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Die Luft wird dünner. Schon die Vehemenz der Beschneidungsdebatte im Sommer 2012 ließ viele Juden in Deutschland aufhorchen. Zwei Jahre später, während des Gazakrieges, zogen Tausende Menschen durch Deutschlands Innenstädte und skandierten antisemitische Parolen. „Juden ins Gas“ schallte es durch die Fußgängerzonen, während die große Mehrzeit der Bevölkerung, sich der eigenen Toleranz und Weltoffenheit sicher, wegschaute. Jedenfalls blieb ein „Aufstand der Anständigen“ aus. Im Gegenteil, mehr denn je wurde der Staat Israel an den Pranger gestellt. „Israel ist an allem schuld“ lautet der provokante Titel einer nun erschienenen Streitschrift der Journalisten Georg M. Hafner und Esther Schapira. Sie wollen aufzeigen, warum der Judenstaat in Teilen der deutschen Öffentlichkeit so leidenschaftlich gehasst wird und was das mit Antisemitismus zu tun hat. Hafner und Schapira analysieren die Rolle der Medien, der Parteien und der intellektuellen Elite. Sie beleuchten das Phänomen des muslimischen Judenhasses ebenso wie den deutschen Alltagsantisemitismus. Eingestreut sind Porträts von Juden in Deutschland der Gegenwart. Einer von ihnen ist Eldad Beck. Beck ist Israeli und Österreicher. Mit seinem Mann lebt er in Berlin und arbeitet als Deutschlandkorrespondent der israelischen Tageszeitung „Yedioth Ahronoth“. Faust-Kultur veröffentlicht Becks Porträt im Folgenden. el

Porträt

»Hier zu leben, ist wirklich nicht einfach«

Zu Besuch bei Eldad Beck

Von Georg M. Hafner und Esther Schapira

Der Samstagmorgen, an dem wir mit Eldad verabredet sind, ist ein richtig guter Tag für gute Laune und nette Leute. Es riecht schon nach Sommer, obwohl im Kalender noch Frühling ist. Die Menschen wagen sich zum ersten Mal mit kurzen Hemden auf die Straße, Mütter und Väter schieben ihre Kinderwagen in die Sonne, aus den Backstuben riecht es nach frischen Brötchen. Es ist einfach ein perfekter Tag. Wir sind mit Eldad Beck und seinem Mann am Prenzlauer Berg verabredet, der besten Adresse für hippe Menschen. Wer es sich leisten kann, wohnt hier. Die Mieten sind explodiert, die Quadratmeterpreise für eine Eigentumswohnung durch die Decke geschossen. Eldad und sein Mann lieben das Viertel, sie sind hier heimisch geworden, obwohl sie beide Fremde sind. Sein Mann ist Österreicher, Eldad kommt aus Israel. In bestimmten Situationen sagte er aber lieber, er sei Österreicher, was faktisch korrekt ist, denn er hat auch einen österreichischen Pass. Das gestaltet den Umgang mit Nachbarn und neuen Bekannten erst mal leichter, als wenn er sich gleich als Israeli outet. Er muss dann keine blöden Fragen beantworten, die Eldad nicht scheut, aber als Österreicher wird er in Ruhe gelassen, was das Leben deutlich entspannter macht.

Zwei Schritte, kurz um die Ecke, noch zwei Kinderwagen ausgewichen, und wir sind da. Eldad hat sein Stammcafé ausgesucht, schräg, plüschig, rau und mit einem Charme, der sich erst Stammgästen wirklich erschließt, nichts für die Laufkundschaft. Breite, durchgesessene und etwas abgewetzte Sofas aus Omas Nachlass, wackelige Tischchen, knarrende Holzdielen, ein cooler Typ an der Bar, der sich mit der Zubereitung von Cappuccino abmüht. Aus den Lautsprechern dröhnt klassische Rockmusik, ein Hauch von Tabak liegt noch in der Luft.

Wir suchen uns eine kleine Ecke, möglichst weit weg von Bob Dylan, »Hey! Mr Tambourine Man, play a song for me«, der sich leider nicht leiser stellen lässt. Technisch vermutlich schon, aber ohne Musik kommt der Wirt nicht in die Puschen. »Ohne ihn«, dabei deutet Eldad mit einer kleinen Kopfbewegung auf seinen Mann, »hätte ich Deutschland schon längst verlassen. Es ist eine Last. Hier zu leben, ist wirklich nicht einfach.« Mit diesem Paukenschlag beginnt unser Gespräch an diesem perfekten Samstagmorgen, in einem perfekten Viertel mit perfekt zufriedenen Menschen auf der Straße, mit einem Mann, der seit zwölf Jahren hier lebt und sich fremd und unverstanden fühlt.

Eldad Beck ist Deutschlandkorrespondent von Yedioth Ahronoth, der größten und populärsten Tageszeitung Israels. Er berichtet aus einem Land, das – so lange ist es auch wieder nicht her – ihm einen gelben Stern auf sein T-Shirt genäht hätte, oder als bekennendem Schwulen den »Rosa Winkel«. Aber das ist Geschichte, jetzt sitzt er in der Stadt, die unter jungen Israelis so angesagt ist wie keine andere Metropole. Deutschland hat sich verändert, es ist das neue Deutschland, weltoffen, tolerant, multikulti, jedenfalls wenn man nicht so genau hinschaut. Aber Eldad Beck schaut sehr genau hin, es ist sein Beruf. Und so beschreibt er in seinen Reportagen und Büchern ein Deutschland, das sich schönredet und schönschreibt. Dieses andere, das neue Deutschland, ist für ihn Schönfärberei, ein Persilschein in eigener Sache, ausgestellt und bestätigt von prominenten und in Deutschland über allen Verdacht erhabenen Persönlichkeiten wie Avi Primor, dem ehemaligen Botschafter Israels in Deutschland, oder dem Historiker Moshe Zimmermann. Auch Uri Avnery gehört für ihn in diesen Reigen. »Sie sagen genau das, was die Deutschen hören wollen, eine perfekte PR-Maschine«, meint er, aber seinen Alltag bildet das nicht ab, und das schmerzt ihn: »All die Menschen, die alles, was uns wichtig ist, infrage stellen, werden hier Popstars. Seit dem Moment, in dem ich angefangen habe, die israelischen Positionen zu erklären, anstatt nur zu kritisieren, werde ich nicht mehr ins Fernsehen oder ins Radio eingeladen. Ich existiere eigentlich nicht.«

»Kritische« Fragen

Wir kennen Eldad schon ein paar Jahre. Unsere journalistischen Wege haben sich immer mal wieder gekreuzt. Wir haben uns ausgetauscht und bei der Recherche unterstützt. Er ist sehr bewusst nach Deutschland gegangen, mit großer Begeisterung und Neugier. Die Neugier ist geblieben, die Begeisterung verflogen. Wir begegnen einem Mann, der plötzlich einsam wirkt. »Ich glaube, dass tatsächlich eine große Enttäuschung bei mir stattgefunden hat, weil ich glauben wollte, dass Deutschland sich geändert hat. Und dass ich in Deutschland mehr Verständnis finden werde für Sachen, die mir wichtig sind, das Judentum und mein Israel. Herauszufinden, dass es nicht so ist und dass viele Deutsche aus dem Vergangenen nichts gelernt haben, hat bei mir tatsächlich eine emotionale Reaktion verursacht, die aus der Enttäuschung kommt, aber inzwischen nicht mehr nur emotional ist. Die Deutschen gehen mir nicht mal mehr auf die Nerven, sondern ich mache mir Sorgen um Deutschland, weil ich glaube, dass da etwas absolut falsch läuft, das Land entwickelt sich absolut falsch.«

Draußen ziehen junge Familien vorbei, unbeschwert und ausgelassen. Die kleine Terrasse des Cafés füllt sich mit sympathischen Menschen. Ein Cappuccino, die taz, eine Zigarette, die wärmende Frühjahrssonne. Ein aufgeklärtes, großbürgerliches Publikum freut sich auf das Wochenende. Die Kinder buddeln im Sand. Die Fahrradfahrer tragen Helm. »Intellektuell fühle ich mich total bedroht«, sagt Eldad nach einer kurzen Pause, als hätten ihn seine harschen Worte eben selbst überrascht. Aber er verstärkt sie noch: »Isoliert und bedroht. Als Mensch, nicht nur als Israeli und Jude.« Aber durch wen bedroht? »Durch die Dummheit der öffentlichen Debatten in Deutschland, die Tabuisierung zu vieler Probleme, die existenziell für Deutschland sein sollten. Deutschland lehnt sich zufrieden zurück, junge Israelis kommen in die Stadt, und tatsächlich riecht es nicht mehr nach Gas in diesem Land. Man hat nichts mehr gegen Juden, und wenn, dann würde man es nicht sagen, man weiß schließlich, was sich gehört.«

Eldad hat ein gutes Gespür dafür, wenn Deutsche irgendwann aber doch mal was sagen möchten. Er versteht die Nuancen eines Gesprächs, spürt, wenn sein Gegenüber dazu ansetzt, die »kritischen« Fragen zu stellen, die sich ihm unweigerlich aufdrängen, kaum dass er weiß, dass ihm ein Jude, mehr noch: ein Israeli gegenübersitzt. Eldad kennt diese Fragen. Es sind immer die gleichen. Keine, wie man sie an jeden anderen richten würde: Wie ist das Wetter bei euch zu Hause, wie lebt ihr, was kostet ein Bahnticket, wie lange dauert die Universitätsausbildung, wie sind die Jobaussichten danach? Neulich seien sie in Vietnam unterwegs gewesen, im Urlaub. Alles wunderbar und faszinierend, auf einem Schiff in der Bucht von Halong, ein Muss für jeden Vietnamtouristen. Bis sie auf zwei Männer aus Deutschland trafen. Plötzlich gab es eine komische Stille, und in die platzte einer der beiden jungen Männer mit seinen »kritischen« Fragen. Der Mann wollte nicht nur eine Frage stellen, sondern eine »kritische« Frage, weil man als Deutscher eben nur eine kritische Frage an einen Israeli richten kann. »Warum schafft ihr es nicht, Frieden mit den Palästinensern zu schließen?« Da war sie, die Frage, mitten in Vietnam, im Urlaub bei einer Kahnpartie. Aber wenn Eldad Kinder hätte, käme diese Frage auch am Sandkasten am Kollwitzplatz, wenn er in der Fabrik arbeiten würde in der Mittagspause, wenn er Altenpfleger wäre beim Windelnwechseln. Die Frage klingt zunächst harmlos, aber sie beinhaltet für Eldad zwei Zumutungen, die sich in einem kleinen Wort verstecken: »ihr«. Eldad Beck, der in Berlin lebende Israeli, dem die jungen Männer in Vietnam begegnen und über dessen politische Haltung sie nichts wissen, wird in Mithaftung genommen. Das ist die erste Zumutung. Die zweite ist eine Unterstellung. Es sind die Israelis, die es nicht schaffen, Frieden mit den Palästinensern zu schließen. Sie sind schuld. Wäre es ein unvoreingenommenes Interesse, würde die Frage lauten: Warum ist es so schwierig für Palästinenser und Israelis, eine friedliche Lösung zu finden? Aber die Leute wollen nicht begreifen, dass zum Frieden zwei gehören. Die »kritische Frage« ist in Wahrheit keine Frage. Es ist nur die phrasenhafte Einleitung für den Schuldspruch. Sie fragen nicht, sie wissen bereits, wer verantwortlich ist: Israel ist an allem schuld. Das sitzt so tief, dass eine Argumentation sinnlos ist. Eldad versuchte trotzdem, dem Mann sachlich zu antworten. Aber ihm wurde sofort klar, dass sich die Mühe auch diesmal nicht lohnte, denn für seinen Gesprächspartner war klar, dass alles, was er, der Israeli, sagen würde, Propaganda ist.

Dummheit der öffentlichen Debatte

»Viele Deutsche glauben ja ohnehin, dass der Holocaust zu propagandistischen Zwecken von Juden und Israelis benutzt wird. Und das ist tatsächlich eine Loose-loose-Situation. Man kann eigentlich nichts machen, denn Antisemitismus ist nicht unser Problem, es ist das Problem der Antisemiten. Das heißt, wir können nicht die Aufgabe haben, ein Problem zu lösen, das nicht unser Problem ist. Wir Juden haben andere Probleme, mit denen wir uns, glaube ich, sehr gut auseinandersetzen. Es gibt eine sehr lebendige Debatte, sowohl in jüdischen Gemeinden als auch in Israel, über Themen wie Rassismus usw. Wir machen schon unsere Arbeit, keine Sorge«, Eldad lacht. »Die Arbeit von Antisemitismusbekämpfung in Deutschland muss aber von den Deutschen gemacht werden, und das findet absolut nicht statt, weil man mit dieser Idee lebt, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Besatzung und der Teilung schon alles erledigt und den Preis gezahlt habe. Die Deutschen haben sozusagen die Konsequenzen aus der Vergangenheit gezogen und sind sich sicher: Es gibt ein anderes, neues Deutschland. Falsch, absolut falsch, weil es nicht die Wahrheit ist. Der Holocaust wird nicht unterrichtet oder kommt nicht an. All diejenigen, die behaupten, dass sie zu viel vom Holocaust im Fernsehen gesehen haben, sind diejenigen, die die Sendungen nicht gucken. Es ist eine Minderheit, die sich mit dieser Thematik beschäftigt, aber die Mehrheitsgesellschaft hat noch immer dieses Problem. Und früher oder später wird es viel massiver zu spüren sein, weil die Menschen sich einfach die Freiheit nehmen werden, sich wirklich so zu äußern, wie sie auch denken. In Deutschland denken viele Leute etwas, sagen es aber nicht, sondern haben sehr gute Methoden der Tarnung entwickelt, um ihre Meinung zu äußern.«

Eldad erlebt, wie junge Israelis durch die Straßen und Kneipen Berlins ziehen. Für sie ist es das neue Deutschland und weit weg von dem Land, das ihre Großeltern ermordet hat. Zum Teil sprechen sie natürlich nur schlecht Deutsch, sie verstehen nur wenig und verstehen deshalb nichts. »Die hören diese Tarnung nicht, aber mit der Zeit, wenn man die Sprache wirklich spricht und wenn man hören will, ist es viel problematischer.« Ihm ist es vor zwölf Jahren, als er aus Wien nach Deutschland kam, ähnlich ergangen. Und das Fatale daran sei, dass viele junge israelische Touristen eher dem linksliberalen Spektrum angehörten, sich offen kritisch zur Politik ihres Landes äußerten und deshalb dafür von Deutschen besonders geliebt würden. Israelische Kronzeugen der Anklage. Wenn er dagegen Israel die Stange halte, sei er sofort ein Faschist. »Es ist einfach nicht zu fassen. Die Dummheit der öffentlichen Debatte über das Thema Israel ist bedrückend für ein entwickeltes Land.«

Eldad kam auf dem Höhepunkt der Zweiten Intifada nach Deutschland. Als er seinen Journalistenkollegen offenbarte, er sei aus Israel, wandten sie sich von ihm ab. Sie wollten nichts wissen aus seinem Land, weil sie schon alles zu wissen glaubten. Sie haben sich nie für das Land interessiert und nicht für ihn. Sie haben nicht ernsthaft nachgefragt, was er denkt, wen er wählt, wie er die Politik Israels bewertet. Genau wie seine Reisebekanntschaft in Vietnam Jahre später, hatten auch sie sich bereits ein festes Bild gemacht, das sie nicht erschüttern wollten. Die Recherche ist, wie man unter Kollegen gerne sagt, der Tod jeder guten Story. Das war nicht nur bei seinen Printkollegen so, auch Fernseh- und Hörfunkkollegen zeigten die kalte Schulter. Seitdem ist er, wenn er seine Ruhe haben will, eben Österreicher und kein Israeli mehr. Dabei hätten seine journalistischen Kollegen durchaus von ihm profitieren können. Eldad spricht fließend Arabisch, schon während seiner Militärzeit hat er Interviews mit PLO-Vertretern geführt, obwohl damals der Kontakt zur PLO strikt untersagt war; er hat für die österreichische Regierung bei Projekten in der Westbank mitgearbeitet, unter anderem für eine Blindenschule in Dschenin. Aber möglicherweise wollten seine Kollegen an seinen Erfahrungen nicht teilhaben, um ihr Schwarz-Weiß-Bild nicht plötzlich in Farbe sehen zu müssen. Eldad bekam als Entwicklungshelfer mit, wie selbst seine israelischen Kollegen den Palästinensern auf den Leim gingen. Auf Englisch bekamen sie die Antworten, die sie hören wollten, auf Arabisch sagten sie genau das Gegenteil. »Die Idee von Koexistenz, die Idee von einer Zwei-Staaten-Lösung war nirgendwo präsent. Vom Büro Arafat bis zum letzten Kindergarten im Flüchtlingslager. Im Gegenteil. Überall hat man von ganz Palästina gesprochen.« Tagsüber hat er in Ramallah und in anderen Orten der Westbank gearbeitet, und abends fuhr er dann nach Tel Aviv. Zwei Welten, die nichts miteinander zu tun hatten. Er habe seinen israelischen Freunden immer wieder gesagt: »Ihr wisst nicht, was da läuft. Das hat mit Frieden absolut nichts zu tun.« Und mit Ausbruch der Zweiten Intifada fand er sich dann auf das Schrecklichste bestätigt.

Entmenschlichung der Israelis

Zu seinen Aufgaben in Deutschland gehört die intensive Beobachtung der deutschen Presse zum Thema Israel. Schon damals sei ihm aufgefallen, dass Israel keineswegs geschont werde, dass Israel zu kritisieren alles andere als ein Tabu war, ganz im Gegenteil: »Israel wurde dämonisiert, dadurch dass die Menschen in Israel absolut entmenschlicht wurden.« Der Fokus seiner Kollegen war ausschließlich auf das Leid der Palästinenser gerichtet, denen ja ohne Zweifel auch Grausames widerfahren sei und widerfährt, wie Eldad sofort unterstreicht, aber keiner habe die Gründe dafür genannt. Das erinnere ihn an das deutsche Leid: »Natürlich hat die deutsche Bevölkerung am Ende des Krieges gelitten. Die Frage ist nur, warum.« Während wir Eldad zuhören, fällt uns selbst etwas auf, das an seine Beobachtung anknüpft. Dieselben Menschen, die den deutschen Vertriebenenverbänden Revanchismus vorwerfen, wenn sie über ihre Heimat Schlesien oder Ostpreußen reden, beharren wie selbstverständlich auf dem Rückkehrrecht der Palästinenser für Kinder und Kindeskinder bis in alle Ewigkeit.

»Es gibt«, sagt Eldad, »tatsächlich viele interessante Bezüge und Parallelen zwischen dem, was in Deutschland passiert, und wie die Situation im Nahen Osten behandelt wird. Und es ist schon bemerkenswert, dass es in der Berichterstattung über die Intifada so gut wie keine Berichte über die normalen Menschen in Israel gab. Das heißt, sie haben Israelis nur als Soldaten, als Siedler und als Ultraorthodoxe gesehen. Dass die Menschen sich zu Hause versteckt haben, weil sie Angst hatten, Bus zu fahren, in einem Café zu sitzen, also die furchtbare Angst vor der Situation, die damals in Israel herrschte – kein Wort. Jedenfalls zu wenige Berichte. Und dadurch war es eine Übermenschlichung der Palästinenser, die mit ihren Schicksalen spürbar wurden und mit denen man sich deshalb leicht identifizieren konnte, gegenüber einer Entmenschlichung der Israelis, die nur als Prototypen in ihrer ›Uniform‹ auftraten und deshalb fremd bleiben mussten. Die Israelis wurden eben nicht so dargestellt, dass man mit ihnen hätte mitfühlen können. Und das hat mich am meisten schockiert und gestört. Und es geht bis heute so. Es geht bis heute so!«

Die Musik ist inzwischen etwas leiser, der Mann am Tresen wird munter, und wir haben einen neuen Kaffee bestellt. Eldads Entsetzen über die Gefühlskälte, die ihm und seinem Land entgegenschlägt, ist zum Greifen spürbar. Einen langen Moment herrscht Stille. Seine Worte hallen in uns nach, und auch der Vergleich zwischen den vertriebenen Deutschen damals und den Palästinensern heute. Kann es sein, dass sich auch deshalb so viele hierzulande für die palästinensische Seite interessieren, weil sie sich unbewusst identifizieren, weil sie sich selbst als Opfer der Juden sehen? Das palästinensische Vertreibungsschicksal als Projektionsfläche für das deutsche Trauma der Vertreibung? Andererseits: Vertriebene und Flüchtlinge gibt es millionenfach auf der ganzen Welt, ohne dass für ihr Leid hierzulande besondere Empathie spürbar wäre. Warum also bei den Palästinensern? Weil sie als einzige Opfer der Juden und damit auf eine irrationale Weise mit der deutschen Geschichte verbunden sind? Ohne den verlorenen Krieg keine Vertreibung, ohne Holocaust keine deutsche Schande? »Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen«, diese bittere Deutung des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex ist für Eldads Mann nicht abwegig. Er ist selbst Analytiker und kann Eldad helfen, dieses Land zu verstehen. Doch die Einsamkeit bleibt.

Judenhass unter Migranten

Weder während des zweiten Libanonkrieges noch im Gazakrieg 2008/2009 habe sich an der Abwehr seiner Kollegen etwas geändert. Am Ende gab es dann noch die Geschichte der Gaza-Hilfsflottille, »wo die Menschen nicht einmal zwei Sekunden gewartet haben, um zu fragen: Moment, was ist da los? Sofort: Die Israelis schon wieder!« Eldad war in letzter Zeit sehr viel für seine Zeitung in der arabischen Welt unterwegs, in Ägypten und Tunesien, aber auch in der Türkei. Er hat deutlich gespürt, wie der Antisemitismus auch dort zugenommen hat und dass es dabei nicht allein um Israel geht, sondern um den Hass auf Juden. Hass der Muslime, der nach Deutschland schwappt, und der sei auch unter Migranten in Deutschland virulent, täglich manifest und zum Teil sogar heftiger als in deren Herkunftsländern: »Hier gibt es eine Symbiose zwischen ihrem und dem unbewussten Vernichtungsantisemitismus der Deutschen. Und die Leute fühlen sich einfach bestärkt durch das, was sie von der Mehrheitsgesellschaft der Deutschen hören.«

Aus den Lautsprechern tönt ein Gitarrensolo von Jimi Hendrix. Der Mann hinter dem Tresen ist mit dem Abwasch der vergangenen Nacht beschäftigt. Geschirrgeklapper.

Eldad ist nicht resigniert oder verbittert. Er ist verzweifelt. Auch über die deutschen Medien. Für besonders verhängnisvoll hält er das Programm der Deutschen Welle, weil es weltweit verbreitet werde, auch in die arabische Welt. »Die machen arabische Propaganda. Die laden mich ein, weil ich Arabisch spreche, aber inzwischen gehe ich nicht mehr hin, weil ich keinen Koscher-Stempel geben will für einen Sender, der hauptsächlich antiisraelisch ist.« Er sei leider abgestempelt, habe ein eindeutiges Etikett. Dabei sei er kein Rechter, sondern ein Liberaler. »Aber auch das, was ich als Liberaler zu sagen habe, wird von den guten linken Deutschen nicht akzeptiert.« Stattdessen gäbe es einflussreiche Think Tanks, die die Seite der Islamisten nicht unterstützen, aber durch naives Verständnis hoffähig machten. »Bei orthodoxen Juden bekommen sie eine schwere Allergie, aber die Islamisten auf dem Tempelberg – wie wunderschön, was für eine Kultur!« Deutlicher könne man Antisemitismus in Deutschland nicht beschreiben: »Die absolute Ablehnung, Juden zu akzeptieren, wie sie sind, vor allem religiöse und orthodoxe Juden.«

Sein Vater stammt aus Österreich und dessen Mutter, Eldads Großmutter, ursprünglich aus dem Sudetenland. Die Familie seines Vaters wurde zum großen Teil von den Nazis ermordet, die der Mutter hatte sich schon sehr früh nach Eretz Israel gerettet. Vielleicht sind es diese verrückten Biografien, die Eldad zu dem Vergleich von Vertriebenen und Palästinensern angeregt haben. Als wir ihn am Ende bitten, den Satz »Israel ist für mich …« zu vollenden, wissen wir, warum so wenige ihn wirklich fragen: »… ein Wunder! Wirklich. Israel ist für mich ein Wunder und ein Symbol für Freiheit, für Vielfalt, für Toleranz, für Buntheit, für Überleben und für Hoffnung auf eine bessere Welt. Und dass Israel in den letzten sehr schwierigen 15 Jahren das geblieben ist, was es ist, ist für mich ein Zeichen, dass es wirklich ein Wunder ist.«

Auszug aus: Georg M. Hafner, Esther Schapira, Israel ist an allem schuld. Warum der Judenstaat so gehasst wird
Mit freundlicher Genehmigung © Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG, 2015

Georg M. Hafner war seit 1988 leitender Fernsehredakteur bei der ARD und ist Autor zahlreicher Filmdokumentationen. Für seine Filme erhielt er u.a. den Grimme-Preis, den Bayerischen Fernsehpreis, den Prix Europa und den Premios Ondas. Seit 2013 ist er freier Autor und Publizist in Frankfurt a.M.

Esther Schapira ist seit 2013 Abteilungsleiterin der Fernsehredaktion Politik und Gesellschaft beim HR und Kommentatorin bei den ARD-Tagesthemen. Autorin zahlreicher Fernseh-Dokumentationen, ausgezeichnet u.a. mit dem Rias Fernsehpreis, dem Prix Europa und dem Prix Circom.

erstellt am 20.9.2015

Eldad Beck
Eldad Beck

Georg M. Hafner, Esther Schapira
Israel ist an allem schuld. Warum der Judenstaat so gehasst wird
Hardcover, 317?Seiten
ISBN: 978-3-8479-0589-9
Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln 2015

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»Und so beschreibt Beck in seinen Reportagen und Büchern ein Deutschland, das sich schönredet und schönschreibt.«

»Sie fragen nicht, sie wissen bereits, wer verantwortlich ist: Israel ist an allem schuld.«

»Die Arbeit von Antisemitismusbekämpfung in Deutschland muss aber von den Deutschen gemacht werden, und das findet absolut nicht statt.«

» Dieselben Menschen, die den deutschen Vertriebenenverbänden Revanchismus vorwerfen, […] beharren wie selbstverständlich auf dem Rückkehrrecht der Palästinenser für Kinder und Kindeskinder bis in alle Ewigkeit.«