Frido Mann, der Lieblingsenkel von Thomas Mann, studierter Musiker, katholischer Theologe und Psychologe, hat ein Buch geschrieben, das „An die Musik“ heißt. Hans-Klaus Jungheinrich erzählt, was er darin gelesen hat. Darüberhinaus hat er eine CD-Neuerscheinung entdeckt, auf der erstaunlicherweise klassische Kompositionen von Georg Kreisler zu hören sind.

Klassik

Rund um die ganze Musik und Georg Kreisler

Frido Mann trifft einen virtuosen Gratwanderer

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Beginnen wir diese in der Regel der CD-Umschau gewidmete Rubrik einmal mit einem Musikbuch. Das essayistische Nachdenken über Musik gehört inzwischen ja zu den weniger aussichtsreichen Sujets auf dem Büchermarkt. Passionierte Musikhörer wollen offenbar nicht viel „wissen“ über ihren Gegenstand und praktizieren eher das begriffslose Eintauchen in die Tonfluten; auch Booklets bleiben bekanntlich oft ungelesen. Hinzu kommt, dass „klassische“ Musik – weitaus mehr als Literatur, Film, Theater, die Bildenden Künste, Architektur, Pop – aus dem „Bildungskanon“ der Intellektuellen seit längerem hinausgeflogen ist. Sie eignet sich daher auch keineswegs zu einem Debattenthema in den Feuilletons der sich als anspruchsvoll gerierenden Printmedien. Als Fachjournalisten (und nicht, wie heute, politisierende Stammtischräsonnierer) in den Redaktionen noch angesehen waren, erlebte ich, dass ich dort als zuständiger musikalischer „Experte“ ein völlig unangefochtenes Meinungs- und Gestaltungsmonopol über mein (Unter-)Ressort innehatte. Irgendwie eine feine Sache, wenn einem niemand hereinredete (das war in Qualitätszeitungen mit bildungsbürgerlichen Resten wie bei FAZ, SZ oder NZZ noch geringfügig anders), aber auch frustrierend, da sich in den Konferenzen bei der Ankündigung einer aktuellen Musikalie niemals auch nur die geringste „Debatte“ formierte, indem kein Kollege etwas davon verstand oder sich dafür interessierte.

Die Mann-Lokomotive

Sei dem, wie ihm sei. Der kleine Kameraschwenk übers Erfahrungs-Schatzkästlein eines ehemaligen Musikredakteurs wollte hinweisen auf den prekären Status musikalischer Reflexion und damit auf die Schwierigkeiten mit einer breiteren essayistischen Musikliteratur. In dieser Mangelsituation, die sogar herausragenden deutschsprachigen Autoren wie Martin Geck oder Peter Gülke die wünschenswerten Publikationsmöglichkeiten schmälert, ist eine Veröffentlichung wie Frido Manns autobiographisch getöntes Musik-Roundup prinzipiell zu begrüßen. Dass es überhaupt zu diesem Buch kam, hat gewiss mit dem Promi-Bonus des Mitglieds einer berühmten Familie zu tun. Frido Mann gilt als der „Lieblingsenkel“ von Thomas Mann, und beim S. Fischer-Verlag hat alles, was diesen Namen trägt, eine freundliche verlegerische Heimstätte. Die solide Mann-Lokomotive also spendet ihre Zugkraft den betriebswirtschaftlich lahmen Waggons der Baureihe Musikbuch. Nichts dagegen zu sagen.

Frido Manns Buch trägt den Titel „An die Musik“ und gemahnt damit an ein wunderbares, leider von der Zunft oft etwas schief angesehenes („abgenutzt“) Schubertlied. Das zielt auf Begeisterung, auf Erörterungen, womöglich gar Verkündungen im hohen Ton. Doch Frido Manns Diktion wirkt eher schlicht und sachlich. Man kann das sympathisch finden, auch wenn man doch ein wenig erstaunt die familienübliche feingeschliffene Stilistik vermisst. Einige Unbeholfenheiten und Fehler dürften der „kalifornischen“ Sozialisation geschuldet sein und einer lebenslang umtriebigen polyglotten Weltläufigkeit. Derlei nicht im Verlag geglättet zu haben, könnte man netterweise auch als Kalkül zugunsten von „Authentizität“ deuten. Der Buchautor (Sohn eines in der letzten Jahrhundertmitte auch der musikalischen Avantgarde verbundenen Bratschers) studierte in seiner Jugend Musik, wechselte dann zur katholischen Theologie über, um sich schließlich der Psychologie zuzuwenden, die ihm womöglich eine Quintessenz der beiden früheren Professionen bedeuten mochte.

Was man von einem „autobiographischen Essay“ erwartet, sind flammende subjektive Bekenntnisse zur Musik und einzelnen Musikern, Werken oder luziden Interpretationen. Das wird hier aber kaum eingelöst. Nach einer – in ihrer musikmoralischen und –politischen Wucht allerdings beeindruckenden – Eingangssequenz um den als Symptom bedeutsamen kompositorischen Nazi-Handlanger Norbert Schultze verläuft die Tour durch ein Jahrtausend der Musik nahezu chronologisch von der Gregorianik über Barock, Klassik und Romantik bis zur Gegenwart. Unter musikologischer Mithilfe von Andreas Kunz entstand so fast eine kurz gefasste Musikgeschichte, deren einzelne Stationen mitunter eher von lexikalischem Eifer als von eigener ästhetischer Berührtheit zeugen. Das Genre „musikalische Autobiographie“ realisiert sich mithin unentschlossen und auch unzureichend. Denn bei mancher liebevollen Einzelbeobachtung fehlt Mann der vehemente Zugriff auf größere Zusammenhänge, auf Oeuvres oder Handschriften. Die Kenntnisse wirken oft merkwürdig zufällig und lückenhaft und evozieren dann auch seltsame Urteile, so etwa, wenn unplausibel der frühe Bruckner gegen den späten ausgespielt wird. Dass Richard Wagner von Frido Mann mit etwas spitzen Fingern angefasst wird (er unternimmt nicht den leisesten Versuch, ähnlich geistreich über ihn zu schreiben wie sein Großvater), ist nicht verwunderlich, aber zum „Parsifal“, mit dem er professionell näher vertraut wurde, hätte ihm weniger Beiläufig-Ledernes einfallen sollen. Gerade die „existentiell“ berührendsten und das 20. Jahrhundert als „Zeitalter der Extreme“ thematisierenden Komponisten wie Skrjabin, Schostakowitsch, Pettersson, Kancheli, Messiaen, Grisey, Ustwolskaja erwähnt er nur peripher oder überhaupt nicht.

Ein Grundmotiv Manns ist die Frage nach dem „Ethos“ der Musik. Es spricht also nicht nur der Theologe oder Psychologe, sondern der „Humanist“ Frido Mann, wenn, komplementär zum makabren Schultze-Entrée, gegen Schluss Aktivitäten benannt werden, die den „normalen“ hochkulturell-musikmarktmäßigen Verwertungszusammenhang unterlaufen oder transzendieren. Da werden natürlich allbekannte Paradepferde wie das Simon Bolívar- oder das East-Western-Divan-Orchester vorgeführt. Musikliterarisches Engagement dieser Art unterscheidet sich also immerhin von den selbstgenügsamen Erörterungen, die nur um den individuellen Hörgenuss im stillen Kämmerlein kreisen. Originelles über die ewige Kontroverse zwischen l’art pour l’art und art engagé hat Mann nicht vorzuweisen. In summa hinterlässt die Lektüre den Eindruck, dass Frido Mann viel über die Musik und rund um sie sagen möchte, aber dann doch nicht so sehr viel über sie zu sagen hat.

Ausflüge ins Klassische

Fast eine Kuriosität ist die „Entdeckung“ des „klassischen“ Komponisten Georg Kreisler. Wergo präsentiert (mit der exzellenten Pianistin Sherri Jones) Klavierwerke, die der Entertainer und Liedermacher zwischen 1947 und 1952 im amerikanischen Exil schrieb, darunter eine ausgewachsene, zwischen Neusachlichkeit und Expressionismus changierende dreisätzige Sonate. Auch im Alter riskierte Kreisler noch Ausflüge ins „klassische“ Idiom, etwa mit den Fünf Liedern für Barbara (2011) mit Klavier und Geige, darunter eine faszinierend-motorische, leise unheimliche Vertonung des Wilhelm-Müller-Textes „Am Brunnen vor dem Tore“ (auf der CD mit der Mezzosopranistin Olivia Vermeulen). Auf einem Foto von 1946 sieht der junge Schönling Kreisler aus wie ein heftig eingeschmalzter Cary Grant. Kreisler, in Hollywood und New York als Unterhaltungsmusiker durchaus nicht erfolglos, war ein hochtalentierter Gratwanderer, der mühelos und virtuos die „Sprache“ der neuen Musik seiner Zeit (Poly- und Atonalität, komplexe Rhythmik) beherrschte, zugleich aber auch ein enormes Faible für „Kleinkunst“ hatte – hier verhalf ihm auch die blitzgescheite Literatenbefähigung zu der Einmaligkeit und Hochberühmtheit eines „bösen“ Wiener Liedermachers, als der er sich nach der Rückkehr von Amerika etablierte. Ganz eindeutig geriet ihm die Fixierung auf diesen Aspekt seines Könnens nie; immer blieben die Möglichkeit und die Verlockung der „anderen“ Seite, von der etwa auch Operettenkomponisten wie Lehár und Stolz, wenn auch aus weiterer Unerreichbarkeit heraus, immer träumten.

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erstellt am 13.10.2015

Frido Mann
Frido Mann

Frido Mann
An die Musik. Ein autobiographischer Essay
Broschur, 336 Seiten
ISBN 978-3-596-03376-8
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2015

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Georg Kreisler
Georg Kreisler

Georg Kreisler
Das Klavierwerk & Fünf Lieder für Barbara
Sherri Jones (Klavier), Olivia Vermeulen (Mezzosopran), Andreas Reiner (Violine)
Wergo WER 7317 2

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