Die Mittelschicht hat Angst vor der Unterschicht. Und braucht sie, um nicht selbst Unterschicht zu werden. Raoul Löbbert zeichnet den Weg der letzten Jahre nach. Ein Blick auf Entwicklungen und Wahrnehmungen, Abgrenzungen und Hilflosigkeiten…

Essay

Und raus bist Du …

Zwischen Mittel- und Unterschicht

Von Raoul Löbbert

Die Geschichte der neuen deutschen Unterschicht beginnt tief in den Achtzigern mit „Ich heirate eine Familie“, Peter Weck und einem Meerschweinchen namens Bommel. Vierzehn Folgen lang spielt Weck in der ZDF-Serie den selbstständigen Werbegrafiker Werner Schumann, der sich in die alleinerziehende Mutter und Boutique-Betreiberin Angi (Thekla Carola Wied), ihre drei mäßig renitenten Kinder und das Dasein als Paterfamilias verguckt. Mit der Hochzeit ist alles klar: Der Prototyp der modernen Mittelschicht ist die flexible Patchworkfamilie à la Schumann.

Dem Mittelschichtmann geht es gut in den Achtzigern. Er kann sich wie Werner ein Einfamilienhaus, zwei Mercedes Kombi, ein Meerschweinchen und sogar ein wenig Solidarität mit den paar Armen leisten. Ohne Murren zahlt er in die Sozialsysteme ein. Die Bedürftigen sind versorgt, die Jobs sicher, die Rente auch.
Alles im Lot in der alten Bundesrepublik.

Spätestens seit der Jahrtausendwende ist diese Zeit der Sicherheit vorbei. Der Soziologe Ulrich Beck sah schon in der Blütezeit der Mittelschicht und Mittelschichtsfamilienserien, also den Mittachtzigern, die „Risikogesellschaft“ voraus. Der „fortgeschrittenen Moderne“ kassandrate er das Ende aller Gewissheiten. Angekommen in der Postpostpostmoderne, kann sich heute ein Durchschnittsfamilienvater höchstens noch ein Meerschweinchen, nicht aber ein Einfamilienhaus leisten, ohne sich bis zur nächsten Jahrtausendwende zu verschulden. Zumindest „gefühlt“ …

Wie die Publizistin Ulrike Herrmann in ihrem kürzlich erschienen Buch „Hurra, wir dürfen zahlen“ feststellt, begann die Verunsicherung aller Mittelschichtbiografien mit dem Sinken der Reallöhne: „Und sie sinken in Deutschland seit Jahren“, schreibt Herrmann. „Und wichtig ist, zu wissen, dass sie nur in Deutschland in dieser Weise sinken.“ Gleichzeitig hielt, so Berthold Vogel vom Hamburger Institut für Sozialforschung, die Fragilität von Beschäftigung zunehmend „Einzug in die stabilen Kernbereiche der Arbeitsgesellschaft“, in „Branchen, die man einst mit besten Karrierechancen und sozialer Sicherheit gleichsetzte“.

Bis hinauf in die Mittelschicht sickert seitdem durch feine Kapillaren das Gift der prekären, der unsicheren Beschäftigung. Mittelschicht definiert sich heute weniger über Statussymbole wie Häuschen, Mercedes oder die Boutique als Beschäftigungstherapie für die Frau als über die soziale Seinsfrage: Job oder Nicht-Job?
Denn inzwischen, so Ulrike Herrmann, „ist jeder ,drinnen‘, der als Arbeitsloser nicht ,draußen‘ ist“. Es kriselt also in der
Mittelschicht. Fehlendes Selbstbewusstsein kann der Paterfamilias nicht mehr ohne weiteres mit einem Porsche kompensieren. Also versucht er, sein kleiner werdendes Gärtchen Eden mit einem Jägerzaun aus Vorurteilen gegen jeden abzugrenzen, dem es schlechter geht als ihm.

Seit einer spektakulären Milieustudie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahre 2006 hat die gesichtslose Armut vor dem Törchen einen Namen: das „abgehängte Prekariat“, jene acht Prozent der Arbeitslosen ohne Qualifikation und Perspektive sind damit gemeint. In der modernen Arbeitswelt bilden sie die einzig real existierende Parallelgesellschaft, mit der keine Personalabteilung etwas zu tun haben will. In ihr ist Aufstieg unmöglich und Resignation erblich geworden. Einmal Prekariat, immer Prekariat.

Dem Vorgärtchen-Verteidiger der Mittelschicht muss dieses Heer der Armen wie die Zombie-Armee aus George Romeros Splatter-Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ vorkommen. Nicht ganz tot, aber auch nicht lebendig, will sie, schlimmer als an sein Gehirn, an seinen Geldbeutel. Ein sozialer Horrorfilm, den Boulevardmedien und Boulevardpolitiker gern mit tumben Sozialschmarotzern besetzen. Der tägliche Grusel Faulheit für den wohl verdienten Feierabend vor dem Fernseher.

Unterschicht ist heute, wie der Wiener Soziologe Sighard Neckel schreibt, zum „inneren Ausland“ geworden, einer bedrohlichen Fremde mitten unter uns, auf die sich wunderbar eigene Existenzängste und Selbstzweifel projizieren lassen. Das Unterschichten- oder genauer Über-Unterschichtenfernsehen für die verunsicherte Mittelschicht verschärft die Vorverurteilung noch. Es wurde zum Distinktionsmittel für jeden, der sich für etwas Besseres hält und „Jawohl“ ruft, wenn Westerwelle Hartz-IV-Empfänger zur Zwangsarbeit an der Schneeschippe verpflichten will.

Die Politik tarnt das Ressentiment rhetorisch: Die Zombies des Arbeitsmarktes sollen „gefördert“ und – vor allem – „gefordert“ werden. Das klingt gut, sagt aber wenig bis auf dies: „Hört auf, planlos durch den Tag zu schlurfen! Wir zeigen euch, wo’s langgeht! Aber wenn ihr uns in die öffentliche Hand beißt, setzt’s was!“
Anstatt ihn zu ermutigen, wird der Arme bevormundet. Solidarität mutiert in der Risikogesellschaft so zu etwas, was es in einem Sozialstaat eigentlich nicht geben darf: zu einer königlichen Gnade, die gewährt wird oder nicht. Voraussetzung ist, dass der Schwache sich nicht in seine Schwachheit fügt. Armut wird zur
Schuldfrage. Wer dauerhaft arm ist, hat versagt, er ist nicht flexibel, sondern abhängig.

Ist der Hilfsbedürftige einmal als Schuldiger markiert, ist es nur ein kleiner Schritt bis zur Abkehr von ihm. Vordenker dieses Sozialhilfe-Darwinismus ist der US-Politikberater Charles Murray. Anfang der Neunziger forderte er den Abbau des Sozialstaats mit dem Satz: „Money isn’t the key. Authentic self-government is“ –
nicht Geld ist der Schlüssel, sondern das Regieren des Selbst in Eigenverantwortung. Dabei wird gern vergessen, dass das abgehängte Prekariat überwiegend gar nicht aus lethargischen Sozialstaatskannibalen besteht.
Im Gegenteil belegen Studien, dass viele Langzeitarbeitslose durchaus ihr Leben zu regieren versuchen. Sie sind Überlebenskünstler, die viel Kreativität aufbringen, um sich und ihre Familie mit dem bisschen, das sie haben, über Wasser zu halten.

Doch selbst bei den sich von der Gesellschaft Abschottenden kommt man mit Forderung und Förderung nur weiter, wenn man nach den Gründen für den Rückzug fragt. Antworten finden sich weniger bei den Abgehängten als bei den (noch) im Arbeitsleben Stehenden. Bei unserem Verhältnis zur Arbeit an sich.
Seit den 1980er-Jahren hat sich die Arbeitswelt radikal verändert. Lebenslange Bindungen an eine Firma sind die Ausnahme. Erfahrung zählt weniger als Ausbildung. Wer einen schlechten oder keinen Schulabschluss hat, wird anders als in den goldenen Jahren der deutschen Wirtschaft nur noch selten von Handwerk oder Industrie aufgefangen. Einem Teil der Jugendlichen ist so die Chance genommen, ins Arbeitsleben einzusteigen.

Arbeit verliert ihre integrierende Kraft. Die Angst vor dem Scheitern ist die Kollektiverfahrung der verunsicherten Gesellschaft. Manche spornt sie zur permanenten Höchstleistung, zum neurotischen Weiterbildungswahn an, andere lässt sie erstarren wie das Meerschweinchen vor der Schlange. Verbindliche Regeln, die das Leben bis zur Rente halbwegs sicher machen, existieren nicht.

Selbst Bildung ist kein Garant mehr für Erfolg. Weil das Arbeitsleben unkalkulierbar geworden ist, wird das Regieren des Selbst scheinbar zur Glückssache. Kein Wunder also, wenn viele es gar nicht erst versuchen, weil sie spüren, dass der Markt sie mit ihren Talenten nicht will.

Zudem wimmelt die Arbeitswelt von heute von frustrierenden und die Motivation raubenden Paradoxien. Manche entstanden mit der Agenda 2010, andere wurden von ihr verschärft: Warum etwa hat die alleinerziehende Mutter zweier Kinder mit Hartz IV mehr in der Tasche, als wenn sie arbeiten geht? Warum werden die flexibelsten Arbeitnehmer – Leiharbeiter, Scheinselbstständige und anderweitig atypisch Beschäftigte – vom flexiblen Arbeitsmarkt bestraft statt belohnt? Anstatt über den zweiten in den ersten Arbeitsmarkt aufzusteigen, sind sie schlechter bezahlt, leichter kündbar und machen doch dieselbe Arbeit wie Festangestellte. Warum führt Zeitarbeit, wie eine aktuelle Vergleichsstudie der Bertelsmann-Stiftung über die Arbeitsverhältnisse in 23 europäischen Ländern ergab, zu einer „deutlichen Tendenz der Spaltung zwischen größer werdender Rand- und schrumpfender Kernbelegschaft“? Dabei sollte sie doch das Gegenteil bewirken.

Auf alle diese Fragen wissen Ökonomen kluge Antworten, doch sind sie in einer Gesellschaft, die zunehmend aus Randbelegschaften besteht, immer schwerer vermittelbar. Marktwirtschaft braucht Ungleichheit, das war schon immer so. Gesellschaften müssen das akzeptieren. In wirtschaftlichen Umbruchzeiten wird das Maß der hinzunehmenden Ungleichheit neu austariert. Die politische Antwort auf die Ungleichheit der Industrialisierung etwa war der Sozialstaat. In der heutigen Phase der Flexibilisierung wirkt er mehr und mehr wie ein Preisboxer, der mit den Armen durch die Luft rudert in der Hoffnung, irgendwas zu treffen. Dabei müsste er mit Mohammad Ali gesprochen „fliegen wie ein Schmetterling und stechen wie eine Biene“. Gleichzeitig ist der Ring größer geworden, durch den sich dieser müde Kämpfer schleppt.

Die Flexibilisierung ist nur eine Begleiterscheinung eines weit größeren Umbruchs: der Globalisierung. Wirtschaftlichem Handeln sind keine nationalen Grenzen mehr gesetzt, dem Sozialstaat schon. Damit verändert sich die Definition von arm und reich, gerecht und ungerecht. Wenn der finnische Handyhersteller Nokia etwa seine Produktion von Bochum nach Rumänien transferiert, mag das den Entlassenen in Deutschland ungerecht erscheinen. Was aber würden die Rumänen sagen, wenn Nokia nicht käme, obwohl es in Rumänien alles gibt wie in Deutschland – nur günstiger? Wäre das gerecht? Eine globale oder zumindest europäische Sozialpolitik, die Ungleichheiten auffängt, ist so utopisch wie ein Flug zum Mars. Schlimmer noch: Anders als die Landung auf dem Nachbarplaneten wird sie nicht einmal gedacht.

Mit der Internationalisierung von Arbeit und den sich daraus ergebenden nationalen Konsequenzen ist der Wohlfahrtsstaat hoffnungslos überfordert. Trotzdem gibt es keine Alternative zu ihm – das ist sein Paradoxon. Nie wurde so viel Geld aus Schulden ins System gepumpt, nie war der Sozialstaat aber auch so kurz davor, seinen eigenen Ansprüchen (Versorgung der Armen, Ausgleich von Ungerechtigkeit) nicht mehr gerecht zu werden. Während durch die demografische Krise die Zahl der Einzahler schrumpft, gibt es
immer mehr Menschen, denen über Jahrzehnte erzählt wurde, dass die Abbuchung in Alter und Not sicher ist.

Die Politik ist sich der Unfinanzierbarkeit dessen bewusst, weiß aber auch nicht, was sie machen soll. Das wenigste wäre, therapeutisch tätig werden. Mehr noch als um Gerechtigkeit geht es im Sozialstaat um das Gefühl, gebraucht zu werden. Wenn also Guido Westerwelle Hartz-IV-Empfänger zum Schneeschippen abkommandiert, dann könnte er ihnen die Schaufel mit einem „Danke, dass es dich gibt“ überreichen.

Das wäre ein schöner realpolitischer Hintergrund für eine Fortsetzung der Schumann-Saga mit einem freiheitlich-liberalen Product-Placement: Während Werner als glücklicher Rentner mit Frau Angi den Lebensabend auf Mallorca genießt, tritt Tochter Tanja als ehemalige Kunstgeschichtsstudentin mit Ende dreißig ins Berufsleben ein: Sie wird auf Stundenbasis die persönliche Assistentin von irgendwem. Marcus, der Älteste, entdeckt sich währenddessen selbst auf einem Segeltrip durch die Ägäis. Die Finanzkrise hat seinem Aufstieg als Investment-Banker ein jähes Ende bereitet.

Bleibt Tom, das schwarze Schaf der Familie. Weil seine beiden berufstätigen Eltern sich nicht um ihn kümmern, hängt er nach der Schule immer mit Jungs rum, mit denen man eigentlich nicht rumhängt. Mit dreizehn fängt er an, Klebstoff zu schnüffeln. Er verpasst seinen Hauptschulabschluss knapp, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, lebt von Stütze. Schließlich liegt er röchelnd und fett auf der Couch und schaut den ganzen Tag fern. Dann, als er durch ein Einfamilienhausviertel zum Textildiscounter seines Vertrauens schlurft, die mitfühlende Stimme Westerwelles aus dem Off: „Arbeit wird sich wieder lohnen!“ Die Wolken teilen sich. Aus dem Nichts fällt Tom eine blau-gelbe Schaufel vor die Füße. Sein Leben hat nun einen Sinn. Fortan schippt er Schnee, bis der Abspann kommt. Er schippt und schippt. Und wenn es einmal Sommer wird, dann schippt er einfach weiter.

erstellt am 22.2.2011

Einst strahlende Mittelschicht. Und heute?
Werner und Angi als Rentner auf Mallorca und
Tochter Tanja als persönliche Assistentin
auf Stundenbasis? Und die Söhne?
Marcus als gescheiterter Investmentbanker
auf Selbstfindungstrip in der Ägäis und Tom
als Hartz IV-Empfänger beim Schneeschippen für einen Euro?