Indonesien präsentiert sich auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse als Ehrengast. Schon vor Messebeginn kann man sich ein umfassendes Bild von der Kultur des Inselstaates machen. Eugen El hat einen Rundgang durch die aktuellen Indonesien-Ausstellungen in Frankfurt unternommen.

Indonesien-Ausstellungen in Frankfurt

Magische Bilder und Klänge

Von Eugen El

Indonesien, mit fast 250 Millionen Einwohnern das größte muslimische Land der Welt, sei vielen Europäern nahezu unbekannt, sagt Goenawan Mohamad, Chef des indonesischen Organisationskomitees. Der Ehrengastauftritt sei daher eine Gelegenheit, das Land jenseits der gängigen Bilder von Tsunami, Korruption und Armut zu präsentieren.

Portikus

Ein ungewöhnliches Verlagshaus steht im Zentrum der Ausstellung des 1974 geborenen indonesischen Künstlers und Kurators Ade Darmawan in der Kunsthalle Portikus. „Magic Centre“ heißt die Schau, und so heißt auch der indonesische Verlag, der in den sechziger Jahren mit dem ganzen Land eine Wende vollzog. Bis 1967 regierte Präsident Sukarno Indonesien, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus der niederländischen Kolonialherrschaft löste, kommunistisch und nationalistisch. Dann putschte sich General Suharto an die Macht. Obwohl gleichermaßen nationalistisch eingestellt, öffnete er das Land für die Marktwirtschaft. Der Magic Centre-Verlag, der zuvor noch Bücher über Magie, Hypnose und Okkultes publiziert hatte, nahm etliche Erfolgs- und Motivationsratgeber in sein Programm auf.

Diese entscheidenden Jahre des Wandels thematisiert Darmawan in seiner Installation. In Vitrinen, die eigens aus Indonesien eingeflogen worden sind, präsentiert er antiquarische Magic-Centre-Bände und weitere Wirtschaftsbücher zusammen mit Alltagsobjekten. Es sind Pokale und Trophäen, Golfschläger und Keramikfiguren, die von den Sehnsüchten der Menschen in einer aufstrebenden Ökonomie erzählen. In der Mitte des Ausstellungsraums hängen, ineinander verkeilt, mehrere Kronleuchter von der Decke herab. Der grafischen Gestaltung der gezeigten Bücher widmet Darmawan drei Stoffbanner, die jeweils mehrere, von Schrift befreite Buchumschläge zeigen. Die entfesselten Formen und Farben der Banner gehören zu den Höhepunkten der Schau.

Die oft aus dem Niederländischen und dem Amerikanischen übersetzten Magic-Centre-Bände sollten dazu beitragen, erfolgreiche kapitalistische Individuen heranzuziehen. Ade Darmawans Schau im Portikus funktioniert wie eine Zeitkapsel. Sie gibt Einblick in die Zeit, in der sich Indonesien zur Marktwirtschaft hin entwickelte.

Fotografie Forum

Mit siebzehn hat man noch Träume. Ein indonesisches Mädchen schwankt zwischen Jesus, Barbie und Handtaschen. Ein Junge inszeniert sich als Popstar und präsentiert auf seinem Bett zwei Smartphones, ein Tablet und ein Laptop. Ein anderer Jugendlicher wirkt schon deutlich reifer, was im Kontrast zu seiner Teletubbies-Bettwäsche steht. Octa Christis Fotografien ihrer 17-jährigen Landsleute sind Teil der Ausstellung „Beyond Transisi“ im Fotografie Forum.

Die Kuratorin Celina Lunsford hat den Fokus auf junge Dokumentarfotografie gelegt. Unter den neun beteiligten Fotografen sind etliche unter vierzig Jahre. Einige von ihnen nehmen die Dynamik der Millionenstadt Jakarta in den Blick. Paul Kadarismans Fotografien zeigen verglaste Bürogebäude, breite Stadtautobahnen und Ausfallstraßen, gesäumt von großen Werbetafeln. Die Szenerien wirken fast schon vertraut. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass weder Autos noch Menschen zu sehen sind. Surreal mutet eine Fotografie von Fanny Octavianus an. Der Eingang zu einem Gebäude ist als weit aufgerissener Mund eines riesigen, maskenhaften Kopfes stilisiert. Davor sieht man einen Security-Mitarbeiter, eine junge Frau anschreiend. Sein Gesicht zieht eine Grimasse.

Auch das Leben im ländlichen Raum wird von den indonesischen Fotografen in den Blick genommen. Kemal Jufri, 2011 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet, zeigt Bilder, die während eines Vulkanausbruchs auf der Insel Java entstanden sind. Eine Frau erntet unverdrossen Obst, während der Vulkan im Bildhintergrund unübersehbar Rauch und Asche ausstößt. Die Aufnahme eines von Asche bedeckten Dorfes ist ebenfalls zu sehen. Die Industrialisierung Indonesiens wird unter anderem von Rony Zakaria thematisiert. Seine Serie „The Sweet Sugar Island“ dokumentiert die Arbeit auf einer der zahlreichen Zuckerrohrplantagen und in Zuckerfabriken. Die Landschaftsfotografien von Muhammad Fadli könnte man als romantisch bezeichnen. Die Naturidyllen des Banda-Archipels erzählen dennoch auch von der Kolonialgeschichte Indonesiens.

Weltkulturen Museum

Gamelan-Musikern bei ihrem Spiel zuzusehen, ist ein Genuss. Die vor allem auf den Inseln Java und Bali verbreiteten Instrumente entfalten verträumte, hypnotische Klänge. Eine Auswahl von Gamelan-Instrumenten konnte man bei der Eröffnung der Ausstellung „Imag[in]ing Musical Indonesia“ im experimentellen „Green Room“ des Weltkulturen Museums hören.

Ums Hören geht es bei dieser Schau, die den Besuchern ausgewählte Aspekte von Indonesiens Musiklandschaft näher bringen möchte, indes nicht. In erster Linie soll die Annäherung auf visueller Ebene erfolgen. Die Kuratorin Alice Pawlik greift dabei auf Sammlungsbestände des Museums zurück. So besitzt das Weltkulturen Museum ein komplettes Gamelan-Ensemble aus dem Jahr 1911. Vier Instrumente daraus sind im zentralen Raum der Ausstellung zu sehen. Sie dürfen bespielt werden. Im zweiten Raum zeigen Fotografien die Welt des Darstellenden Spiels in Indonesien. Dabei geht es um Schattenspiel, Puppenspiel und Tanz, stets in Gamelan-Begleitung.

Die traditionelle Musik Indonesiens wird ohne Noten gespielt. Die Musiker haben Blätter mit Zahlenkonstellationen vor sich. Westliche Einflüsse spielen dennoch eine Rolle im Musikleben des Inselstaates. In der Ausstellung werden sie durch Fotografien dokumentiert. Sie zeigen zum Beispiel Kinder vor einem Grammophon im Jahr 1930 oder auch Harmoniumspieler. Hier verwendet die Kuratorin ursprünglich von christlichen Missionsorden bezogenes Material. Islamische Einflüsse haben keinen Eingang in die Präsentation gefunden, da sie nicht in der Sammlung repräsentiert sind. Der dritte Raum bietet kurze Filme zum Maskenspiel und eine Hörstation, die anhand etlicher Musikstücke zumindest einen Einstieg in die Klanglandschaft Indonesiens ermöglicht.

Weitere Orte

Das Deutsche Architekturmuseum zeigt unter dem Titel „Tropicality Revisited“ den beispielhaften Umgang indonesischer Architekten mit dem tropischen Klima. Ein Blickfang ist Joko Aviantos Bambusinstallation an der Fassade des Kunstvereins. Die dazugehörige Schau „Roots. Indonesian Contemporary Art“ bietet Einblicke in die zeitgenössische Kunstszene des Inselstaates. „Indonesia LAB“ ist eine Kooperation mehrerer Frankfurter Kulturinstitutionen (u.a. auch Portikus), die einen Austausch in den Bereichen Musik, Tanz, Performance und bildende Kunst initiiert haben. Zu den Höhepunkten zählen die Tanzaufführungen des indonesischen Choreographen Eko Supriyanto im Mousonturm und die Darbietungen zeitgenössischer indonesischer Musik durch das Ensemble Modern im Frankfurt LAB. Der Experimentalmusiker Wukir Suryadi, derzeit Gastkünstler am Weltkulturen Museum, öffnet zudem während der Buchmesse sein Atelier und stellt in einer Performance die Ergebnisse seiner Arbeit vor.

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erstellt am 02.10.2015

Joko Avianto Bambusinstallation an der Außenfassade des Frankfurter Kunstvereins, 2015
Courtesy the artist

Ade Darmawan Magic Centre, Ausstellungsansicht Portikus
Foto: Helena Schlichting, Courtesy of Portikus

Bis 15. November 2015

Ade Darmawan. Magic Centre

Portikus

Octa Christi Trisya Berselina Awom, Doom Island. Aus der Serie »Seventeen«, 2014
© Octa Christi

Bis 15. November 2015

Beyond Transisi. Contemporary Indonesian Photography

Fotografie Forum Frankfurt

Muhammad Fadli The Banda Chronicles, Nr. 12, 2015
© Muhammad Fadli

Gamelan-Spieler, Bali, Indonesien, 1926-29
Sammlung Weltkulturen Museum

Bis 15. November 2015

Imag[in]ing Musical Indonesia

Weltkulturen Museum