Der Frankfurter Kunstverein zeigt mit „Körper-Ich“ und „Roots“ zwei Ausstellungen, die sowohl die technologische Sinneserweiterung als auch die Notwendigkeit thematisieren, die eigene Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit ohne Prothesen auszunutzen. Die Ausstellungen erweisen sich als perfektes Team, meint Ellen Wagner.

Kunst

Gandalf im Goldfischglas

»Körper-Ich: Körper im Zeitalter digitaler Technologien« und »Roots. Indonesian Contemporary Art« im Frankfurter Kunstverein

Von Ellen Wagner

Ein beliebtes Hilfsmittel, um sich im Gebrauch übersinnlicher Kräfte zu üben und die Dinge auch über größere Distanzen hinweg wahrzunehmen und zu beeinflussen, ist der Zauberstab. Die physische Verlängerung des Unterarms hat als Wunderwaffe im Kampf gegen lästige Widersacher seit jeher guten Dienst erwiesen. Einen Zauberstab findet man derzeit auch im Frankfurter Kunstverein, eher unscheinbar eingewebt in eine Textilarbeit Eko Nugrohos, der eigentlich gar nicht Teil der im Rahmen der B3 Biennale 2015 ,Expanded Senses‘ stattfindenden Ausstellung „Körper-Ich“ ist, sondern zur Gruppe indonesischer Künstler gehört, die ihre Arbeiten auch anlässlich der Präsenz Indonesiens als Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zeigen. Und doch bringt das Motiv der Plastikfigur eines Zauberers, die, Blick und Zauberstab dramatisch in die Höhe gereckt, in einem Goldfischglas auf einem Schreibtisch steht, den Wunsch nach sinnlicher Expansion zum Ausdruck – das Gefühl, in einem festgefahrenen Arbeitsalltag gefangen und selbst von diesem noch wie durch eine gläserne Wand getrennt zu sein, das Ausschauhalten nach Ausgängen in eine „höhere“ und freiere Wirklichkeit.

Über den Körper hinaus

Die in „Körper-Ich“ vertretenen Künstler thematisieren den über seine organisch-anatomischen Anlagen hinauswachsenden Körper. So findet sich die Sehnsucht, „die Welt aus der Perspektive eines anderen zu erfahren,“ und sich selbst dadurch zu verwirklichen, dass man nicht mehr (nur) man selbst ist, mit Humor und Forscherernst umgesetzt in Thomas Thwaites „I, Goat“ (2015), einem fotografisch und im Video („Holiday from Humanity“, 2015) dokumentierten Selbstversuch, sich den Lebensstil einer Bergziege anzueignen. Sogar an einer gehäuteten Ziege studierte Thwaites den Bewegungsapparat des Tieres, bevor er, eingespannt in eine seiner Konstruktionen, die ihn in eine derjenigen der Ziege ähnliche Körperhaltung zwingen, einige Tage mit einer Herde im Gebirge verbrachte – Gräser kauend und schweißüberströmt. Ein Mensch, der sich fortbewegt wie eine Ziege, fühlt sich weniger wie eine Ziege, als wie ein Mensch, der versucht, sich wie eine Ziege fortzubewegen.

Eleganter zeigt sich der Protagonist in Yuri Ancaranis Video „Da Vinci“ (2012), in der ein den klangvollen Namen des Renaissancekünstlers tragender OP-Roboter seine Gelenkigkeit bei einer Krebsoperation demonstriert. Auch im Übungsspiel, in dem der das System bedienende Chirurg einzelne Steine aus einer eng gestellten virtuellen Dominoreihe entfernen muss, beweist „Da Vinci“ Fingerspitzengefühl. Das Video bricht ab, als der Greifer des Roboters an einen der benachbarten Steine stößt, kurz vor Auslösung des verheerenden Dominoeffekts.

Melanie Gilligans Miniserie „The Common Sense (Phase 1)“ (2014/15) ist im Kunstverein entlang eines verwinkelten Gerüsts aus Stahlröhren abzuschreiten, auf dem fünf Bildschirme in unterschiedlichen Höhen angebracht sind. Die Serie erzählt vom Leben in einer Gesellschaft, in der jeder Bürger einen Mikrochip – den Patch – unter der Zunge trägt und über diesen permanent seine eigenen Emotionen an sein soziales Umfeld übermittelt wie auch die Gefühle der Anderen empfängt.

Wie aber können andere meine Emotionen lesen, wenn ich mir selbst nicht darüber im Klaren bin, was ich fühle? Und welchen Erlebniswert hat es für mich, wenn mir stets bewusst ist, was mein Gegenüber – mir gegenüber – empfindet?

Die Episoden umfassen Alltagsszenen, in denen der Patch ein verständnisvolleres Miteinander fördert, aber auch Situationen, in denen die Sinneserweiterung ins Manipulative kippt: So soll es eine neue Funktion des Patches Führungskräften ermöglichen, gefilterte Emotionen an Untergebene zu übertragen, d. h. nur solche, die zu höherer Leistung motivieren und zur Unterdrückung von Widerspruch anhalten.

Eigene Sinne nutzen

Die Ausstellung „Körper-Ich“ will erkunden, „wie wir unsere leiblichen Grenzen erfahren“, und zeigt dabei vor allem Versuche, diese Grenzen zu überwinden. Es gilt scheinbar, gar nicht erst viel Zeit mit dem Aufenthalt in den Grenzregionen der Wahrnehmung zu verlieren, sondern möglichst schnell einen Fluchtweg aus der eigenen Beschränktheit zu finden. In der parallel laufenden Schau „Roots“ dagegen kritisieren Künstler, dass wir die uns gegebenen Sinne oft nicht einmal auszunutzen wissen. So ist die Skulptur „Traveller“ (Eko Nugroho, 2015) übersät mit weit geöffneten Schnäbeln, die weniger als Sprachrohre denn als lautstarke exotische Garnitur auftreten. Die phantastischen Wesen, die Nugroho im Treppenhaus an die Wände gemalt hat, besitzen statt der Hände und Beine unförmige Tentakel und linkische Hummerscheren, die ihnen mehr im Weg sind, als dass sie zum Festhalten oder Zerschneiden gesellschaftlicher Realitäten taugen würden: „Nicht Politik, sondern Schicksal“ (2015) scheint auch unser Leben gefühlsmäßig allzu oft zu bestimmen. Als gemalter Schriftzug wird der resignierende Ausspruch zum rot auf schwarz prangenden sprechenden Gesichtsausdruck: eine maskenhafte Farbfläche, die sich über Augen, Ohren, Mund und Nase einer Figur im schwarzen Anzug legt und ihr das Begreifen und Gestalten gesellschaftlicher Zusammenhänge erschwert.

Diese Beobachtung, die Nugroho in erster Linie für die Entwicklung der jungen indonesischen Demokratie nach 30 Jahren der Autokratie macht, ist übertragbar auf unsere westliche Gesellschaft. So stellt sich vor dem Hintergrund der Wandarbeit, die ihre Fühler unsichtbar bis in den zweiten Stock, geradewegs in die Ausstellung „Körper-Ich“ streckt, die Frage, ob es – ebenso, wie es gilt, sich technischem Fortschritt nicht zu verschließen – nicht genauso angebracht wäre, den eigenen Chitinpanzer abzulegen, aus der privaten Raumkapsel auszusteigen, um zu sehen und zu spüren, was sich auch ohne Präzisionstechnologie erfahren lässt. Der Abstand zwischen Individuen, den der Patch überbrücken soll, ist nicht nur Hindernis, sondern auch Möglichkeitsraum, der unser Zusammenleben gerade nicht vorhersehbar macht, sondern uns zwingt, miteinander zu kommunizieren, das Verhalten anderer zu interpretieren und dabei oft auch falsch zu liegen. Die dabei nötige, ganz unspektakulär-alltägliche Sinneserweiterung geschieht zwar nicht von selbst, hat aber durchaus etwas Magisches.

Perfektes Team

Indem sie Denkanstöße sowohl zur technologischen Sinneserweiterung als auch zur Notwendigkeit, die der Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit auch ohne prothetische Unterstützung gegebenen Möglichkeiten auszunutzen, geben, zeigen sich die Ausstellungen im Frankfurter Kunstverein als perfektes Team. Zwischen ihnen öffnet sich ein Zwischenraum, aus dem heraus viele der nicht explizit zur Sprache gebrachten Aspekte ihren Weg in den Kopf der Besucher finden. „Roots“ und „Körper-Ich“ fügen sich so gut zusammen, dass man sich fast zwingen muss, den Blick auf eine der Ausstellungen oder eine einzelne Arbeit zu richten.

Besonders auffällig ist das verbindende Motiv der „geloopten Nicht-Handlung“ (Franziska Nori). Es findet sich z. B. bei Jompet Kuswidananto, wo sich schreiende Zikaden und zerrissene Radiogeräusche in das Hämmern der Baustelle vor dem Kunstverein mischen. Sie schaffen eine schlafwandlerische Atmosphäre kurz vor der Tat – einer Tat, die der „Protestzug“ in Kuswidanantos „Power unit“ (2015) nie vollziehen wird. Den Raum füllt eine kollektive Körperlosigkeit, in der bedruckte T-Shirts – Werbegeschenke unterschiedlicher politischer Gruppierungen – ihre Träger ersetzen und motorengesteuerte Handattrappen in Zeitlupe lautlose Klatschbewegungen wiederholen.

In einer solchen Dauerschleife befinden sich auch die digital „zurechtgebastelten“ weiblichen Körper in Kate Coopers „RIGGED“ (2014), die die ihnen auferlegte Perfektion weiter durch Zahnkorrekturen und Gymnastikübungen zu optimieren versuchen – ohne Verletzungsrisiko und ohne Aussicht auf Erfolg. Fast wünscht man, Nugrohos Zauberer im Goldfischglas würde den digitalen Girlies ein wenig Orangenhaut anhexen, auf dass auch sie einmal Gelegenheit zu körperlicher Veränderung erhielten.

Auf Coopers Animation trifft man ganz am Schluss des Rundgangs, der in einer für die Projektion verdunkelten Nische wie in einer Sackgasse endet. Dem unendlichen leeren Kreislauf, den viele der Arbeiten inhaltlich und formal aufgreifen, setzt sich somit wirkungsvoll ein architektonischer Halt entgegen, den man als Grenze dann doch zu akzeptieren hat.

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erstellt am 07.10.2015

Eko Nugroho Untitled, 2012-13, Ausschnitt
Foto: Norbert Miguletz © Frankfurter Kunstverein

Ausstellungen in Frankfurt

Körper-Ich: Körper im Zeitalter digitaler Technologien

Roots. Indonesian Contemporary Art

Bis 10. Januar 2016

Frankfurter Kunstverein

Thomas Thwaites I, Goat, 2015, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2015, Skulptur und 9 Drucke
Foto: Miguletz © Frankfurter Kunstverein, Courtesy the artist

Melanie Gilligan The Common Sense, 2014-15, Filmstill
Courtesy Melanie Gilligan und Galerie Max Mayer, Düsseldorf

Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2015 mit den Arbeiten Nicht Politik, sondern Schicksal (2015) und Traveller (2015) von Eko Nugroho
Foto: Norbert Miguletz © Frankfurter Kunstverein

Jompet Kuswidananto Power unit, 2015, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2015, Stoff, Mechanik, Holzstäbe, Lichter, Schuhe, Harz, Größe variabel
Foto: Miguletz © Frankfurter Kunstverein, Courtesy the artist

Kate Cooper RIGGED, 2014
© the artist Courtesy the artist and Neumeister Bar-Am, Berlin