Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Die Autorin, Regisseurin und Filmemacherin Doris Dörrie hat einen Roman über die von Schriftstellern gefürchtete Volkskrankheit Schreibblockade vorgelegt. „Diebe und Vampire“ ist ein schönes Buch, das unterhaltsam ist, nachdenklich stimmt und am Schluss mit einer fein gewebten Pointe aufwartet, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Helden haben keine Ladehemmung

Von Otto A. Böhmer

Schriftsteller schreiben nicht immer, sondern machen auch Pause, die meist freiwillig angetreten wird und bei Bedarf verlängert werden kann; schließlich sind Autoren in der Regel freie Autoren und können so lange schreiben oder Pause machen, wie sie wollen. Allzu lange sollte die Pause aber nicht sein, denn dann wird sie zur Schreibblockade, eine in Schriftstellerkreisen gefürchtete Volkskrankheit, in der sie so elitär und einsam sind, wie sie sich schon immer gefühlt haben. Schreibblockaden kann man heilen, danach fühlt ein Schriftsteller sich prächtig befreit und schreibt gleich drei Bücher mehr, als er abliefern müsste, worüber sich Verlage und Kritiker nicht immer freuen. Eine gesundheitspolitisch bewährte Methode, mit Schreibblockaden umzugehen, besteht auch darin, darüber zu schreiben, also über das ganze zähe Warten, die massierten Gefühle bauchschmerzenhaften Ungenügens und den wiederkehrenden Wunsch, literarische Privatinsolvenz anzumelden. Wer es schafft, über seine Schreibblockaden ein Büchlein zu schreiben, verdient Anerkennung, selbst wenn zuzugeben ist, dass kaum mehr betrieben wurde als Konkursverschleppung.

Die Autorin, Regisseurin und Filmemacherin Doris Dörrie hat über die Ladehemmung von Schriftstellern ein vergnügliches Buch geschrieben, das auch deshalb gefällt, weil es den Berufsstand der Autoren, dem sie selbst angehört, nicht wichtiger nimmt, als er ist. Lesenswert ist ihr Roman „Diebe und Vampire“ zudem, weil er nicht nur von Schreib- und Schreckstarren handelt, sondern eine Geschichte mit Wendungen, kuriosen Beobachtungen und einem Spannungsbogen erzählt, der gegen Ende noch einmal raffiniert angezogen wird. Die Hauptperson der Geschichte heißt Alice, ist am Anfang noch wunderbar jung, wird dann jedoch, wovon der Leser nichts mitbekommt, auf fürsorgliche Weise immer älter, bis sie als alte Dame, die ganz undamenhaft sein kann, berückender ist als je zuvor. In Mexiko lernt die junge Alice, die mit einem verheirateten, bemerkenswert unsensiblen Lover zusammen ist, eine amerikanische, unter Kennern gerühmte Schriftstellerin kennen, die sie alsbald, aus bewundernder Distanz, „die Meisterin“, nennt: „Sie kam die steile Treppe heruntergeschwebt in einem eleganten, schwarzen Badeanzug, weitkrempiger Sonnenhut über einem weißen, um den Kopf gebundenen Seidenschal, schwarze Sonnenbrille. Ihre Haut war blass, ihre Beine lang und schlank. Sie war vielleicht Anfang fünfzig, so alt wie meine Mutter, aber das kam mir damals nie in den Sinn, weil sie so anders war.“ Als Meisterin kann man sich auch mit anderen Männern umgeben, lernt Alice; sie gehen nicht voran, sondern dackeln hinterher; alles eine Frage der Gewöhnung. „Gefolgt wurde sie von ihrem Mann, er war deutlich jünger und im Gegensatz zu ihr tief gebräunt. Mit seinen kurzen Beinen und seiner breiten, dunkelbraunen Brust erinnerte er mich an ein Brathendl.“ Alice, die selber schreibt, aber nichts Vorzeigbares aufs Papier bringt, schafft es, der Meisterin, die zunächst etwas Unnahbares hat, näherzukommen. Dabei hilft ihr eine dramatische Geschichte, von der man nicht so recht weiß, ob sie Wirklichkeit oder Fiktion ist, was für einen Schriftsteller aber nur dann zum Problem wird, wenn er sich im hauseigenen Literaturbetrieb zur Kunstfigur macht, die den Überblick verliert. Ein mexikanischer Kleinkrimineller spielt in dieser Geschichte eine Rolle, er ist blutjung und sieht sogar noch im Gefängnis so gut aus, dass Alice nicht nur Mitleid für ihn empfindet. Auch die Meisterin bemüht sich um den Jungen, bleibt dabei aber auf Distanz und ist, zur Enttäuschung ihrer Verehrerin, auf einmal verschwunden. Doris Dörrie lässt ihren Roman nun Tempo aufnehmen. Aus dem gewalttätigen und hitzeschwülen Mexiko geht es in die USA, wo Alice noch einmal auf die Meisterin trifft, die in San Francisco residiert. Das Wiedersehen hinterlässt gemischte Gefühle, bringt Alice aber ein paar Tipps ein, für die sie, wie sich zeigt, noch Verwendung hat. Sie schreibt einen Bestseller mit dem suggestiven Titel „Sei ein Held! Schreib!“, eine zeitlos angelegte, literarische Betriebsanleitung, die weniger von den Erfolgen der Schriftstellerei als von ihren Pleiten, Pech und Pannen handelt und sich, über die Jahre hinweg, an die eine Million Mal verkauft; nicht schlecht für eine Autorin, die, wie die ansehnlich gealterte Alice inzwischen zugibt, im ambitionierten Literaturbetrieb nicht wirklich etwas erreicht hat. Über ihre Schreibblockaden kann sie ebenso eloquent wie selbstironisch berichten, was sich auch im letzten, dem amüsantesten Teil von Doris Dörries’ Roman zeigt, der wiederum in Mexiko spielt, wo Alice ein spätes Stipendium abzusitzen hat, das sie mit zwei anderen Autoren teilt, die den üblichen Verdächtigen zuzurechnen sind: „Torben Sielmann, Dramatiker, um die vierzig, aber im ewig jungen Hipsterlook mit Vollbart und Nerdbrille, Mütze auf dem Kopf. Und das ehemalige Fräuleinwunder der Literaturszene, Julia Banks, die ihren Nachnamen jetzt Banx schrieb, mit knallrot geschminkten Lippen, zu dünn und entschlossen melancholisch.“ Das Schöne an Klischees ist, dass sie der Wirklichkeit entstammen und sich in Eigenregie so lange vermehren können, bis sie ihrem eigenen Gesetzgebungswerk folgen. Mit solchen Klischees spielt „Diebe und Vampire“ aufs vortrefflichste, ohne ernste Zwischentöne auszusparen: „Würde ich für immer allein sein?“ fragt sich die nicht mehr junge Alice. „Seit unserer Trennung sah ich ständig alte Frauen, die allein ihren Rollator vor sich herschoben, tapfer in den nächsten Supermarkt humpelten, um dort eine einzige Tomate und ein Viertel Butter zu kaufen.“

Doris Dörrie hat einen schönen Roman geschrieben, der unterhaltsam ist, nachdenklich stimmt und am Schluss mit einer fein gewebten Pointe aufwartet, die aus großer Aufregung abfällt und zurück in die Ruhe führt, in der wir, früher oder später, alle landen: „(…) ich zitterte am ganzen Körper und musste mich setzen. Ich saß dort sehr lange. Als ich wieder nach Hause kam, war es dunkel geworden. Er hatte kein Licht gemacht. Er nahm meine Hand, wir waren uns wieder gut. Oder wir taten zumindest so. Wer weiß das schon so genau?“

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 13.10.2015

Doris Dörrie
Diebe und Vampire
Roman
Hardcover, 224 Seiten
ISBN 978-3-257-06918-1
Diogenes Verlag, Zürich 2015

Buch bestellen