob er überhaupt noch lebt.
Im Verhalten ihm gegenüber zeige sich der Niedergang der Tradition der islamischen Kultur, der Geschichte der islamischen Mystik und der einst hochentwickelten Koran-Deutung. Kermani beklagt den „schon fast vollständigen Bruch mit dieser Tradition“, den „Verlust des kulturellen Gedächtnisses“. Er schreibt über diesen christlich-muslimischen Märtyrer in seinem letzten Buch, das sich mit der christlichen Kunst beschäftigt und eine Art „Liebeserklärung“ an das Christentum darstellt: „Wenn ich etwas am Christentum bewundere, oder vielleicht sollte ich sagen: an den Christen, deren Glaube mich mehr als nur überzeugte, nämlich bezwang, aller Einwände beraubte, wenn ich nur einen Aspekt, eine Eigenschaft zum Vorbild nehme, zur Leitschnur auch für mich, dann ist es nicht etwa die geliebte Kunst. Es ist die spezifisch christliche Liebe. Die Liebe, die ich bei vielen Christen und am häufigsten bei jenen wahrnehme, die ihr Leben Jesus verschrieben haben, den Mönchen und Nonnen, geht über das Maß hinaus, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte: Ihre Liebe machte keinen Unterschied.“ Verliebt könne man immer nur in den anderen sein, auch in eine andere Religion, so Kermani. Selbstliebe müsse dagegen stets den Selbstzweifel kennen: „Wie sehr gilt das für den Islam heute! Wer als Muslim nicht mit ihm hadert, nicht an ihm zweifelt, nicht ihn kritisch befragt, der liebt den Islam nicht.”

Der in Deutschland aufgewachsene Sohn iranischer Eltern Navid Kermani hat die Kraft, Brücken zwischen den verschiedenen kulturellen Welten zu bauen, weil er die verschiedenen Ufer kennt, als Mensch, als Schreibender, als Reporter, als Wissenschaftler. So lotet der habilitierte Islamwissenschaftler nicht allein den historisch-religiösen Hintergrund der Krisenländer im Nahen Osten aus, als Reporter scheut er auch keine Reise in die „beunruhigte Welt“ zwischen Kaschmir und Lampedusa, um sich bei seinen west-östlichen Erkundungen ein eigenes Bild von der Situation der jeweiligen Länder zu machen. Als echter Kosmopolit schöpft er sowohl aus der deutsch-iranischen wie aus der christlich-muslimischen Kultur. Dies zeigt sich vor allem in dem schon erwähnten, im Verlag C. H. Beck erschienenen Band „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum.“ Da nähert sich Kermani dem Christentum über die bildende Kunst und lässt sich ganz subjektiv auf die farbige Bilderwelt der christlich geprägten italienischen Malerei ein.

Auslöser für seine Expedition war ein Stipendium der Villa Massimo in Rom, wo Kermani sich völlig unbefangen über das jüdische, christliche und muslimische Bilderverbot hinwegsetzte und sich von der üppigen Sinnlichkeit der Malerei dazu verführen ließ, in den prächtigen Gemälden der Barockzeit die Schönheit des Christentums und den Sinn des christlichen Glaubens für sich zu entdecken. Der Titel der daraus entstandenen Studie ist dann auch Programm: „Ungläubiges Staunen“. Mit der so formulierten (scheinbar) naiven Ausgangshaltung lässt Kermani 40 verschiedene christliche Szenen in den Gemälden Rembrandts, El Grecos oder Caravaggios auf sich wirken, um sie dann zu deuten und weitere Schlüsse für allgemeinere Überlegungen zu Ethik und Religion daraus zu ziehen. Auch Gerhard Richters zeitgenössische Kirchenfenster im Kölner Dom nimmt er bei seinen Betrachtungen nicht aus. Dabei will er zeigen, dass die elementaren Unterschiede zwischen Christentum und Islam nicht so gewaltig sind und lediglich in den extremen Ausprägungen der beiden Religionen existieren.

Herausgekommen ist bei seiner sehr persönlichen Reise also nicht, wie man bei einem Wissenschaftler vermuten könnte, eine wissenschaftliche Erörterung, die einer kunsthistorischen Systematik folgt, sondern eine frische unverstellte Sicht auf die christliche Bilderwelt, auf Gemälde und Skulpturen von Gott, Maria, Jesus, die Heiligen, sowie dem skandalösen Hauptsymbol des Christentums, das Kreuz. Der Eindruck, der beim Lesen entsteht, ist die wachsende Gelassenheit und das gegenseitige Interesse zwischen den Religionen. Staunend kann sich daher der Leser anhand der Gemälde von Gott, Jesus, Maria und den Heiligen den Bildwerken ästhetisch annähern und mittels der Werke Botticellis, Rembrandts oder der verstörenden Bilder Caravaggios wie „Die Berufung des Evangelisten Matthäus“ den eigenen Blick erweitern, indem er den Sinn für das Schöne in der Darstellung des Hässlichen erfährt. Weder lässt der Autor sich dabei von der mächtigen Tradition kunsthistorischer Bildbetrachtung noch vom religiösen Bilderverbot einschüchtern.

Befragt, in welcher professionellen Rolle er selbst sich sieht, zitiert er seine dreijährige Tochter, er sei ein „Les-Schreiber“. Vielleicht hat der im muslimischen Glauben verankerte und christlich gebildete Schriftsteller in der Lust auf Bildung und im gemeinsamen Gebet einen Funken Hoffnung vermittelt, auch neu über die westlichen Werte nachzudenken, was Achtung und Respekt gegenüber anderen religiösen Traditionen nicht ausschließt. Fast in einem Nebensatz erwähnt er, dass man nie in unseren Medien sehe, dass die Kaaba von Mekka von der größten Shoppingmall mit der Werbung Apple und Gucci überragt wird. Kermani verkörpert im besten Sinne des Wortes den aus der Mode gekommenen Schriftgelehrten. Ein neues altes humanistisches Vorbild nach dem Wunsch des Stiftungsrates, das Schule machen sollte.

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erstellt am 21.10.2015

Navid Kermani, Foto: Petra Kammann

»Wahrscheinlich werden wir Fehler machen, was immer wir jetzt noch tun«, sagte Kermani. »Aber den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun, den des ›Islamischen Staates‹ und den des Assad-Regimes.«

»Ich glaube an Wünsche und dass sie mit oder ohne Gott in unserer Welt wirken. Ohne Wünsche hätte die Menschheit keinen der Steine auf den anderen gelegt, die sie in Kriegen so leichtfertig zertrümmert.«

»Ein Friedenspreisträger soll nicht zum Krieg aufrufen. Doch darf er zum Gebet aufrufen.«

Friedenspreis des Deutsche Buchhandels 2015 an Navid Kermani. Hier mit Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller. Foto: Petra Kammann