Nach den Awaren und Petschenegen, Magyaren und Osmanen, Habsburgern und Serben sind heute die Rumänen für die Stadt Temeswar zuständig. Die Festung Temeschburg befand sich, geschützt von Wassergräben, an der Stelle, wo heute das Nationaltheater Timișoara steht. Dorthin begab sich Thomas Rothschild, um sich während des Festivals „Eurothalia” für Tschechows „Möwe“ zu begeistern und eine moderne „Elektra“ zu betrachten.

Theater in Temeswar

Zwei Möwen, eine Elektra und die verblichene Pracht Temeswars

Von Thomas Rothschild

Aufgeweckt hat mich ein Riesenschwarm von Vögeln, der sich laut zwitschernd auf dem Baum vor meinem Hotelfenster niedergelassen hat, ehe er nach Süden weiterfliegt. „Halt“, möchte ich schreien, „falsche Richtung!“ Aber es sind ja Vögel, keine Syrer, und für deren Migration hat die Natur keine Grenzen und keine Behörden vorgesehen.

Die erste Reaktion, wenn man vom Flughafen in die Stadt fährt, ist Schock. So viel geballte Hässlichkeit ist selbst für den erfahrenen Besucher des ehemaligen Ostblocks, der diesen schon bereist hat, als er noch nicht ehemalig war, ungewohnt. In der Innenstadt dann lassen die verfallenen Fassaden monumentaler Bauten und die großzügig angelegten Plätze und Boulevards die einstige Pracht jener Stadt erahnen, die in ihrer langen Geschichte viele Herren gekannt hat und auf Rumänisch Timişoara, auf Ungarisch Temesvár und auf Deutsch Temeswar heißt. Der verblichene Glanz stammt aus den Jahren der Habsburger, für die jener Feldherr, von dem wir in meiner Schulzeit sangen: “Prinz Eugenius, der edle Ritter, foahrt mi'm Oarsch durchs Fenstergitter”, das Banat und mehr von der Fremdherrschaft der Osmanen befreit hat, um es der Fremdherrschaft der Österreicher zu unterstellen. Die Befreiten dankten es ihm mit einem Denkmal an prominenter Stelle. Und so gibt es in Timişoara ein deutsches und auch ein ungarisches, aber kein türkisches Theater und kaum Türken. In Deutschland redet man vorwiegend von der Verfolgung nach 1945. Da ist Unrecht geschehen, zumal die Rumänen unter Antonescu, anders als die Tschechen und die Polen im Sudetenland und in Schlesien, keine Opfer, sondern Komplizen des Dritten Reichs waren. Alles in allem aber haben es die Deutschen nicht schlecht getroffen. Auch im heutigen Timişoara sind sie gern gesehen. Zur Erinnerung: Es waren nicht Osmanen und Islamisten, sondern deutsche Christen Hand in Hand mit rumänischen Christen, die an die 300000 Juden und 25000 Roma deportiert und einen Großteil ermordet haben.

Einige Villen in der Josefstadt südlich des Begakanals, darunter, versteht sich, das Deutsche Konsulat, das unvergleichlich prächtiger aussieht als das wenige Meter entfernte Krankenhaus, wurden aufwendig saniert. Ansonsten hat lediglich am Unionsplatz ein vierjähriges Restaurierungsprogramm für das Stadtzentrum, das im Dezember endet, den alten Zustand fast wieder hergestellt. Die EU hat das Projekt mit 10 Millionen Euro unterstützt. Das neue Ratsgebäude der EU in Brüssel kostet mehr als 300 Millionen. Nur ein paar Schritte vom Unionsplatz entfernt bröckelt der Putz von den Wänden, als wollte er bestätigen, was wir ja wissen, aber in Feiertagsreden verschweigen: dass der Wohlstand in Europa sehr ungleichmäßig verteilt ist. Die Linken, die, als es Mode war, die Solidarität mit der Dritten Welt beschworen haben, überschlagen sich heute mit Bekenntnissen zu Europa. Damit ist klar gestellt: wer nicht zu Europa oder vielmehr zur EU gehört, hat nichts zu erwarten. In Wahrheit aber wollen sie noch nicht einmal an die ärmeren Länder innerhalb der EU etwas abgeben. Man könnte ja mit Rumänien beginnen. Wir reden noch gar nicht von einer Angleichung der Löhne und Gehälter in Europa. Sie erscheint utopisch, wo Düsseldorfer klagen, wenn sie Görlitz miterhalten sollen. Das osmanische Reich wurde besiegt. Der Christliche Staat hat seine Werte durchgesetzt. Geköpft wird nicht, immerhin (obwohl, wenn man an die nicht so weit zurück liegende Vergangenheit, auch in Rumänien, denkt…). Aber vom Elend der anderen darf man schon profitieren. So viel Heuchelei war selten.

Das Deutsche Staatstheater Temeswar befindet sich im selben dominierenden Gebäude wie das Nationaltheater, die Oper und das Ungarische Staatstheater. Im Rahmen eines kleinen Festivals, das unter dem Label Eurothalia firmiert, zeigt es Stücke aus seinem Repertoire und ein paar Gastspiele. Wie es der Zufall will, ist auch Tschechows „Möwe“ dabei, die wir genau eine Woche zuvor in Stuttgart gesehen haben. Im vergangenen Jahr zeigte das Deutsche Theater eine Eigenproduktion der „Möwe“ in der Regie von Yuri Kordonsky, diesmal gastiert das OKT/Stadttheater aus Vilnius mit diesem Stück in der Regie von Oskaras Koršunovas, dessen Name wie der des in den USA lebenden Kordonsky die russischen Vorfahren verrät.

Dass Tschechows Stücke so häufig gespielt werden, dass man sie immer wieder sehen kann, liegt an ihrer Vielschichtigkeit. Sie lassen unzählige Lektüren zu und erschöpfen sich nicht in einem Aspekt. Damit freilich wollen sich Regisseure nicht abfinden. Geradezu zwanghaft fühlen sie sich verpflichtet, eine Erklärung abzugeben, wonach alle vorangegangenen, als Konkurrenz empfundenen Kollegen Tschechow falsch verstanden hätten, als dürfte es nur eine kanonische Lesart geben. Koršunovas' Glaubensbekenntnis lautet: „Bedauerlicherweise wurden die Leidenschaft, die Liebe, die Eifersucht und der Hass, die in Tschechows Stücken anzutreffen sind, viel zu oft heruntergespielt, man hat sie im Nebel der trivialen intellektuellen Lobreden oder des Teegeplauders unterdrückt, wobei man das wirkliche Leben ausblendete.“ Und Laberenz unterschlägt eine ganze Reihe von Nuancen und den ganzen Reichtum des Textes, wenn er „Die Möwe“ ausschließlich als Auseinandersetzung mit dem Theater interpretiert. Das ist „Die Möwe“ auch – aber eben nur auch und auf eine Weise, die offen lässt, ob Tschechow die Zeitströmung des Symbolismus imitiert oder parodiert. Die Problematik des rücksichtslos egomanischen „Genies“ etwa oder der alternden Schauspielerin, die die Arkadina in einem zentralen Satz kurz vor dem Ende des dritten Akts erkennen lässt („Bin ich wirklich schon so alt und hässlich, dass man mit mir, ohne rot zu werden, über andere Frauen sprechen kann?“), wird bei Laberenz nicht ernst genommen. Ernst nehmen will er wohl auch kaum etwas.

Die Diskussion, ob man Tschechows Stücke nach dem Willen ihres Autors als Komödien lesen solle oder ob Stanislawski gegen den Dramatiker Recht behalte, wenn er ihren ernsten, melancholischen, ja sentimentalen Charakter betone, hat Staub angesetzt. Für beide Auffassungen haben Inszenierungen starke Argumente geliefert. Das Problem bei jungen Regisseuren, die Tschechow als Komödienautor begreifen, ist, dass ihre Vorstellung vom Komischen weit abweicht von Tschechows eigenem Verständnis. Es hat mehr mit Jerry Lewis und der Fernsehcomedy zu tun als mit Subtilität und ironischer Menschenbeobachtung. Die Komik, die von dem eitlen, sich offensichtlich überschätzenden Schriftsteller Trigorin ausgeht, unterscheidet sich grundsätzlich von der Komik zu Boden stürzender, stolpernder, ausrutschender Protagonisten. Wenn Tschechow dieses Mittel benützt, so um eine Person, etwa Jepichodow im „Kirschgarten“, zu charakterisieren. Martin Laberenz verteilt es inflationär auf alle Figuren, ehe er die Inszenierung nach der Pause in das entgegengesetzte Klischee kippen lässt.

Ich habe die Beobachtung gemacht, dass (viele) junge Menschen mit Tschechow nichts mehr anfangen können, dass sie ihn schlicht langweilig finden. Nun habe auch ich meine Theatersozialisation mehr als ein halbes Jahrhundert nach Tschechows Tod erfahren. An der Zeitgenossenschaft kann es also nicht liegen, dass er, wie der noch sehr viel ältere Shakespeare, zu meinen Lieblingsdramatikern gehört. Was die heutige von meiner Generation trennt, ist, dass jene mit der amerikanischen Unterhaltungskultur in Pop und Fernsehen aufgewachsen, von ihr geprägt ist, und da passt Tschechow tatsächlich nicht mehr hinein.

Oskaras Koršunovas verzichtet in seiner Inszenierung von 2013 wie Jürgen Gosch auf ein illustrierendes Bühnenbild und versammelt auch die gerade unbeteiligten Darsteller auf der Spielfläche, wie in Louis Malles „Vanya on 42nd Street“ schlittern sie scheinbar beiläufig, ungemein locker und ohne Anstrengung, in ihre Rollen hinein und aus ihnen wieder heraus. Sie sitzen auf ihren Klappstühlen am linken Rand der ansonsten leeren Bühne und tun, als hörten sie die Dialoge, deren Zeugen sie sind, zum ersten Mal. Wenn die Figuren an einander vorbei reden – und das tun sie bei Tschechow häufig –, sehen sie einander nicht an, sondern schauen frontal ins Publikum. Sie tragen Alltagskleidung und spielen gegen die Klischees der konventionellen Typisierung an.

Es ist ein grandioses Ensemble, das da aus Litauen angereist kam. Im Zentrum steht Nelė Savičenko als erfolgsverwöhnte, narzisstische Schauspielerin. Sie zeichnet die Arkadina nicht als Hysterikerin wie die blasse Cristin König in Stuttgart, hat aber von Anfang an eine faszinierende Präsenz, die den Status, aber auch das subjektive Leiden dieser in vielen Inszenierungen denunzierten Figur begreifbar macht. Als die Gesellschaft in einem Tableau auf Kostjas Theateraufführung wartet, hält die Arkadina den Schriftsteller Trigorin in verliebter Pose am Unterarm. Auch er – gespielt von Darius Gumauskas – wird nicht zur Karikatur reduziert. Man kann schon verstehen, dass ihm die Frauen, nicht allein dank dem Sexappeal der Prominenz, zu Füßen liegen. Dass er vom Angeln redet, wenn Gelminė Glemžaitė als ungewöhnlich moderne Nina Lob für ihren Auftritt erhofft – wen kümmert's? Mascha (Rasa Samuolytė) ist hier keine verdruckste Randfigur, sie redet zwar texttreu übers Saufen, hält aber nicht ständig eine Flasche in der Hand. Selten wurde Arkadinas Bruder Sorin in seiner hilflosen Menschenfreundlichkeit so liebenswert verkörpert wie von Darius Meškauskas. Alles in dieser Inszenierung atmet die Tschechowsche Liebe zur Kreatur, ohne jedoch nur ansatzweise klebrig sentimental zu sein.

Alles in dieser Version von Tschechows Stück aus dem Jahr 1895 ist auch um eine Dimension kleiner und gerade deshalb größer als in anderen Inszenierungen. Die titelspendende Möwe, die Kostja (Martynas Nedzinskas) Nina bringt, ist, gleich doppelt symbolisch, aus Zeitungspapier. Plumpe Aktualisierung wird vermieden, und so wirkt es nur komisch, wenn Trigorin diese Möwe mit seinem Handy fotografiert. Auch die Effekte passen sich dem Understatement der Sprech- und Spielweise an. Kostja zeigt Trigorin den Stinkefinger, und der hängt sein Jackett daran auf.

Der Satz, den der deutsche Arzt Dorn am Ende zu Trigorin sagt, wurde in Vilnius ebenso wie in Stuttgart gestrichen. „Führen Sie Irina Nikolajewna fort von hier. Konstantin Gawrilowitsch hat sich erschossen…“ Selbst dieser zur Seite gesprochene geniale Schluss scheint heutigen Regisseuren offenbar zu plakativ.

Beweist dieser Theaterabend nun etwas gegen Stanislawski und Peter Stein, gegen Zadek, Gotscheff, Bondy und Eimuntas Nekrošius oder auch nur gegen Laberenz? Nein. Das unterscheidet Tschechow von viel gespielten Modeschriftstellerinnen wie Yasmina Reza: Ihre Stücke sehen überall mehr oder weniger gleich aus. Mehr geben sie nicht her.
Am Abend vor der „Möwe“ in Timişoara: eine Eigenproduktion von „Elektra“ in einer stark gerafften Version auf der Basis von Aischylos und Euripides. Regie führte László Bocsárdi, der ungarisch-rumänische Leiter des Tamási Áron Theaters im siebenbürgischen Sfântu Gheorghe. Der Bühnenbildner József Bartha hat einen sich nach hinten verjüngenden Wellblechtunnel im kalten Licht von Neonröhren, darüber eine rote Wand und ein rotes Sofa auf die Spielfläche des klassizistischen ehemaligen Ballsaals gestellt. Während der Chor in Gestalt eines einzelnen Boten (Konstantin Keidel) fast komisch, zum Publikum gerichtet, die Vorgeschichte erzählt, wendet sich Elektra (Isa Berger) im goldfarbenen Kapuzenanorak, unter dem später der halbseitig rasierte Kopf zum Vorschein kommt, im Obergeschoss ab, klebt Tesafilm an die Mauer und dann über den nackten Busen. Dem Boten, der auf Kothurnen geht, reicht sie kaum bis zur Brust.

Die Schauspieler sprechen langsam, zum Teil mit jenem rumänendeutschen, dem Singsang zuneigenden Akzent, den wir zum Beispiel von Herta Müller kennen, und spielen auf eine Weise expressiv, die in Deutschland aus der Mode gekommen ist.

Nach dem Mordanschlag auf Aigisth (Radu Vulpe) wird dieser auf einem Zwischending zwischen Ekkyklema und Operationstisch nach antikem Vorbild auf die Vorderbühne geschoben. Er lebt noch und muss sich die Anklage Elektras sterbend anhören. Klytaimnestra (Ida Jarcsek-Gaza) kontrastiert in ihrem grünen Glitzerkleid und mit ihrer Umhängetasche zum Punk-Image ihrer rachsüchtigen Kinder, aber die Inszenierung lässt ihr keine Gerechtigkeit widerfahren. Sie steht auf Seite der Rebellen. Der Mord an Klytaimnestra wird von einem ohrenbetäubenden S-Bahn-Geräusch begleitet. Danach erklingt die friedliche Musik eines Streichquartetts. Von Klytaimnestra sind nur die grünen Stöckelschuhe und die Sonnenbrille geblieben. Gleichgültig, nicht ausgelassen wie bei Hofmannsthal, steht Elektra da und teilt sich mit Orest (Harald Weisz) eine Zigarette – oder ist es ein Joint? Ein Inzest wird angedeutet. Die Alten sind erledigt, die Jungen fechten's besser aus.

Und draußen zünden die Alten in den zahlreichen Kirchen der diversen christlichen Konfessionen Kerzen an und küssen Heiligenbilder ab, ein junger Mann läuft, seine Gitarre zupfend, über den Platz und versucht vergeblich, zwei Mädchen zu imponieren, die Enkel pilgern scharenweise zu McDonald's, und der Putz blättert von den Wänden.

Offenlegung: Der Autor hat die Kosten für Anreise und Unterkunft selbst übernommen.

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erstellt am 11.10.2015

Plakat zu Tschechows »Möve«
Plakat zu Tschechows »Möve«
Plakat zu »Elektra« nach Euripides und Aischylos
Plakat zu »Elektra« nach Euripides und Aischylos

Elektra from Deutsches Theater Temeswar on Vimeo.