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KONTAKTE 2015 ist kein Partnervermittlungsunternehmen, sondern ein internationales Festival für elektronische Musik und Klangkunst in der Akademie der Künste in Berlin. Bernd Leukert hat es auszugsweise besucht und beschreibt, was zu hören war.

Festival für elektronische Musik und Klangkunst

Ungewollte Ähnlichkeiten

Von Bernd Leukert

In der Akademie der Künste gibt es ein Studio für elektroakustische Musik, dessen Leiter, Gregorio García Karman, mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Elektroakustische Musik (DEGEM), des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, der Canadian Electroacoustic Community, der Universität der Künste Berlin, der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und der TU Berlin das internationale Festival für elektronische Musik und Klangkunst KONTAKTE ausrichtet. Von solchen Festivals, die sich über drei Tage erstrecken, gibt es bei uns nicht so viele. Aus dem Angebot der Klanginstallationen, Improvisationen, Künstlerporträts, Diskussionsforen, CD-Präsentationen, Filmen und neun Konzerten sollen drei Konzerte Erwähnung finden.

Das sogenannte „Berliner Lautsprecherorchester“ ließ unter dem Titel „Erstkontakt“ fünf Uraufführungen von Kompositionsstudierenden der Musikhochschule „Hanns Eisler“ und der UdK Berlin hören. Und obwohl die Jungkomponisten aus Großbritannien, den USA, Polen, Italien und Deutschland sorgfältig erarbeitete Materialien und Verlaufsformen performierten oder projizierten, ist die Konzertidee für die Studenten dieser Disziplin sehr wichtig, weil erst der Kontakt mit der interessierten und bei artifiziellen Klängen nicht fremdelnden Öffentlichkeit zu einer weiterführenden Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit führen kann. Der Italiener Fabrizio Nocci wagte sich mit seinem Stück „Organic Actions“ allerdings in eine Faktur, die man im Sinne des Titels musikalisch nennen kann. Da waren Klangstrukturen zu hören, die einander ablösten, sich überschnitten und miteinander so verflochten, dass Klangfarben, Intensität und Verlaufsformen in eine gut ausgehörte und im Timing perfekte Balance gebracht waren.

Das Konzert „Multichannel Mexico Today“ präsentierte nun nicht etwa mit folkloristischen Adern durchzogene Fremdklangkörper, sondern neun Kompositionen, die in irgendeinem Studio in irgendeinem Land entstanden sein könnten. Die Abwesenheit des Heimatlichen, des Nationalen oder Patriotischen, selbst des Nostalgischen in der Wahl des Klangmaterial macht den Weg frei für die unabhängige Arbeit am Innenleben und der Morphologie der Klänge. Dennoch ist festzustellen, dass die meisten Stücke sich mehr ähneln, als ihren Komponisten möglicherweise recht ist. Das mag mit hörbaren Moden zu tun haben oder mit dem bekannten Phänomen einer bestimmten Studioästhetik – die Ähnlichkeit wurde zum Beispiel über den häufigen Gebrauch von Distortions erzeugt. Das sind durch gezielte Übersteuerung zerstörte Klänge, die gerade noch einen Rest ihres Ursprungs mit sich tragen. Viel Geräuschiges und durch die Granulartechnik Zerlegtes prägte das Konzert, manchmal mit einer dicken Bassgrundierung unterlegt wie im „Requiem“ von Esteban Chapela, manchmal als hörbar gemachter Sonnensturm wie in „Cubo 2“ von Antonio Russek; auch Alejandro Franco konzentrierte sich in „Devorar al Saturno“ auf die tonarmen Klangschwärme, die Iván López in seinem Stück „Neuma“ wuchtig in einen halligen industrial sound wendete.

Schließlich bestätigte sich der Eindruck einer Gemeinschaftsästhetik beim sonntäglichen Matineekonzert „JTTP 2015 < Jeu de Temps/Times Play“. Das war ein Preisträger-Konzert des Kompositions-Wettbewerbs „JTTP 2015“, der in Zusammenarbeit mit der Canadian Electroacoustic Community (CEC), der nationalen Assoziation elektroakustischer Musikerkomponisten Kanadas ausgerichtet wird. Den von einer Jury ausgewählten fünf Stücken war der Einfluss anzuhören, den der kanadische Komponist Gilles Gobeil einst mit „Nous sommes heureux de“ etablierte: der verschärfte industrielle Klangkosmos mit seinen attraktiven Beschleunigungen und den extremen, sensationell krachenden Materialkollisionen und den überraschend eingelegten, geradezu idyllischen Ruhezonen. Das ist handwerklich vom Feinsten, kompositorisch aber epigonal. Zwei Stücke sind herauszuheben, vielleicht gerade deswegen, weil bei ihnen der Fokus nicht ausschließlich auf das zu Hörende gerichtet war. Myriam Boucher bezeichnet ihr Stück „Cités“ als Videomusik. Überwältigend aber ist das computergenerierte Video, in dem aus fusseligen Kleinstpartikeln sich Strukturen einrichten, die sich über effektvolles ‚Morphing’ in architektonische Körper verwandeln, in dem eine Membrane wie ein optisches Interface funktioniert, das Strahlen übersetzt und dergleichen mehr. Die dreiviertelstündige akusmatische Dokumentation „Littorale“ von Guillaume Campion beginnt mit einer ausschweifenden Ouvertüre, bis die bildlose, auf geschriebenen und gesprochenen Zeugnissen beruhende Dokumentation über ein schriftloses, vom Fischfang lebendes Volk beginnt, die hauptsächlich nur noch von Liegeklängen untermalt wird und sie mit vielen Pausen streckt. Dieses Volk lebt abgeschieden auf der kanadischen Halbinsel Gaspé, die 1918 der Ethnologe Marius Barbeau mit dem Fahrrad besuchte. Er hatte Wachsrollen bei sich, auf denen er Sänger aufnahm, die bis zu 300 Folksongs kannten, welche textinhaltlich und musikalisch mittelalterliche Elemente enthielten. Auch einen Geschichtenerzähler muss es dort gegeben haben, der 12 Stunden am Stück sein Publikum unterhielt. Viele andere Details dieser Dokumentation machten sie zum Faszinosum, das die elektronische Anfütterung weit hinter sich ließ.

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erstellt am 06.10.2015

Akademie der Künste Berlin Standort Hansaviertel, Austragungsort des Festivals KONTAKTE 2015
Foto: Manfred Brückels. Quelle: Wikimedia Commons

Fabrizio Nocci spielt ‚Organic Actions’

Videomusik von Myriam Boucher