„Ein Gemeinwesen bedarf zu seiner Weiterentwicklung außergewöhnlicher Menschen“, schrieb der englische Philosoph Bertrand Russell, und zweifellos rechnete er sich zu diesen. Als der berühmte Analytiker während seiner dritten Ehe gewahr wurde, dass er vor lauter öffentlichen Aktivitäten seine Frau aus den Augen verloren hatte, reiste er, wie Otto A. Böhmer berichtet, nach Cornwall und machte dort eine Entdeckung.

Holzwege

Differenz der Briefmarken

Der Philosoph Bertrand Russell

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Bertrand Russell hatte sich kurzerhand von seiner dritten Ehefrau verabschiedet und war zu einem Kurzurlaub aufgebrochen, den er für mehr als nötig hielt; hatte er nicht in den letzten Wochen und Monaten gearbeitet wie ein Geistesknecht, dazu Vorträge und Reden gehalten und sich zahllose Beschimpfungen angehört, die in öffentlichen Diskussionen auf ihn herniedergingen? Er war ja längst zu einem überaus wichtigen Menschen avanciert, gestand er sich gern ein, was zum einen anstrengend war, weil die Grenzen zwischen Profession und Privatheit verwischt wurden, was zum anderen aber auch einer gewissen Grundeitelkeit schmeichelte, die der Philosoph inzwischen als eine generelle Mitgift des merkwürdig weit fortgeschrittenen Menschengeschlechts ansah. In den wenigen stillen Stunden, die sich Russell zuletzt noch gegönnt hatte, musste er zudem einräumen, dass sein privates Leben immer mehr ins Hintertreffen geraten war gegenüber der beruflichen Umtriebigkeit, mit deren angeblichen Zwängen er gern kokettierte; seine Frau, bei der er doch vieles besser machen wollte, sah er selten, und so konnte es nicht weiter verwundern, dass sich eine allmähliche Fremdheit der Ehepartner einstellte, die man, bei nüchterner Betrachtung der Dinge und unter gleichzeitiger Bemühung liebesseliger Reminiszenzen, schon als einigermaßen besorgniserregend einstufen durfte. Der Philosoph hatte sich daher zur kleinen Flucht entschlossen; aus der Ferne, dachte er, konnte er das Vertrauen zu seinen Gefühlen zurückgewinnen; irgendwo auf dem Land würde er in Erinnerungen schwelgen, denen er, als philosophierender Poet, ja längst schon ein Mann großer Meriten, Ausdruck verlieh wie ein versierter Herzenswärmer, dem die einfühlsamsten Liebesbriefe nur so von der Hand gingen. Er war nach Cornwall gefahren, in ein kleines Dorf, das er vor langer Zeit einmal, als er noch glaubte, die Welt mit den Füßen erschließen zu können, durchwandert hatte; Burberry Heights hieß das Nest, eine Idylle zweifellos, die ihm über die Jahre hinweg wie ein wiederkehrender, arg schöner und doch flüchtiger Traum in Erinnerung geblieben war. Er fand alles nahezu unverändert. Das Dorf, hoch über kurios abgerundeten Küstenfelsen gelegen, glich noch immer dem andenkenhaften Refugium, das er zu kennen glaubte; die Menschen, wortkarg, misstrauisch, so wie er’s mochte, gingen ihrer Wege, die mit dem Fremden nichts zu tun hatten. Er kam in einer kleinen Pension unter, wo man ihm ein bescheidenes Zimmer zuwies, aus dem er direkt zurück in seinen Traum spähen konnte: Die Bilder waren geblieben, das zum Meer abfallende, immergrüne Land, ein unverschämt weiter und heller, gelegentlich ins Blaue hinein geöffneter Himmel, auf dem unablässig neue Wolken gebildet wurden, die sich alsbald wieder verloren, und das Sausen eines ewigen Windes, unruhiger Schwärmer, der nicht zur Ruhe kommen mochte vor seiner Zeit.

Der Philosoph setzte sich ans Fenster; er würde schauen, jetzt, und dabei seinen ersten Liebesbrief schreiben. Es fiel ihm jedoch nichts Rechtes ein – nein, es fiel ihm eigentlich gar nichts ein; nicht mal ein halbwegs authentisches, geschweige denn anregendes Porträt seiner Gattin bekam er vor Augen: wie sah sie denn aus, und warum liebte er sie in einer Weise, die der glutvollen brieflichen Mitteilung bedurfte –. Nach drei Tagen und drei Nächten, die er mit geregeltem Abwarten verbrachte, versuchte er sich auf ein neues; wieder nahm er am Fenster Platz, und dieses Mal gelang ihm immerhin ein zufriedenstellender Anfang, den er kurzerhand, alle Kräfte zusammennehmend, in eine Fortsetzung überführte. „Meine Liebe!“ schrieb er, „Ich hoffe, es geht Dir gut. Meine Abwesenheit wirst Du zwischenzeitlich bemerkt – und, so hoffe ich, mir nachgesehen haben. Du weißt, ich hänge an Dir, was jedoch nicht bedeutet, dass ich immer um Dich sein könnte. Liebe, Zuneigung, jede Sache des Herzens bedarf einer gewissen Distanz, die dazu beiträgt, bestimmte Vergegenwärtigungen neu zu beleben und, gegebenenfalls, noch einmal zu überdenken. Ich befinde mich hier auf dem Lande, der Name des Dorfes, in welchem ich Unterschlupf gefunden habe, tut vorerst nichts zur Sache. Die wenigen Menschen, denen ich begegne, behandeln mich als Störenfried, und das empfinde ich als gerecht. Man grüßt mich nicht, ich werde eher misstrauisch beäugt, und auf die Frage nach gewissen Wegen, die ich gehen möchte, gibt man mir, wenn überhaupt, ausweichende Antworten oder macht sich sogar einen Spaß daraus, mich in die Irre zu führen. Die Leute sind hier meilenweit entfernt von den verlogenen Verhaltensmaßregeln, die unser städtisches Treiben beherrschen; ein Wort ist ein Wort, und es hat soviel Gewicht, dass es nur langsam, zögerlich, vielleicht aber auch gar nicht ausgesprochen wird. Zu den Menschen passt das Klima: Kälte und Wind, ein immerwährendes Rauschen in der Luft, und der Himmel über mir gibt sogar für einen professionell ungläubigen Herrn, wie ich es bin, Anzeichen des Wunderbaren zu erkennen; wissen wir denn noch, meine Liebe, was wirkliches Staunen bedeutet oder gar Ehrfurcht, die inzwischen gänzlich aus der Mode gekommen scheint? Heute Mittag übrigens habe ich eine Anregung erfahren, die mir für meine weitere Arbeit, einer Grundlegung der logischen Kleinkünste, zu denken gibt: Ich war, kurz vor Schalterschluss, auf dem hiesigen Zwergpostamt, wo ich Zeuge eines bemerkenswerten Gespräches wurde. Ein älterer Mann sagte zu dem Schalterbeamten: ‚Hören Sie, Wesley, was mich schon immer interessiert hat: Wie macht die Post eigentlich Gewinn? Ihr verkauft die Zehnerbriefmarke für genau zehn Shilling, wo bleibt denn da noch für euren Laden etwas hängen?‘ ‚Mein Freund‘, antwortete der Beamte, ‚die Sache ist ganz einfach: Jeder Brief hat ein bestimmtes zulässiges Höchstgewicht. Viele Briefe aber sind leichter, erreichen also nicht das Höchstgewicht, und in genau dieser Differenz liegt der Gewinn, den die Post einstreicht. Verstanden?‘ Ein solcher Dialog, Liebe, muss einem zu denken geben, und ich sehe für die Logik, wie ich sie betreibe, ganz neue Möglichkeiten des Bedenkens und des produktiven Zweifels auf mich zukommen … Sagte ich schon, dass ich Dich liebe? Nimm es hiermit zur Kenntnis; ich vermisse Dich – so sehr wie ich Dich vermissen kann. Sei innigst gegrüßt, ich melde mich – wieder. Dein alter B. R.“

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erstellt am 01.10.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Bertrand Russell
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