Adam Soboczynski, Co-Leiter des ZEIT-Feuilletons, hat mit „Fabelhafte Eigenschaften“ seinen ersten Roman vorgelegt. Darin wimmelt es von Vertretern der urbanen Kultur- und Kreativelite mittleren Alters, die sich auf hohem Niveau zu langweilen scheinen. Nicht zuletzt daran scheitert Soboczynskis Roman, meint Eugen El.

Buchkritik

Neues aus dem Betrieb

Adam Soboczynskis Roman »Fabelhafte Eigenschaften«

Von Eugen El

„Glänzende Zeiten“ hieß ein 2010 erschienener Band von Adam Soboczynski. In 29 Essays spürte Soboczynski, damals Feuilletonredakteur bei der Wochenzeitung DIE ZEIT, dem Phänomen einer glatten, braven Welt nach. Er zeichnete das Bild einer prekären Transparenz- und Dienstleistungshölle, in der jeder überaus freundlich, zu freundlich, bleibt und die Schatten ausgespart werden. „Fast ein Roman“ war auf dem Umschlag zu lesen. Nur noch als „erzählerisches Sachbuch“ wird Soboczynskis Werk von 2010 nun erwähnt. Der 1975 im polnischen Toruń geborene Autor leitet mittlerweile (zusammen mit Iris Radisch) das ZEIT-Feuilleton und hat mit „Fabelhafte Eigenschaften“ seinen ersten Roman vorgelegt.

Viel Vertrautes findet man darin als aufmerksamer Soboczynski-Leser. Der häufige Einsatz indirekter Rede und altmodisch wirkende Vokabeln wie einigermaßen, augenblicklich, wenngleich zeugen von einem bewussten Umgang mit Sprache. Eigentümliche Satzstellungen gehören ebenfalls zu Soboczynskis Arsenal. Überhaupt ist sein Sprachduktus von seltener Eleganz. Adam Soboczynski ist ein feiner Stilist. Böse Zungen mögen so etwas als kunstgewerblich abtun. In seiner journalistischen Arbeit muss Soboczynski seine Sprachlust jedenfalls sichtlich bremsen.

Sein Personal hat Adam Soboczynski für den Roman behutsam weiterentwickelt. Es wimmelt im neuem Buch von nicht mehr ganz so jungen Architekten, Künstlern, Journalisten und Literaturwissenschaftlern, kurzum von Vertretern der urbanen Kultur- und Kreativelite. Auch Hannes Maria Wetzlar, ein von Soboczynski erfundener, längst verstorbener Schriftsteller, geistert (im Vergleich zu 2010 um einen Buchstaben im Namen abgewandelt) durch den Roman.

Die Handlung setzt sich aus mehreren, nur lose miteinander verbundenen Strängen zusammen. Im Zentrum stehen Sebastian, ein Architekt und Julia, eine Kunstjournalistin, die ihn für den berühmten Maler Hans Weinling verlässt. Im weiteren Verlauf des in achtzehn kurze Kapitel gegliederten Romans tauchen weitere Figuren auf, wie zum Beispiel Per Heisig, ein Freund Sebastians und Journalist. Wie auch andere Protagonisten wird Per von beruflichen Sorgen und Nöten geplagt, von Neid auf Kollegen, die ihre Artikel völlig mühelos schreiben. Parallel zu seinem Job arbeitet er an einem Roman, in dem Sebastian, Julia und Hans, nur dürftig verfremdet, vorkommen. Spätestens das Erscheinen dieses Romans sorgt für einen Schub in der Handlung. Soboczynski karikiert dabei gekonnt den Presse- und Literaturbetrieb.

„Fabelhafte Eigenschaften“ ist nicht mehr „fast“ ein Roman. Er ist glücklicherweise vom akademischen Ballast aus Soboczynskis früheren Büchern befreit. Ansonsten fehlt ihm aber einiges an Gewicht. Eleganz und sprachliche Leichtigkeit können nicht verhindern, dass die Handlung regelrecht dahinplätschert. Womöglich tragen sie sogar zum Eindruck bei, dass die Figuren und der Erzähler sich auf hohem Niveau langweilen. Zum Schluss werden die Handlungsstränge rabiat aufgelöst. Der Autor zieht förmlich die Notbremse, um den Roman zu beenden. Die Pointe, auf die er laut Klappentext „gnadenlos“ zusteuert, ist erwartbar. So klappt man „Fabelhafte Eigenschaften“ mit einem Gefühl der Enttäuschung zu. Mit seinem Roman scheitert Adam Soboczynski an der Unverbindlichkeit der von ihm selbst diagnostizierten „glänzenden Zeiten“.

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erstellt am 08.10.2015

Adam Soboczynski
Fabelhafte Eigenschaften
Roman
Gebunden mit Schutzumschlag, 206 Seiten
ISBN: 978-3-608-98030-1
Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2015

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