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Arthur Miller hat ein Werk geschaffen, das das amerikanische Drama und das Theater geprägt hat. In seinen Stücken geht es immer um eine freie, mündige Entscheidung, um kollektive und um individuelle Moral. Stefana Sabin würdigt den Dramatiker, der vor hundert Jahren geboren wurde.

Würdigung

Ein idealistischer Moralist

Zum 100. Geburtstag des amerikanischen Dramatikers Arthur Miller

Von Stefana Sabin

Er war eine legendäre Figur, der „grand old man” des amerikanischen Theaters, der der dramatischen Form neue Möglichkeiten abgewonnen und sich dabei den Status eines Klassikers erschrieben hatte – und ein engagierter Schriftsteller, der weder seine politischen Ziele noch seine ästhetischen Ansprüche verraten hat. Tatsächlich war Arthur Miller, der von 1915 bis 2005 lebte, nicht nur berühmt, sondern auch populär.

In der Zeit der Weltwirtschaftskrise in New York aufgewachsen, fing Miller als Student in Michigan an, Theaterstücke zu schreiben. Nach New York zurückgekehrt, schaffte er mit „Alle meine Söhne” 1947 den Durchbruch als Dramatiker. Dieses erste Stück steht ganz unter dem Einfluss Ibsens: das Konfliktpotential liegt in der Vergangenheit, und die Handlung zwingt die Personen, sich miteinander auszusprechen. Das müssen die Figuren in seinem zweiten Stück, „Tod des Handlungsreisenden” (1949), nicht mehr, denn da liegt das Zentrum des Geschehens im Bewusstsein des Handlungsreisenden, und die Vergangenheit kommt auf die Bühne: das, woran die Figur denkt oder woran sie sich erinnert, wird gespielt. Damit entfernt sich Miller vom dramatischen Formpostulat und macht die Erinnerung zum Gestaltungsprinzip. Inhaltlich reichert er die Geschichte eines Einzelschicksals mit Elementen der Familientragödie an und formt diese zum Sozialdrama um. So ist das Stück eine bewegende Geschichte von Betrug und Selbstbetrug, die Miller den Pulitzer-Preis einbrachte und am Broadway ein Riesenerfolg wurde ‒ vor wenigen Jahren mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle noch einmal. Ein großer Erfolg wurde auch „Hexenjagd”: 1953 uraufgeführt, ist es ein politisches Stück, in dem gezeigt wird, wie leicht eine friedliche Gemeinschaft sich durch die fanatische Auslegung ihres eigenen Rechts selbst zerstört. Das Stück entstand unter dem Eindruck der hysterischen Kommunistenjagd des Senators McCarthy, unter der Miller selbst zu leiden gehabt hatte. (Damals hatte er in seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Marilyn Monroe, eine solidarische Partnerin gefunden. Die Ehe ging trotzdem auseinander, und 1962 heiratete er die Fotografin Inge Morath, mit der er mehrere Reiseberichte und Fotobände herausgegeben hat.)

Mündigkeit und Moral

In seinem dramatischen Werk vollzog sich in den sechziger Jahren ein Übergang zum psychologischen Realismus: „Nach dem Sündenfall” (1964) ist ein rein psychologisches Drama, dessen Handlung in einem Selbstgespräch besteht. Mit dem Monolog hatte Miller sich noch mehr von der herkömmlichen dramatischen Form entfernt. In „Zwischenfall in Vichy” (1964) fand er zum dramatischen Formpostulat zurück. Die Einheit von Ort, Zeit und Handlung und der Dialog bestimmen das Stück, das im Zweiten Weltkrieg in Vichy spielt, wo ein österreichischer Prinz seinen Passierschein einem Juden überlässt und selbst in der Gewalt der Nazis zurückbleibt. Miller konzentriert sich auf die individuellen Beweggründe, die zum Selbstopfer des einen und zur Rettung des anderen führen, und zeigt, wie nahe Schuld und Unschuld beieinander liegen können.

Immer geht es bei Miller um freie, mündige Entscheidung, um kollektive und um individuelle Moral. Das war schon das Thema in „Hexenjagd“, und das ist auch das Thema in „Die Erschaffung der Welt und andere Geschäfte” (1972), einer spielerisch-philosophischen Auseinandersetzung zwischen Gott und Luzifer über Gut und Böse, oder in dem Fernsehfilm „Spiel um Zeit” (1981), der nach den Memoiren von Fania Fénelon, „Das Mädchenorchester in Auschwitz”, entstand. Fénelon überlebte Auschwitz als Mitglied eines Frauenorchesters, das zur Unterhaltung der SS und bei Vernichtungsaktionen zu aufzuspielen hatte. In seiner Bearbeitung dieses dramatischen Stoffes ist Miller ein erschütterndes Psychogramm von Menschen in einer Extremsituation gelungen. Ohne die Mitglieder des Frauenorchesters zu kulpabilisieren, lässt Miller keinen Zweifel an der Unmöglichkeit ihrer Kunst; er verwirft die „reine Kunst” ebenso wie Zweckbestimmtheit von Kunst und impliziert, dass erst im sozialen und politischen Kontext die Bedeutung der Kunst erkennbar wird.

Dass Kunst in strengem Zusammenhang mit dem sozialen und politischen Kontext stehe und dass Erinnerung, allgemeine und private, die Existenz bestimme ‒ das sind die Pfeiler des Millerschen Werks. Die Erinnerung ist es, die erinnerte Vergangenheit, was in seinen Stücken immer wieder zur dramatischen Form gelangt und was er in seinen Memoiren „Zeitkurven” (1987) heraufbeschwört. In der Tradition der „Erziehung des Henry Adams” kombiniert Miller Lebens- und Zeitgeschichte und stellt immer wieder die Autobiographie hinter das Sozialgemälde zurück. So gelingt ihm ein eindrucksvoller Bericht über Amerika seit der Weltwirtschaftskrise und ein subtiles Psychogramm seiner Familie. Zugleich sind Millers Memoiren ein Versuch über das Erinnern und über das Niederschreiben des Erinnerten.

Jüdisches Schicksal

So beschwört Miller in der späten Erzählung „Unscheinbares Mädchen, ein Leben“(1993) die Erinnerung einer Figur und rekonstruiert dabei eine ganze Epoche, die Zeit der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs. Diese Erzählung ist eine kleine Lebensgeschichte, und ein kleines Sozialgemälde New Yorks. Und auch in seinem letzten Theaterstück, „Scherben” (1994), wählt Miller eine vergangene Zeit, die dreißiger Jahre, um vor dem Hintergrund der Weltkatastrophe eine private Tragödie zu gestalten, eine Ehekrise und ein Beziehungsdrama. Miller macht das jüdische Schicksal und die jüdische Identität zu seinem Thema, und suggeriert, dass Verbundenheit zugleich die zerstörerischste und die heilsamste Kraft im Leben ist: die Probleme anderer übernehmen, heißt, die eigenen verschlimmern; sie zu ignorieren, heißt, emotional verkommen.

Dieses Paradox der menschlichen Existenz hat Miller immer wieder beschrieben und dabei ein Werk geschaffen, das in Form und Inhalt das amerikanische Drama ‒ und das Theater überhaupt ‒ geprägt hat. Dem sozialen Realismus ebenso verpflichtet wie dem psychologischen, hat Miller versucht, existentielle Konflikte derart auf die Bühne zu bringen, dass – wie er in seinen Essays schreibt – „das Wahrheitsbewußtsein der Menschheit” erhöht wird. Miller war nicht nur Moralist, sondern auch Idealist.

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erstellt am 20.10.2015

Arthur Miller
Arthur Miller

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