Buchkritik

Ein Buch der Abirrungen

Karl-Markus Gauß’ großartige Essay- und Reportagensammlung
Im Wald der Metropolen

Von Jürgen Lentes

Für den 1954 in Salzburg geborenen Schriftsteller, Essayisten und Kritiker Karl-Markus Gauß bedeutet Europa mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit etwas anderes als das Europa der Brüsseler Bürokraten, der Regulierungsfanatiker und großen Einebner. Gauß’ lesend und damit mit ihm auf Reisen durch dieses andere Europa zu gehen, das ist ein ungleich anregenderes und früchtebringenderes Unterfangen als es die Sprechblasen der in einen gutdotierten Vorruhestand abgeschobenen Politiker auch nur andeutungsweise vermögen.

Im Wald der Metropolen ist ein „Buch der Abirrungen“, unendlich reich an von der Historie, die ja meist von den Herrschern und Siegern geschrieben wird, verschütteten Geschichten, Zusammenhängen, Personen. „Aber auch ein Buch der Abirrungen darf nicht jeden Seitenweg zu Ende gehen, zumal es dieses Ende nicht gibt, da es mich auf den Seitenwegen tatsächlich immer weiter und weiter führen würde.“ Diese Wege kann der Leser, wenn er denn mag, weitergehen, indem er beispielsweise die zu Unrecht marginalisierten und (fast) vergessenen Schriftsteller selbst zu entdecken beginnt, die Gauß nicht müde wird, aus dem Hut des Vergessens zu zaubern.

Wie den 1878 im slowenischen Vinica geborenen Dichter Oton Zupanicic, für Gauß der Meister in der Beschreibung des Lichts: „ … das Licht in der Frühe und zu Mittag, das nächtliche Licht und das Licht unter dem Gewitterhimmel, das Licht der Erwartung, das festliche Licht und das in der Kirche, [das] hatte er in Dragatus als sein Element gefunden.“ Zupanicic lebte damals an einem der vielen abgeschiedenen Enden der Welt, und war doch „in seiner rätselhaften Existenz mit der ganzen Welt verbunden gewesen. Aus nicht weniger als fünf Sprachen übersetzte er ins Slowenische mit dem selbstbewusstem Vorsatz, den Slowenen die Weltliteratur ins eigene Haus zu bringen, Dante, Shakespeare, Goethe, Balzac, Tolstoi.“

Vor allem aber für den Mann, der die slowenische Literatur begründete, den 1880 geborenen Ivan Cankar, wird Gauß nicht müde eine Lanze zu brechen. „In den Novellen und Erzählungen des Ivan Cankar wird so viel gestorben wie in keinem anderen Werk der Weltliteratur.“ Selbst nur 42 Jahre alt wurde dieser Cankar, der als erster Autor Sloweniens versuchte, von seinem Schreiben zu leben. „Als Kommunist, Pornograph, religiöser Schwärmer, Gotteslästerer, unheilbarer Pessimist, sozialer Utopist, wurde er gerühmt und geschmäht, und, echter Nationalautor, der er war, haben alle diese Bezeichnungen auch wirklich etwas für sich.“ Die „Helden“ der Dichtung Cankars waren immer die Deklassierten der Gesellschaft, die darum kämpften, ihr eigenes kleines, aber selbstbestimmtes Leben zu führen.

Wie auch für den 1912 geborenen und 1979 gestorbenen flämischen Schriftsteller Louis Paul Boon. Auch „er ein Autor der kleinen Leute, [der] sich aber weigerte, Konzessionen an deren literarischen Geschmack zu machen. Und [der] mir als geradezu naturwüchsiger Sozialist erschien, der doch an keine Verheißung der klassenlose Gesellschaft glaubte […] Er war weder ein Romantiker der Revolution, noch ein Funktionär des Klassenkampfs. [Aber] mit den Kartoffelessern hat es Louis Paul Boon gehalten; vielleicht gilt er, einer der großen Sozialrealisten der europäischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, deswegen in einer Ära so wenig, in der die einen mit Chips abgefüttert werden und die anderen die Trüffeln hobeln“.

Im Wald der Metropolen jedoch nur auf die ausgelegten Fährten zu Schriftstellern zu reduzieren, nichts täte diesem weltgesättigten Band mit Essays und Reportagen mehr Unrecht. Gauß ist einer, der die Kunst des Flaneurs aufs Trefflichste beherrscht, ungezählte Straßen wandert der Leser mit ihm ab, sei es in Wien, Bukarest, Brüssel. Ungemein sinnliche Eindrücke beschert die Lektüre, wie sie nur ein großer Erzähler hervorzurufen vermag. Man schwitzt mit Gauß, langweilt sich auch mal mit ihm, man trinkt mit ihm Kaffee oder Wein in Cafés und Kneipen, lernt „einfache“ Menschen kennen, die Aufmerksamkeit schnellt hoch, man atmet die Abgase des städtischen Verkehrs, die frische Luft auf dem Land, hört die Stille und vergisst infernalischen Lärm. Man betritt mit ihm einzigartige Bibliotheken, genießt mit dem Erzähler den Liebreiz und die Schönheit so manchen Kleinods der Architektur und erschrickt über Monströses.

Wie über den Justizpalast in Brüssel, das größte Gebäude, das im Europa des neunzehnten Jahrhunderts gebaut wurde. Eine ekelerregende Fratze der Macht, steingewordenes Symbol für die Herrschaft Leopolds II., einem der schlimmsten Menschenschlächter der jüngeren europäischen Geschichte; ein Regent, der den Kongo als sein Privatunternehmen betrachtete und das Land unerbittlich ausbeutete. „Zehn Millionen Afrikaner sind dem Projekt, den Kongo der europäischen Zivilisation anzuschließen, zum Opfer gefallen.“ – „Und, ich bin mir sicher, [Praelart, der Architekt] war bereits wahnsinnig, als er zu bauen begann, und gelangte zur Erkenntnis seiner selbst, als er irre wurde“.

Europa wandelt sich mehr und mehr zur Festung, dass das aber auf Dauer nicht funktionieren wird, auch das lehrt die Geschichte am Beispiel Brüssels. Direkt unter dem Justizpalast befinden sich die Marolles, ein multikulturelles Viertel, in dem heute viele Schwarzafrikaner leben. Und wenn sie hochblicken, dann haben sie immer den monströsen Bau als Symbol europäischer Hybris und Vernichtungspotentials vor Augen.

Gauß’ Buch erzählt weiter von Sprachbarrieren, von Versuchen, diese politisch zu instrumentalisieren oder sie zu überwinden, von gescheiterten Volksaufständen, vom Balkankrieg, von der Provinz und den Metropolen, das eine mal groß und weit, das andere mal von unerträglicher Enge und spießiger Selbstgenügsamkeit und immer wieder auch von den Paria der heutigen europäischen Zeit, den Zigeunern. Die übrigens die einzigen zu sein scheinen, die in Bukarest arbeiten, indem sie unermüdlich die Straßen und Plätze fegen.

Und eine gute Empfehlung hat Gauß, der zuletzt 2010 den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay erhielt, auch noch parat. Verlasse nie einen Ort, sei es eine Stadt oder ein Dorf, ohne einen Friedhof zu besuchen. Da kann man was lernen. Und wird ganz bescheiden.

erstellt am 16.2.2011

Karl-Markus Gauß
Im Wald der Metropolen
Paul Zsolnay Verlag
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