Knud von Harbou hat ein Buch über die Frühgeschichte der „Süddeutschen Zeitung“ vorgelegt. Am Beispiel der SZ beschreibt Harbou, wie rasch sich im Pressewesen nach 1945 Mitläufer und Vorbelastete wieder breitmachten. Das Buch ist ein aufschlussreiches Stück deutscher Nachkriegs- und Pressegeschichte, meint Claudia Kühner.

Buchkritik

Trübe Anfänge des liberalen Flaggschiffs

Ein Buch zur Frühgeschichte der »Süddeutschen Zeitung«

Von Claudia Kühner

Dass die „Süddeutsche Zeitung“ eines Tages zum Flaggschiff des linksliberalen Journalismus werden würde, war nach ihren Anfängen nicht zu erwarten gewesen. Zu viele alte Nazis saßen damals an wichtigen Positionen.

Knud von Harbou hat ein bemerkenswert kritisches und erhellendes Buch über die Frühgeschichte der SZ von 1945 bis 1955 geschrieben. „Als Deutschland seine Seele retten wollte“ ist der Titel. Er bezieht sich auf die Frage Franz Werfels, die er aus dem amerikanischen Exil 1945 an die Deutschen gerichtet hatte. Diese Rettung, so der Schriftsteller, sei nur durch objektive Erkenntnis des Geschehens und subjektive Erkenntnis der Schuld möglich.

Mit beidem tat sich die SZ in den Anfängen ausgesprochen schwer – darin allerdings nicht anders als die meisten der neuen Publikationen und die Gesellschaft ganz allgemein.

Wer wenn nicht Journalisten, Schriftsteller, Historiker hätten damals eine tragende Rolle zu spielen gehabt, wo es um die Etablierung eines demokratischen Gemeinwesens ging? Am Beispiel der „Süddeutschen Zeitung“ beschreibt Harbou allerdings, wo die Probleme lagen. Denn rasch machten sich auch im Pressewesen nach 1945  zumindest Mitläufer und Vorbelastete wieder breit, teilweise auch Männer, die sich an Verbrechen mitschuldig gemacht hatten. Und sie waren an einer Auseinandersetzung wenig interessiert. Die Ausnahmen wie „Neue Zeitung“ oder „Frankfurter Rundschau“ lassen sich an einer Hand abzählen.

Es waren die Alliierten, die nach dem Krieg die Lizenzen für die Gründung von Zeitungen erteilten. Die berühmten Beispiele solcher Frühgründungen sind  „Spiegel“, „Stern“, „Zeit“,  „Frankfurter Rundschau“  oder eben die „Süddeutsche Zeitung“, die schon am 6. Oktober 1945 zum ersten Mal erschien. Maßgabe besonders der Amerikaner war, Lizenzen an unbelastete Journalisten zu vergeben. Nach der Presse, die sich dem NS-Regime willig zu Diensten gestellt hatte, sollten nun demokratische Prinzipien  durchgesetzt werden.

Lizenzen trotz zweifelhafter Vergangenheit

Das allerdings blieb oft Theorie. Im  Journalismus wie überall war die Zahl Unbelasteter viel zu gering, als dass sie alle Redaktionsstellen hätten besetzen können. Stattdessen gelang es vielen, Herausgeberlizenzen trotz oft äußerst zweifelhafter Vergangenheit zu erhalten. So war es auch bei der „Süddeutschen“. Im Zentrum von Harbous Buch steht Franz Josef Schöningh, der zu den ersten drei Lizenznehmern gehörte. Ihm war es gelungen, seine düstere Vergangenheit in der Zivilverwaltung des polnischen Tarnopol vor den Amerikanern zu verheimlichen. Wer dort eine Funktion ausübte, auch in der Zivilverwaltung, war aber automatisch  Teil der Vernichtungsmaschinerie beziehungsweise -bürokratie. Besonders half ihm, der einst Chefredakteur der katholischen Zeitschrift „Hochland“ gewesen war, ein Persilschein, den ihm Kardinal Faulhaber ausgestellt hatte – dessen antisemitische und pro-nazistische Haltung mehrfach belegt ist. Hier funktionierten alte katholische Seilschaften.

Dies ist nur ein Beispiel von vielen, wie die Alliierten getäuscht werden konnten oder nicht genau hinsahen. So scheiterten sie in ihrer Absicht, frühere Nazis in den Redaktionen zu verhindern. Die stiegen dort auch rasch auf, auch in später renommierten Blättern wie der „Zeit“.

Inzwischen gibt es eine ganze Reihe historischer Untersuchungen über diese Nachkriegskarrieren alter NS-Eliten auch in den Medien. Der in dieser Forschung führende Historiker Norbert Frei hält die alliierte Pressepolitik aber trotz solcher Fehlschläge und Fehleinschätzungen für eine der wichtigsten Strukturreformen der deutschen Nachkriegsgesellschaft.  

Auch dafür ist die SZ ein Beispiel, sahen deren Anfänge doch alles andere als vielversprechend aus für eine demokratische Neuorientierung. Wichtige Figuren wie der spätere Chefredakteur Hermann Proebst oder der Innenpolitik-Chef Hans Schuster, der über die „Judenfrage in Rumänien“ dissertiert hatte, waren dem NS-Regime zu Diensten gewesen. Und dennoch hat sich das Blatt später grundlegend verwandelt.

Kaum Auseinandersetzung mit NS-Zeit

Harbou belässt es aber nicht bei dieser bedenklichen Personalpolitik, die nur dank Lug und Trug möglich wurde. Fast noch mehr beschäftigt ihn die Frage, wie sich die Zeitung vor diesem Hintergrund journalistisch entwickelte und wie sich solch alte Seilschaften inhaltlich in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zeigten. Harbou, der sich durch Tausende von Seiten gelesen hat, hat das am Beispiel von politischem Teil und dem Feuilleton untersucht. Dessen journalistische Begleitung der literarischen und kulturellen Nachkriegsentwicklungen war ja oft nicht weniger politisch, vor allem aber auch sehr bezeichnend. 

Harbou kommt zu zwei Befunden, einer erstaunlich, der andere nicht. Der erstaunliche ist, wie wenig journalistisch in den ersten Jahren gedacht und geschrieben wurde, gerade auch im Vergleich zur Konkurrenz der „Neuen Zeitung“ unter Hans Habe oder der FAZ. Auch bei wichtigen Ereignissen wurde selten der journalistische Impetus geweckt, begnügte man sich oft mit Agenturmeldungen, wo andere längst eigene Beiträge verfassten und vor allem auch meinungsstark kommentierten. Diese Einstellung hat sich in der SZ erst mit den Jahren und dem Eintritt jüngerer und ehrgeizigerer Journalisten geändert.

Die nicht erstaunliche Beobachtung ist, wie sehr die SZ die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zunächst noch scheute. Begreiflich, wo doch jemand wie Schöningh noch bis weit in die fünfziger Jahre seine Camouflage-Anstrengungen weitertrieb. So wendete man sich in der SZ immer entschieden gegen eine Kollektivschuld, die die Amerikaner angeblich den Deutschen zusprächen (was so nicht stimmte). Ganz im Sinne dieser frühen Jahre wurde auch der 20. Juli noch lange als Tat von Verrätern hingestellt (hier bestand sozusagen nationaler Konsens).

Das änderte sich erst 1951 mit Ernst Müller-Meiningen jr., dem legendären jahrelangen SZ-Mann, der nun zur Zeitung stieß. In der berühmten Auseinandersetzung von Thomas Mann, dem exilierten Schriftsteller, mit der „inneren Emigration“ 1945 nahm die SZ umstandslos gegen Thomas Mann Stellung. Besonders bezeichnend ist auch ein Text, den der ebenfalls berühmte W. E. Süskind (der Vater von Patrick Süskind) zum Tagebuch von Anne Frank verfasste, das er als mehr oder weniger bedeutungslose Jungmädchen-Prosa abtat.

Zwar gab es auch in den Anfängen schon liberale und unbelastete Mitarbeiter, aber ihr Einfluss reichte damals noch nicht weit. Das änderte sich später und manifestierte sich etwa in Werner Friedmann, der zum legendären Herausgeber wurde, oder mit dem renommierten Auslandchef Immanuel Birnbaum, einem einstigen jüdischen Widerstandskämpfer.

Harbou legt ein spannendes, aufschlussreiches, gründliches Stück deutscher Nachkriegs- und Pressegeschichte vor, bar jeder Beschönigung. Manchmal schwer zu glauben, wenn man die „Süddeutsche Zeitung“ der letzten Jahrzehnte kennt. Aus trüben Anfängen wurde aus ihr ein bundesrepublikanisches Flaggschiff des exzellenten Journalismus und der Aufklärung. Demokratische Gesinnung und höchste professionelle Ansprüche gewannen am Ende die Oberhand.

Claudia Kühner lebt als Journalistin in Zürich.
Sie war Ressortleiterin Kultur und Redakteurin im Auslandteil des Zürcher „Tages-Anzeigers“.

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erstellt am 09.10.2015

Knud Harbou
Als Deutschland seine Seele retten wollte
Hardcover, 448 Seiten, s/w-Abbildungen
ISBN 978-3-423-28055-6
dtv, München 2015

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