Der englische Franziskaner Wilhelm von Ockham, der aus einem jahrelangen päpstlichen Ketzerprozess in Avignon zum Kaiser Ludwig IV. nach München geflohen war, geriet dort, wie Otto A. Böhmer berichtet, mit seinem Freund, dem Bierbrauer Vinzenz Duttenhofer, in einen bayerischen Nominalismusstreit.

Holzwege

Kein übler Geselle

Der Philosoph Wilhelm von Ockham

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Wilhelm von Ockham befand sich mit seinem eigennützigen Förderer, dem Bierbrauer Vinzenz Duttenhofer, auf einer Spazierfahrt durch die Isarauen. Die Luft war klar, eine fast knisternd feine Seidenluft, in der sich die Gegenstände abzeichneten wie gemalt und verewigt. „Ach ja“, seufzte Wilhelm von Ockham, „wenn ich es nicht längst wüsste, würde ich meinen: Das Leben ist schön, ein Geschenk, einsichtig und geheimnisvoll zugleich.“ „Einen Durst hab’ ich“, knurrte Duttenhofer, der den Zweispänner, auf dem sie gefahren wurden, fast alleine ausfüllte. „Wegen Euch, frommer Mann, ist mir bislang das Frühstück vorenthalten worden.“ „Du Ärmster“, sagte der Philosoph. „An so einem herrlichen Morgen muss man hinaus in Gottes Natur. Wer mag sich da noch um sein Frühstück scheren.“ „Ich“ sagte Duttenhofer. „Was nützten mir alle Schönheiten, wenn mein Magen leer ist und meine Kehle zu verdörren droht wie ein in die Wüste verschlagenes Wasserröslein?“ „Gut gebrüllt, Duttenhofer,“ sagte Wilhelm von Ockham. „Aber dein Frühstück besteht doch nur aus einer gewaltigen Morgengabe Bier.“ „Da ist all das Gute drin, was der Herrgott für eine menschenwürdige Nahrung hat wachsen lassen“, meinte Duttenhofer. „Und das beste aller Biere –“ „Ist dein eigenes, ich weiß“, sagte der Philosoph. „Du hast es mir schon einige hundert Male mitzuteilen gewusst.“ „Und doch habt Ihr nie von meinem Bier getrunken, frommer Mann. Dabei kann unser Los auf Erden mit Duttenhofer Bräu erträglich werden. Oder, wie mein neuer Werbespruch besagt: Für den Frieden hienieden sei dir Duttenhofer beschieden. Wie findet Ihr das?“ „Entsetzlich“, sagte Wilhelm von Ockham. „Ich habe Gott zu danken, dass ich kein Bierbrauer geworden bin.“ „Das würde ich nicht so sehen“, meinte Duttenhofer. „Als Bierbrauer wäret Ihr nicht in die gestrenge Verfolgung der Kirche geraten.“ „Aber es hätte mich auch nicht nach München verschlagen“, sagte der Philosoph, „eine Stadt, in der weitaus mehr getrunken als gebetet wird.“ „Und ich dachte, Ihr fühltet Euch wohl hier“, sagte Duttenhofer und klang ein wenig gekränkt. „Ich bin gerne in München“, stellte Wilhelm von Ockham fest. „Man war hier freundlich zu mir, hat mich aufgenommen ohne Ansehen der Person. Fast möchte ich meinen, dass ich hier sterben sollte. Alt genug bin ich, und die Träume vom Tod, die jedem Ende vorausgehen, habe ich auch schon.“ „Was redet ihr nur“, knurrte Duttenhofer. „Da könnte einem ja glatt der Durst vergehen.“ „Er bedeutete dem Kutscher anzuhalten. Der Zweispänner kam an einer Uferböschung zum Stehen. Die Isar, die mehr Wasser als sonst führte, war von silbrigen Streifen überzogen. Eine schwächlich schöne Sonne stand am Himmel, der noch keine Wolken gesehen zu haben schien. „Richtig“, sagte Wilhelm von Ockham. „Wir wollten ja spaziergehen.“ „Ihr wolltet spaziergehen“, murmelte Duttenhofer. „Ich wäre jetzt lieber im Biergarten.“ Er befahl dem Kutscher zu warten. „Meinst du, dass er dich verstanden hat?“ fragte der Philosoph. „Der Mann schaut etwas stier. Wenn ich nicht wüsste, dass wir uns noch am Anfang eines großartigen Morgens befinden, würde ich vermuten: der Kerl ist jetzt schon betrunken.“ „Ach was“, sagte Duttenhofer. „Ich kenne den Mann. Und er kennt mich, er mag meinen Beruf. Dem Hause Duttenhofer ist er verbunden, weil es ihm geholfen hat, seines Durstes Herr zu werden.“ „Eben“, meinte Ockham. „Also ist er doch betrunken und das ständig, wenn ich dich recht verstanden habe.“ „Guter und frommer Mann“, sagte Duttenhofer. „Ihr wisst nicht, wovon Ihr redet. Habt Ihr je einen Rausch gehabt, könnt Ihr ermessen, was es heißt, die Welt mit ganz anderen, vom Trunk regelhaft aufgefrischten Augen zu sehen? Die Wahrheit nämlich liegt nicht nur im innigen Denken, sondern auch im verheißungsvollen Suff.“ „Schäm dich, Bierbrauer“, rief Ockham lächelnd. „Schäm dich! Du förderst das Schlechte am Menschen, verdienst noch dein Geld damit, und doch –.“ „Bin ich kein übler Geselle, ich weiß, Meister Wilhelm“, sagte Duttenhofer.

Als sie ein Stück am Fluss entlang gegangen waren, rief der Philosoph: „Manchmal denke ich, mein Freund, dass die Schönheit, eine Schönheit, wie wir sie hier und jetzt erleben, zum heimlichen Maß aller Dinge werden könnte. Das Maß, an dem sich unser Gemüt erhebt.“ „Es heißt: die Maß“, sagte Duttenhofer. „Wir bezeichnen damit die handliche Grundeinheit, mit welcher der Bierausschank bewältigt wird. Äußere Einlaufform für die Maß ist der Krug, der sogenannte Maßkrug.“ „Dummkopf“, sagte Ockham. „Das Maß, das ich meine, gehört zu den Intentionen der Seele.“ „Aha“, sagte Duttenhofer, „dacht’ ich mir’s doch.“ „Und doch ist das Maß keine Substanz“, fuhr der Philosoph fort. „Denn dann wäre das Maß aus Einzelsubstanzen zusammengesetzt, mit dem Subjekt in Rom und dem Prädikat in England, eine Absurdität zweifellos.“ „Zweifellos“, sagte Duttenhofer. „Ein Schmarrn, ein ganzer großer.“ „Daher gilt“, meinte Ockham, „ein Maß ist entweder im Geiste, oder es wird gesprochen oder geschrieben. Seine Teile also können nur als gedachte, gesprochene oder geschriebene vorkommen. Das aber sind keine Einzelsubstanzen. Somit steht fest, dass kein Maß, auch nicht das Maß aller Dinge, aus Substanzen zusammengesetzt ist. Was bewiesen werden sollte.“ „Ach ja“, seufzte Duttenhofer. „Die Maß und die Wies’n. Ihr seid so ein kluger Mann, Meister Ockham. Manchmal könnt’ man meinen, dass Ihr dem lieben Gott über die Schulter geschaut habt, so wie Ihr Euch auskennt.“

In diesem Augenblick hörten sie Lärm hinter sich. Eine Kutsche näherte sich, ein Zweispänner, der mit affenartiger Geschwindigkeit über den Kiesweg preschte. Auf dem Bock hockte der Kutscher, ein in sich gekehrtes Männchen mit stierem Blick, das die Zügel schleifenließ. „Das ist doch unser Wagen“, rief Wilhelm von Ockham, aber da war die Kutsche auch schon vorbei. „Natürlich war das unser Wagen“, meinte Duttenhofer ungerührt. „Also habe ich doch recht gehabt“, sagte der Philosoph. „Dein Kutscher war betrunken.“ „Er ist betrunken“, sagte Duttenhofer. „Wär’ er es nicht, müsste man ihn als krank bezeichnen. Dass er jetzt aber so rast, ist nur zu natürlich.“ „Wie das?“ fragte Ockham. „Ja, riecht Ihr denn nichts, Meister?“ rief Duttenhofer. „Der Mann hat Witterung aufgenommen. Hinter der nächsten Wegbiegung ist ein Wirtshaus, das seinen köstlichen Duft verströmt.“ „Ich rieche nichts“, brummte Ockham. „Weil Ihr, mit Verlaub, vollkommen durchgeistigt und verbildet seid“, sagte Duttenhofer. „Der Zugang zu den natürlichen Genüssen ist Euch abhanden gekommen.“ „Und nun?“ fragte der Philosoph. „Was machen wir ohne Kutsche?“ „Wir gehen ins Wirtshaus“, sagte Duttenhofer. „Dort findet sich alles wieder ein: versoffene Wagenlenker und ihre Wagen, Erinnerungen, Hoffnungen, die Freuden des großen Durstes. Im Wirtshaus nehmen wir Maß, frommer Mann. Es hält sich bereit für die Intentionen unserer Seele.“

Kommentare


franz-j.herrmann - ( 22-10-2015 12:03:44 )
Sehr geehrter Herr Böhmer,

eine witzige Idee Wilhlem vom Okham
mit einem Münchner Bierbrauer durch
München kutschieren und die beiden
dabei philosophieren zu lassen; nur
eines möchte ich zu bedenken geben:
Die Mass Bier schreibt sich mit einem
doppelten und nicht mit einem scharfen S, zumal das a nicht nur schnell gesprochen, sondern die Mass auch schnell getrunken wird.

Herzliche Grüße

F.J.H

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erstellt am 13.10.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Wilhelm von Ockham
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