Gesellschaft

Neue Not in Deutschland?

Die Wirtschaftskrise der letzten Jahre scheint in Deutschland Spuren hinterlassen zu haben. Immer öfter ist von einer Schichtengesellschaft die Rede, in der die Grenzen nach unten durchlässiger und nach oben dichter geworden sind. Auch deshalb, weil vor allem in der Mittelschicht eine schleichende oder zumindest gespürte Not um sich greift. Und die Unterschicht wird langsam abgehängt.
Zur Einführung sprachen Christiane Florin und Raoul Löbbert mit dem Soziologen Michael Hartmann über das „Dichtmachen“ der Mittelschicht.

Faust-Gespräch mit Michael Hartmann

»Heute bestimmen nicht Aufstiegschancen,

sondern Abstiegsängste die Haltung«

Stimmt das: Einmal Unterschicht – immer Unterschicht?

Hartmann: Man kann zumindest sagen, dass die Zahl derer, die sich in Armut befinden und darin verbleiben, in den vergangenen Jahren messbar größer geworden ist. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung macht regelmäßig Untersuchungen. Demzufolge ist der Anteil derer, die seit 2000 binnen fünf Jahren aus der Armut in die Mittelschicht aufgestiegen sind, von knapp 50 Prozent auf nur noch ein Drittel gesunken. Insgesamt sind in den vergangenen zehn Jahren vier mal so viele Menschen ab- wie aufgestiegen. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, arm zu bleiben, ist deutlich gestiegen.

Warum?

Ein wesentlicher Grund ist die Tatsache, dass wir in Deutschland hinter den USA inzwischen den zweitgrößten Billiglohnsektor haben, fast 22 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten hier. Dazu kommen die generellen Folgen der Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Regierung. Dadurch geht der Abstieg schnell, der Aufstieg aber verläuft langsam oder bleibt aus. Zudem ist das Betreuungssystem für kleine Kinder in Deutschland so strukturiert, dass es für Alleinerziehende nur schwer möglich ist, einem Beruf nachzugehen.

Garantiert Bildung Aufstieg?

Hartmann: Bildung ist kein Garant, aber eine Voraussetzung. In Armut verharren überproportional viele Menschen mit schlechter Ausbildung, darunter sind wiederum überproportional viele Migranten. Deren Startchancen könnte man mit einem guten Betreuungssystem für unter Dreijährige verbessern, aber wenn Sie sich vor Augen führen, dass zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen nicht einmal zehn Prozent der Kinder unter drei einen Platz in einer Kita bekommen können, sieht man, wie viel da noch fehlt. Wenn Sie mit der Sprachförderung warten, bis die Kinder sechs sind, ist der Rückstand oft nicht mehr aufzuholen.

Blockiert das dreigliedrige Schulsystem Aufstiegschancen?

Hartmann: Für Kinder aus armen Familien ist es ein großes Problem. Man muss hier unterscheiden: Zum einen haben Kinder aus der Unterschicht oft schlechtere Voraussetzungen, um lesen und rechnen zu lernen. Das heißt, ihre Leistung ist objektiv schlechter als die eines Kindes aus einem Akademikerhaushalt. Zum anderen aber ist es so, dass Akademikerkinder eher eine Gymnasialempfehlung bekommen als das Kind eines ungelernten Arbeiters, auch wenn sie objektiv schlechter sind. Die Lehrer trauen Kindern aus gut situiertem Elternhaus mehr zu.

Das heißt, die Schichtgrenzen werden früh dichtgemacht?

Hartmann: Ja, und ich sehe in der Politik wenig ernsthaftes Bemühen, an diesen Verhältnissen etwas zu ändern. Das Interesse der Politiker an der Unterschicht hat nachgelassen, das hat vor allem mit der Wahlbeteiligung zu tun. In gutbürgerlichen Vierteln ist sie hoch, an sozialen Brennpunkten niedrig. Für Politiker wird Armut erst dann zum Problem; wenn sich ein Konflikt mit für sie relevanten Wählergruppen ergibt. Kriminalität zum Beispiel wird so lange ignoriert, wie sie sich innerhalb der Armenviertel austobt. Handlungsbedarf für Politiker entsteht erst, wenn Durchschnittsbürger damit konfrontiert sind. In letzter Zeit haben sich zudem biologistische Erklärungsmuster eingeschlichen, wenn „die da oben“ über „die da unten“ sprechen.
Thilo Sarrazin hat in einem Interview über 15-jährige Migranten, die nicht richtig schreiben und lesen können, gesagt, das sei dann eben so, auch im Krieg würden zuerst die leicht Verletzten versorgt. Die hoffnungslosen Fälle bleiben also auf der Strecke. Das heißt fürs Bildungswesen: Man soll nur noch in die investieren, bei denen es sich lohnt. Die anderen muss man aufgeben.

Gerhard Schröder, Sohn einer alleinerziehenden Putzfrau, hat es bis zum Bundeskanzler gebracht. War die Republik in den 1970ern durchlässiger?

Hartmann: Ja, die Siebziger waren das goldene Jahrzehnt der Bundesrepublik, Die Öffnung des Bildungssystems war entscheidend: Es wurden Abendgymnasien gegründet, Kollegs, Fachhochschulen. Und es gab nicht einen Schultyp, der abgehängt war wie heute die Hauptschule. Eine Karriere wie die von Schröder war auch damals die Ausnahme, aber beherrschend war das Gefühl, es schaffen zu können, wenn man sich anstrengt. Heute bestimmen nicht Aufstiegschancen, sondern Abstiegsängste die Haltung zum Bildungssystem. Der Aufstiegswille findet gerade bei Ärmeren keine Nahrung. Das hat auch damit zu tun, dass Wohnviertel weniger durchmischt sind. Es wohnen die zusammen, die alle in derselben schlechten Situation sind, da fehlen Vorbilder.

Gibt es eine Entsolidarisierung?

Hartmann: Das kann ich so pauschal nicht bejahen. In der Mittelschicht gibt es ein gespaltenes Bewusstsein. Einerseits gibt es die Angst vor dem Abstieg. Deshalb versucht die Mittelschicht gerade ihre Kinder von denen aus der Unterschicht abzugrenzen. Andererseits gibt es noch den starken Wunsch, es möge sozial gerecht zugehen. Das führt zu kuriosen Umfrageergebnissen. Mein Kollege Wilhelm Heitmeyer hat zum Beispiel einmal gefragt: „Wer, glauben Sie, hat Schuld an der Finanzkrise?„ Da sagen 80 Prozent „die Banker„, 52 Prozent meinen, es seien diejenigen, die das Sozialsystem ausnutzen. Es müssen also viele Personen sowohl das eine wie das andere geantwortet haben. Man kann die Befindlichkeit der Mittelschicht vielleicht so zusammenfassen: Es soll so sozial bleiben, wie es mal war. Wenn das aber nicht geht, fährt man die Ellenbogen aus.

Christiane Florin
Raoul Löbbert

Michael Hartmann ist Professor für Soziologie in Darmstadt mit den Schwerpunkten Elitesoziologie.

erstellt am 21.2.2011