Per Zufall stieß der Hamburger Schriftsteller Andreas Kollender auf die Geschichte des Spions Fritz Kolbe, begann zu recherchieren und schrieb darüber einen Roman. Kollenders „Kolbe“ zeigt, wie ein deutscher David todesmutig gegen den übermächtigen Goliath namens Naziregime agiert. Peter Henning empfiehlt das Buch.

Buchempfehlung

Eine unbeugsame Seele

Andreas Kollenders Roman über den deutschen Spion Fritz Kolbe

Von Peter Henning

Irgendwann führte die Spur nach Bern. Doch zunächst hatte für den Hamburger Schriftsteller Andreas Kollender alles per Zufall begonnen. Kollender, Autor von drei Romanen, saß irgendwann 2012 vor dem Fernseher und zappte sich auf der Suche nach einem Boxkampf solange erfolglos durch die Kanäle, bis er bei einer Reportage über einen gewissen Deutschen namens Fritz Kolbe hängenblieb. Jenen Mann, der 1943 als Sekretär des deutschen Botschafters „zur besonderen Verwendung Ernst von Günther“ im Auswärtigen Amt beschloss, streng geheime Dokumente der amerikanischen Vertretung in Bern zuzuspielen, um auf diesem Weg mitzuhelfen, dem Hitler-Spuk ein Ende zu bereiten.

Kollender war spontan fasziniert von der Geschichte des Mannes, der unterm Strich 1600 Dokumente von Berlin aus nach Bern schmuggelte – und begann zu recherchieren. Das Resultat ist sein fabelhafter Spionageroman „Kolbe“, der die Geschichte eines unbeugsamen Moralisten erzählt, welchen der spätere CIA-Chef Allen Dulles rückblickend als „den wichtigsten Spion des Zweiten Weltkriegs“ bezeichnete. Jener Dulles war es auch, der in Bern als Kontaktmann für Kolbe fungierte. So liefert Kolbe Dulles den genauen Lageplan der Wolfsschanze, Hitlers Hauptquartier, ebenso wie er Hinweise auf deutsche Spione offenbart und einen geheimen deutschen Sender in Irland enttarnt. Kollenders Buch zeigt wie unterm Vergrößerungsglas, wie ein deutscher David todesmutig gegen den übermächtigen Goliath namens Naziregime agiert.

Doch Kollender hatte weniger im Sinn, Kolbe ein literarisches Denkmal zusetzen. „Nein, ich wollte zu allererst einen guten und spannenden Roman schreiben!“, sagt er. Dass ihm beides gelungen ist, liegt vor allem daran, dass sein Buch sich als fein gezeichnetes Psychogramm einer unbeugsamen Seele erweist; eines Mannes, der seine geliebte Tochter in Südafrika zurücklassen musste, wo er eine Zeitlang im Einsatz war – und eine große Liebe unter schwierigsten Bedingungen lebte. Dass Kolbes Bedeutung mit dem Ende des Krieges schlagartig verblasste und er 1971 nahezu vergessen von den Geschichtsbüchern just in jenem Bern starb und dort begraben ist, ist wohl eine Art Ironie des Schicksals. Denn in jenem Bern, das in Kollenders Buch John-Le-Carré-artig anmutet, indem es sich als verdunkelte Drehbühne für zahllose internationale Spione erweist, kam Kolbe bis auf die wiederkehrenden 3-Tages-Trips nur schwerlich an.

Was blieb, waren Geheimtreffen mit Dulles und seinen Mitstreitern, für Kolbe wiederkehrende Tänze auf des Messers Schneide. „Mit Hilfe eines Stadtplans von Bern aus dem Jahr 1943, den mir das Historische Archiv der Stadt in Kopie zukommen ließ,  konnte ich Kolbes Wege durch die Stadt nachvollziehen“, erklärt Kollender. Und tatsächlich meint man, wenn man in sein einfühlsam geschriebenes Buch eintaucht, alles sei wieder da: Der angehaltene Atem der Geschichte, Kolbes wie mit Händen zu greifende Angst vor Enttarnung – und auch die historische Kulisse der Zähringerstadt an der Aare. Stoff, der danach schreit, verfilmt zu werden!

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erstellt am 09.10.2015

Fritz Kolbe

Fritz Kolbe Quelle: Wikimedia Commons

Andreas Kollender
Kolbe
Roman
Kartoniert, 446 Seiten
ISBN: 3865324894
Pendragon Verlag, Bielefeld 2015

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