Das Werk des belgischen Fotografen, Malers, Aktions- und Videokünstlers Francis Alÿs lebt von der künstlerischen Praxis des Gehens, das Politik und Poesie miteinander verknüpft. Bei seinen Spaziergängen, den so genannten „paseos“, greift Alÿs vor allem die Interventionsunfähigkeit der Menschen auf und setzt dabei nicht selten sein Leben aufs Spiel. Alexandru Bulucz stellt den Künstler vor.

Kunst

Vom Gebrauch des Gehens als Waffe

Einige Überlegungen zur Konzeptkunst von Francis Alÿs

Von Alexandru Bulucz

Es gibt wohl keine einfachere, effizientere und günstigere, aber auch gefährlichere Methode, um Kunst zu machen, als die des 1959 in Antwerpen geborenen Konzeptkünstlers Francis Alÿs. Der ausgebildete Ingenieur Alÿs, der nicht Kunst studiert hat, sondern Architektur, tut in den meisten Fällen nur dies eine: Er spaziert. Weltberühmt ist er mit seinen „paseos“ geworden, seinen Streifzügen, seinen Stadtspaziergängen.

Wenn aber Alÿs spaziert, wird das Gehen zu einem Politikum. Was das heißt, dokumentiert zum Beispiel der Videofilm „Re-enactment“, der am 5. November 2000 gedreht wurde. Darin werden nachgestellte Aufnahmen eines Spaziergangs Alÿs’ gezeigt, wie er sich am Tag zuvor in Wirklichkeit zugetragen haben soll: Alÿs kauft sich legal eine 9-Millimeter-Beretta, die er entsichert und mit der er anschließend, sichtbar für andere Passanten, durch die belebten Straßen Mexiko-Citys spaziert, wo der Künstler lebt und arbeitet. Es dauert etwa zwölf Minuten, bis ihn eine herbeigerufene Polizeistreife erreicht, stellt und verhaftet.

Die Grundfrage, die sich nach Alÿs’ künstlerische Intervention stellt: Warum lassen die Reaktionen der anderen Passanten so lange auf sich warten? Warum dauert es zwölf und nicht etwa fünf Minuten, bis Alÿs gestellt wird? Warum wird in einer Stadt, die seit Jahrzehnten von großer Waffengewalt geprägt ist, nicht früher interveniert? Eine mögliche Antwort dürfte auf den Fatalismus der Stadtbevölkerung Mexiko-Citys hinweisen, zu deren Geschichte die alltägliche Gewalt gehört, eine Gewalt, die gleichgültig macht und die, je länger sie anhält, umso tiefgreifender und mit dramatischen Folgen immunisiert. So ist die künstlerische Intervention Alÿs’ eine Intervention gegen die Interventionsunfähigkeit und die Machtlosigkeit einer gelähmten Bevölkerung und für mehr Zivilcourage. Umrahmt wird diese Deutung von einem Begriff der Kunst, der die Schere zwischen künstlerischer Kreativität und Politik insofern weit auseinanderklaffen lässt, als sich bei einer solchen Intervention wie der Alÿs’ kein Polizeistaat erlauben können wird, sich dem Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu stellen. Die Kunst selbst steht hier auf dem Spiel: Die Bevölkerung nimmt sie gleichgültig zur Kenntnis, der Staat wird notwendigerweise gegen sie intervenieren: ein Paradox.

Ebenfalls in Mexiko-City dokumentiert Alÿs für seine Serie „Sleepers“ am Boden oder auf Bänken reglos liegende Menschen. Der Betrachter kann nicht unterscheiden, ob diese Menschen tot sind oder ob sie lediglich schlafen, eine Erfahrung, die in Großstädten die meisten gemacht haben dürften. Kennt man diese Situation nicht, wird man den ersten „Schläfer“ vermutlich antippen, um nachzuschauen, ob es ihm gut geht und er auch wirklich nur schläft. Aber schon der nächste „Schläfer“, auf den man trifft, wird nicht mehr angetippt, weil es zu viele „Schläfer“ gibt, die man antippen müsste, um sich nach ihrem Wohlsein zu erkundigen. Trotzdem hat man ein schlechtes Gewissen, das sich von der Ungewissheit darüber herleitet, ob der „Schläfer“ nur schläft. Alÿs rückt auch hier die Machtlosigkeit der Menschen ins Zentrum seiner Kunst. Die Masse an „Schläfern“, die man in einer Stadt mit fast neun Millionen Einwohnern sicherheitshalber antippen müsste, um nachzuschauen, ob sie leben, ist überwältigend. Das führt ebenfalls zu einer Abstumpfung, die mehr eine Verdrängung ist. Die Frage die gestellt wird, ist die nach der Zufälligkeit der zeitlichen Existenz des Menschen. Es ist schwer, die Rolle eines einzelnen unter sieben Milliarden anderer nicht als überwältigend zu erfahren.

Eine Metapher für diese zeitliche Existenz des Daseins ist vielleicht Alÿs’ „Paradox of Praxis“. Darin demonstriert er, dass „sometimes making something leads to nothing“. Das tut er, indem er von 9.15 Uhr morgens bis 18.47 Uhr abends einen schweren Eisblock durch Mexiko-City schiebt, bis sich dieser in der Hitze gänzlich auflöst, ohne Spuren zu hinterlassen.

Dann wiederum demonstriert Alÿs in seiner Arbeit „The Green Line“, dass „sometimes doing something poetic can become political and sometimes doing something political can become poetic“. Mit einer Lackdose markiert er eine Teilstrecke der Israelisch-Arabischen Waffenstillstandslinie von 1948 mit einem dünnen Farbstreifen. Von links und von rechts schauen Soldaten zu, ohne zu intervenieren. Sie schauen zu, als lauschten sie einer Poesie ohne Klang, als wäre Kunst friedensstiftend.

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erstellt am 19.9.2015

Francis Alÿs

Zahlreiche Videos von Francis Alÿs sind online zugänglich:

francisalys.com
youtube.com

Francis Alÿs, Paradox of Praxis

Francis Alÿs, The Green Line, Filmstill