Im Jahr 1980 hat Giorgio Strehler an der Mailänder Scala Mozarts Oper „Hochzeit des Figaro“ einstudiert. Seine Interpretation war so überzeugend, dass man sie auch nach Strehlers Tod im Jahr 1997 auf dem Spielplan beließ. Nun ist eine Aufzeichnung von 2006 auf Blu-ray und als Doppel-DVD neu erschienen, berichtet Thomas Rothschild.

DVD

Strehlers Mailänder Figaro

Von Thomas Rothschild

Es kann nicht nur an der Musik liegen, wenn so viele Regisseure, die auf dem Sprechtheater zur ersten Garnitur zählen, der Herausforderung nicht widerstehen können, Mozart-Opern zu inszenieren. Es sind schon auch die Libretti, die ihnen reizvoll erscheinen, weil sie Raum lassen für szenische Fantasie.

Im Jahr 1980 hat Giorgio Strehler an der Mailänder Scala Mozarts „Hochzeit des Figaro“, die nach der „Zauberflöte“ und nach „La traviata“, „Carmen“ und „La bohème“ meistaufgeführte Oper, einstudiert. Seine Interpretation war so überzeugend, dass man sie auch nach Strehlers Tod im Jahr 1997 auf dem Spielplan beließ. 2006 hat die RAI sie aufgezeichnet.

Strehler beweist mit dieser Inszenierung, dass Kostümtheater keineswegs museal oder altmodisch wirken muss. Wie der spätere Peter Stein, nimmt er Libretto und Musik ernst, versucht er nicht, sich auf deren Kosten zu profilieren. Strehler, der Meister der Commedia dell'arte, arbeitet am „Figaro“ vor allem das Komödiantische heraus, ohne dass die politische Dimension darunter litte. Politisch ist diese Aufführung insofern, als die unteren Stände gegen die feudale Arroganz des Adels rebellieren – nicht indem sie ihn direkt bekämpfen (das war weder da Pontes, noch Mozarts Ding), sondern indem sie ihn der Lächerlichkeit preisgeben. Im Spott treffen sich die Komödie und die Aufklärung. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass da Ponte die Vorlage von Beaumarchais entschärft habe. Strehler gibt der Oper die politische Signifikanz zurück, obwohl der Standesunterschied eher behauptet als in Haltung und Ausdruck gespielt wird. Er verzichtet auch nicht auf die für den Handlungsablauf unbedeutenden Arien Marcellinas und Basilios im vierten Akt, „Il capro e la capretta“ und „In quegli anni“, die meistens gestrichen werden, die beiden Rollen aber aufwerten.

Giorgio Strehler hat aber auch eine lyrische Ader. Er inszeniert den „Rosenkavalier“ gleich mit, wenn er die Empfänglichkeit der Gräfin für Cherubinos Liebeswerben zeigt, wobei die Gitarre zupfende Susanne diskret zur Seite schaut. Es gelingt Strehler, die Darsteller psychologisierend und zugleich aus der Bewegung der Musik heraus zu führen.

Zugleich aber vergisst er in keinem Moment, dass Theater, auch Musiktheater, ein visuelles Medium ist. Seine Arrangements im Bühnenbild von Ezio Frigerio sind von pittoresker Schönheit. Dabei wird erkennbar, was eine sorgfältige Lichtregie zu leisten vermag.

Den Figaro spielt Ildebrando D'Arcangelo, der diese Rolle an einem großen Teil der bedeutendsten Opernhäuser der Welt gesungen hat. Die Sensation aber ist Diana Damrau in einer der attraktivsten Rollen der Opernliteratur. Sie kann als Susanna sängerisch wie schauspielerisch den Vergleich mit all den Stars aushalten, die die verschmitzte, gescheite Zofe verkörpert haben. Sie sieht aus wie Glenn Close in den „Gefährlichen Liebschaften“, aber aus Stein muss sein, wer ihrem verführerischen plebejischen Charme nicht verfällt. D'Arcangelo wiederum erinnert im Aussehen an Tobias Moretti und ist dem Grafen in jeder Beziehung überlegen.

Das Orchester des Teatro alla Scala unter dem Dirigat von Gérard Korsten, eigentlich spezialisiert auf Italianitá, zeigt, dass es auch Mozart mit der erforderlichen Leichtigkeit und Transparenz spielen kann. Dass ihm die innige Cavatine der Gräfin im zweiten Akt und das Duett von Gräfin und Susanna im dritten Akt besonders liegen, wird nicht verwundern.

Arthaus Musik hat die Aufzeichnung von 2006 jetzt in seiner Serie von „Legendären Aufführungen“ als Blu-ray und als Doppel-DVD neu herausgebracht.

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erstellt am 19.10.2015

Wolfgang Amadeus Mozart
Le nozze di Figaro
Teatro alla Scala, 2006
Regie: Giorgio Strehler
Arthaus Musik

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