Im neuen Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ spielt Burghart Klaußner den Generalstaatsanwalt, der 1963 den Frankfurter Auschwitz-Prozess auf den Weg brachte. Regisseur Lars Kraume macht ihn zu einer wütenden, einsamen Figur, der es um die Sache geht, berichtet Riccarda Gleichauf.

Film

Ein starker Charakter

Ein Kommentar zum Film »Der Staat gegen Fritz Bauer«

Von Riccarda Gleichauf

Warum beschäftigen sich in den letzten Jahren eigentlich so viele Filme mit Fritz Bauer? So lautet eine Frage, die Werner Renz, dem Mitarbeiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts am Abend der gelungenen Kinopremiere zum Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ gestellt wird. Und es klingt eine subtile Kritik daran durch, dass die Handlung stark fiktionalisiert worden ist.

Bereits 2014 erschien „Im Labyrinth des Schweigens“ (Regisseur: Giulio Ricciarelli), der die Vorgeschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse thematisierte. Während dort der Hauptaugenmerk auf einen jungen Anwalt gerichtet ist, bekommt das aufmerksame Publikum gleichzeitig eine Figur im Hintergrund vorgestellt, die Interesse weckt.

Eine plausible Antwort wäre, dass über Jahrzehnte akribisch verfolgte Erinnerungsarbeit eben irgendwann ihr Ziel erreicht; heißt, einen wohlverdienten Platz im breiten, kulturellen Gedächtnis findet.

Aber vielleicht brauchen wir zum rationalen Sammeln biographischer Fakten einer historischen Person und deren Archivierung eben immer auch die Fiktion, um einen starken Charakter, wie es der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gewesen ist, zugleich emotional lebendig werden zu lassen. Weil Gefühle zur Wahrheitsfindung dazugehören und gerade die Hauptfigur – angelehnt an die historische Person – ihre Handlungskraft daraus schöpft.

Regisseur Lars Kraume führt dem Zuschauer einen ungemein (galgen-)humorvollen Fritz Bauer vor, überzeugend dargestellt von Burghart Klaußner (Die fetten Jahre sind vorbei), der, gefangen im starren Staatsapparat zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden wissen muss. Eine zugleich wütende, einsame Figur, der es um die Sache geht, und nur um die.

Kraume arbeitet dabei mit verspielter Detailversessenheit, in der die spießbürgerliche Nachkriegsstimmung der fünfziger Jahre unmittelbar spürbar wird. Hauptziel der jungen Leute ist es, eine Familie zu gründen und ein Eigenheim aufzubauen. Bauer lässt diese Lebenshaltung beinahe zu einem Einzelkämpfer werden, und es sind Wände der Scheindemokratie, die von allen Seiten auf ihn einstürzen. Dabei entstehen keinerlei Stereotype in der Figurenbildung. Einzig die Frage nach dem Guten wird als konkrete Formel der Hauptfigur thematisiert, die den ganzen Film durchdringt: Für Bauer ist das „Gute“ das, was jeder einzelne Mensch in seinem Leben für die noch junge Demokratie bewirkt. Niemand kann stolz auf ein demokratisches System sein, solange es ein starrer Hohlkörper bleibt, weil jeder nur seine Eigeninteressen verfolgt.

Der junge Anwalt Karl Angermann, glanzvoll gespielt von Ronald Zehrfeld (Barbara), begreift diese Tatsache noch rechtzeitig und trägt die Konsequenzen. Seine Rolle treibt das Spiel mit der Fiktionalität auf die Spitze, weil einiges hinzugedichtet wird, was einem strengen Fritz-Bauer-Exegeten übel aufstoßen könnte. Vielleicht öffnet aber gerade diese forciert erfundene Figur, die einen Spielfilm zu einem Spielfilm macht (!), einen Blick auf die Wirklichkeit, will heißen, auf die Aktualität der gesellschaftsrelevanten Themen Fritz Bauers. Sie zeigt uns, dass seine Furcht (nicht nur) vor einem neuen Faschismus auch in der heutigen Zeit ihre Berechtigung findet.

Angermann ist der Handelnde der jungen Generation – ein politischer Mensch, wie ihn jede funktionierende Demokratie braucht. Eine kämpferische Figur mit Rückgrat, die durch ihre Entwicklung bewusst werden lässt, wie wichtig es ist, die Gegenwart über die Vergangenheit zu begreifen und sich zu dieser reflektierend zu verhalten.

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erstellt am 09.10.2015

Fritz Bauer
Fritz Bauer

Filmtrailer Der Staat gegen Fritz Bauer

Informationen zum Film

Der Staat gegen Fritz Bauer