Der britische Ethnologe Nigel Barley erzählt in seinen Büchern von Indonesien. Es sind zum einen seine Erfahrungen bei den Toraja, die Barley erzählerisch ausgestaltet und mit Dialogen bestückt. In „Bali – Das letzte Paradies“ demonstriert Barley das Wechselspiel zwischen europäischer und balinesischer Kultur, berichtet Ruthard Stäblein.

Buchkritik

Abendmahl und Pin-Up Girls

Von Ruthard Stäblein

In seinem Vorwort zu seiner „Reise nach Indonesien“ kritisiert der britische Völkerkundler die eigene Zunft: Die Ethnologie berichtet von falschen Fährten und von den Täuschungen durch die eigene Person und durch andere. Durch eine ähnliche Selbstkritik wurde Nigel Barley weltberühmt, mit seinem ersten Bestseller: „Traumatische Tropen“, auf Deutsch 1986 erschienen. Eine Parodie auf die „Traurigen Tropen“ von Claude Lévi-Strauss. Während der Pariser Ethnologe Lévi-Strauss bei den Eingeborenen im Amazonas melancholisch wurde, machte sich sein jüngerer Londoner Kollege Barley über die Eingeborenen Dowayos im Norden Kameruns lustig. Selten habe ich über ein Buch so viel gelacht wie über diese „Traumatischen Tropen“. Eine Art Schwejk in Kamerun. Nur Barleys britische Universitätskollegen waren „not amused“. Manche wollten ihn aus ihrer Zunft entfernen.

Nun aber wird man durch Nigel Barleys Buch selbst auf falsche Fährten gelockt und getäuscht. Genauer gesagt, nicht durch ihn, sondern durch seinen deutschen Verlag. Klett-Cotta hat Barleys Indonesien-Buch jetzt unter dem Titel: „Auf den Spuren von Mr. Spock“ veröffentlicht. Dabei hat der Verlag das Buch schon einmal publiziert. Und zwar 1994 unter dem Titel „Hallo Mister Puttymann. Bei den Toraja in Indonesien“. Der neue Titel ist aber raffiniert gewählt. Ein Indonesien-Spezialist empfahl nämlich Mr. Barley, ein Forschungsstipendium mit der Begründung zu beantragen, in Sulawesi hätten die Kinder spitze Ohren. Eben wie Mr. Spock. Tatsächlich entdeckt Barley bei den eingeborenen Toraja keine spitzen Ohren, sondern andere Effekte der westlichen Popkultur. Dazu muss ich nochmals weiter ausholen: Barley beschreibt zunächst noch klassisch ethnographisch, wodurch die Toraja berühmt geworden sind, nämlich durch ihre Bestattungsriten. Sie wickeln ihre Toten in Tücher. Und erst nach Jahren werden sie bei verschwenderischen Festen mit dem ausgiebigen Schlachten von Büffeln und Schweinen, mit viel Blut und Tanz und Rausch, also sehr archaisch bestattet. Dann aber nimmt Barley etwas Besonderes wahr:

„Bei dem Fest, das gerade stattfand, wurden die Gebeine der jüngst Verstorbenen in frische Tücher gehüllt und wieder zurück in die Gräber gelegt. Ein Mann war in die Stadt gefahren und hatte eigens die Tücher dafür gekauft. Zu meiner Überraschung leuchteten sie in den grellsten Farben und waren über und über mit Mickeymäusen und Donald-Duck-Figuren bedruckt.“

Gleich drei Ergebnisse erzielt der Forschungsreisende Barley auf seiner Spurensuche in Indonesien.

1. Die Toraja sind kein ursprüngliches Völkchen in den entfernten Wäldern Südsulawesis. Sie ändern ihre Riten ständig unter dem Einfluss fremder Kulturen.

2. Die Ethnologie ist keine objektive Naturkunde, sondern historisch und subjektiv bedingt. Deshalb analysiert Barley die Ethnie der Toraja nicht mit statistischen Werkzeugen, sondern mit den Mitteln der Empathie. Er geht langsam auf sie zu. Bewegt sich mit ihren Transportmitteln, mit dem Pferd, zu Fuß, auf LKW, die abgefahrene Reifen haben. Er wohnt und isst, weint und lacht mit ihnen. Es entsteht eine wechselseitige Beziehung. Auch die Toraja werden neugierig auf den Forscher. Sie sind keine Objekte mehr, sie werden Subjekte. Am Ende seiner Reise kann er Kunsthandwerker der Toraja dazu bewegen, für seine Abteilung im „British Museum“ eine Reisscheune zu bauen und zu schnitzen. In London amüsieren sich die Toraja über die Bräuche der Engländer, die Geld in Wassertümpel werfen, um Glück zu erheischen. Die Hunde haben, die fast so groß sind wie ihre Pferde. Schließlich dreht sich das Verhältnis um. Barley wird in London zum Informanten der Toraja.

Und 3.: Barley sucht vor allem Pointen. Er ist ein gewiefter Erzähler und präziser Beobachter. Er schafft es, dass ich ständig lachen muss und dabei so viel erfahre über die Gepflogenheiten der Toraja:

„Das Haus war ausgeschmückt mit einem seltsamen Gemisch religiöser Symbole. An einer Wand hing das obligatorische Bild des Präsidenten. Flankiert von Abbildungen des Space Shuttle und des Abendmahls – Letzteres eindeutig eine Version des Leonardoschen Gemäldes, aber mit Jüngern, die allesamt den Betrachter wie Wahnsinnige aus riesigen, blauen Augen anstarrten. Der Kalender vom letzten Jahr zeigte muslimische Pin-up-Damen in weiten Gewändern vor Moscheen. Der diesjährige Kalender wartete mit halb nackten Chinesinnen auf.“

Solche unkonventionellen Vermischungen nimmt Barley auch bei den Gebräuchen der „anderen“ Indonesier wahr. In Jakarta, in Surabaya und auch in der Hauptstadt von Südsalawesi, in Makassar. Am meisten gefällt ihm, und nicht nur ihm, wie die Indonesier kichern können, über westliche Langnasen genauso wie über sich selbst, wie sie ständig kuscheln wollen, beim Busfahren aneinander, beim Warten auf dem Bus, an der nächstbesten Stange. Wie warmherzig und gastfreundlich sie sind.

Sobald sich Barley tollpatschig und hilflos zeigt, wird ihm geholfen. Dabei weist Barley auch auf die abschreckenden Seiten von Indonesien hin: die stinkenden Abwässer, die in offenen Kanälen mitten durch Wohnviertel fließen. Die Plastikabfälle im Meer. Die sozialen Gegensätze.

Was das Buch insgesamt auszeichnet, ist der Schalk seines Verfassers. Es ist äußerst witzig, wie Nigel Barley seine Erfahrungen bei den Toraja erzählerisch ausgestaltet, mit Dialogen bestückt, zur Unterhaltung der Leser beiträgt. Manchmal flunkert Barley auch, wenn er z.B. dreimal auf den gleichen LKW mit den schlechten Reifen steigt und am Berg schieben muss. Dann ist das ein schöner, dramaturgischer Effekt, aber keine wissenschaftliche Notwendigkeit. Dadurch fangen seine Geschichten jedoch zu funkeln an. So bin ich froh, dass auch sein Verlag ein bisschen geflunkert hat. Denn die Neuausgabe liest sich so aufheiternd und so frisch, als sei sie gestern geschrieben worden.

Zu empfehlen ist auch das zweite Buch von Nigel Barley, das zum Gastlandauftritt von Indonesien auf der Frankfurter Buchmesse passt. Es trägt den Titel: „Bali. Das letzte Paradies“. Und gleich im 1. Kapitel heißt es:

„Alle Reiseberichte sind gelogen.“

Und der von Barley ist in besonderer Weise gelogen. Er ist nämlich fiktiv, eine Art Romanbiographie, und als solche sehr gelungen. Darin erzählt ein holländischer Maler, wie er nach Bali kommt und sich dort in den deutschen Künstler Walter Spies und in die Balinesen verliebt. Trotz der Umstände. Mit Vergleichen, die keinen Vergleich scheuen:

„Ich ging auf Backsteinhütten zu, zwischen denen mich Köter ankläfften, tief aus dem Zwerchfell, so wie Opernsänger das lernen.“

Oder:

„Er knallte seine Schale mit fischigem Reisbrei, der wie Elefantenejakulat aussah und roch, auf meinen Tisch.“

Der holländische Maler erzählt von Hochzeitsriten der Balinesen mit Brautentführung, von seinen eigenen homosexuellen Sehnsüchten und Erfahrungen. Er erzählt, wie er sich auf Bali von seinen Komplexen befreien konnte. Und er berichtet auch von der Bestattung der Leichen bei den Toraja und schwärmt von den zauberhaften Landschaften. Und auch vom überirdischen Himmel. Wie es da aussieht? „Wie auf Bali, nur ohne Holländer“ lautet der kritische Einwand gegen die Holländer, die jahrhundertelang Indonesien kolonisierten. Im Mittelpunkt aber steht die schillernde Figur von Walter Spies. – Barley nutzt Zeugnisse von und über den wundersamen Künstler. Spies lebte und wirkte als deutsch-russischer Maler und Musiker auf Bali in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er beeinflusste die Entwicklung der Kunst und der Gamelanmusik auf Bali. So trägt die heutige balinensische Kultur eben auch europäische Spuren.

Nigel Barley zeigt mit dieser romanhaften Biographie, mit diesem Melodram, wie die Kultur auf Bali Europäer prägte und wie umgekehrt Europäer wie Walter Spies dazu beitrugen, die balinesische Kunst weiter zu entwickeln. Ein Wechselspiel, wie es sich der besondere Ethnologe Nigel Barley wünscht.

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erstellt am 07.10.2015

Nigel Barley
Auf den Spuren von Mr. Spock
Eine Reise nach Indonesien
Aus dem Englischen von Ulrich Enderwitz
(Original: Not a Hazardous Sport)
Klappenbroschur, 285 Seiten
ISBN: 978-3-608-94897-4
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015

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Nigel Barley
Bali – Das letzte Paradies
Roman, aus dem Englischen von Anke Burger
(Original: Island of Demons)
Klappenbroschur, 271 Seiten
ISBN: 978-3-608-98028-8
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015

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