Kopf und Bauch, Vernunft und Empfindung – dem Philosophen Sokrates war nach einem guten Mahl nicht danach, die scheinbaren Gegensätze dialogisch zu lösen. Er entzog sich deshalb, dringlichst und notdürftig auf dem Heimweg, wie Otto A. Böhmer bezeugt, dem erkennenden Gespräch mit seinen Schülern.

Holzwege

Die Lust ist ein krauses Ding

Der Philosoph Sokrates

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Sokrates hatte, ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten, kräftig getafelt und dem Wein zugesprochen. Nun fühlte er sich voll und überschwer; er wollte nach Hause, obwohl dort sein Weib, die allseits gefürchtete Xanthippe, auf ihn wartete, der es immer wieder gelang, den Philosophen aus dem Hause zu treiben – ihn hinauszubringen auf die Straßen und Plätze, wo er die Leute dann in endlose Gespräche verwickelte, die tiefsinnig und verwinkelt genug waren, um ihm, Sokrates, die Zufriedenheit zurückzugeben. So war es ihm mit der Zeit gelungen, die Tiraden seiner Frau fast ganz zu vergessen; er vertiefte sich in das strenge Spiel der Gedanken, die er nicht für die Ewigkeit zurüsten wollte, sondern für jene vergängliche und verräterische Zufriedenheit benötigte, der mancherorts auch das Signum des Glücks aufgezwungen wird.

An diesem Tag allerdings wollte Sokrates nur noch ins Bett; mit jedem Schritt verstärkte sich ein unangenehmer Druck im Oberbauch, der zur Körpermitte hin ausstrahlte und sich bald schon, das wusste der Philosoph, auf natürlichem Wege und mit gedankensprengender Wucht Entladung verschaffen würde. Die Alte kann mich jetzt gar nicht mehr schrecken, dachte er. Heil ankommen ist alles. Und – möglichst unbefleckt bleiben. Möge der Himmel geben, dass mir keiner meiner allzeit disputierwilligen Freunde begegnet; man sollte mich nicht stören auf meinem schnellen und zielsicheren Marsch an einen Ort, an dem man Erleich­terung finden kann und das Beschwerliche hinter sich lassen darf.

In diesem Augenblick bogen seine Schüler Protarchos und Philebos um die Ecke; sie waren im Gespräch begriffen und kamen direkt auf ihn zu. Sokrates versuchte, sich in eine Hausnische zu drücken, aber da hatten ihn die beiden auch schon erspäht und eilten herbei, um ihn zu begrüßen. „Mein lieber Sokrates!“ rief Philebos. „Gerade sprachen wir von dir.“ „Und – über die Lust!“ fügte Protarchos lachend hinzu. „Ein treffliches Thema“, sagte Sokrates und lächelte gequält. „Schon immer wollte ich darüber mit euch reden.“ Ihm war es, als ob emsig-winzige Handwerker sich in seinem Bauche zu schaffen machten; man nagelte und nörgelte in seinem wehrlosen Innern, man hämmerte und klopfte. „Ich wies soeben darauf hin, dass für alles Lebendige das Wohlbefinden gut sei“, sagte Philebos. „Und die Lust und das Vergnügen und was sonst mit dieser Gattung zusammenstimmt.“ – „Wie wahr“, seufzte Sokrates. „Von unserer Seite aber ist das Bedenken“, ergänzte Protarchos, „dass vielleicht doch nicht dieses, sondern das Vernünftigsein und das Erkennen und Sicherinnern und, was wiederum hiermit verwandt ist, richtige Meinung und wahrhaftige Folgerungen besser sein mögen als Lust und trefflicher für alles, was nur daran teilnehmen kann. Behaupten wir nicht dieses ungefähr, o Philebos, von beiden Seiten?“ „Ganz unstreitig“, sagte Philebos. „Im übrigen scheinst du mir etwas blass um die Nase herum zu sein, mein guter Sokrates.“ „Nicht nur um die Nase herum“, meinte der Philosoph. „Mir ist, ehrlich gesagt, nicht zum allerbesten.“ „Gerade dann solltest du dich unserem Gespräch anschließen“, rief Protarchos fröhlich aus. „Dir allein gelingt es doch immer wieder, in der bloßen Klugheit jene Vernunft aufleuchten zu lassen, die der König ist des Himmels und der Erden.“ „Nicht schlecht“, ächzte Sokrates und versuchte, sich Luft zu verschaffen. „Dieser Ausspruch kommt mir bekannt vor.“ „Du selbst hast ihn getan“, sagte Philebos. „Ich habe dem kaum etwas hinzuzufügen“, sagte der Philosoph. „Wenn ihr mich jetzt bitte entschuldigen wollt …“

„Aber ich bitte dich, Vortrefflicher“, sagte Protarchos. „Du hast dich noch gar nicht zu dem geäußert, was wir über die Lust vortrugen.“ „Nehmt an und nehmt hin, dass mir dazu im Moment wirklich die Lust fehlt“, sagte Sokrates, dem nun schlecht und elend war. Nicht nur in seine Eingeweide brannte man eine eigene und zutiefst bittere Wahrheit ein, sondern auch in seinen armen gemarterten Kopf, zu dem immer wieder heimtückisch kleine Wogen mit den übelsten Körpersäften aufschlugen, die sich, stand zu befürchten, zu wahren Brechern auswachsen würden. Ich werde mich übergeben müssen, dachte er, und was meine Leibesmitte angeht, so bin ich immer noch weit vom rettenden Ort entfernt. – „Nur ein Wort noch, mein Meister“, sagte Philebos. „Gib uns eine einzige, wohlgesetzte Orientierung – und wir wollen, wenn wir es denn müssen, ohne dich fortfahren.“ – „So sei es denn“, seufzte Sokrates und beschleunigte seinen Schritt. „Die Lust, weiß ich, ist ein gar krauses Ding, und wir sollten anfangen, daranzugehen und zuzusehen, was für eine Natur sie eigentlich hat. Denn wenn man es so hört, ist sie freilich ganz einfach nur Eins, aber vielfältige Gestalten nimmt sie doch an, die einander auf gewisse Weise unähnlich sind …“ „Mir scheint, du hast heute wirklich nicht deinen besten Tag, Verehrtester“, sagte Philebos. „Geh nur und suche dich ein wenig auszuruhen.“ – Sokrates war mittlerweile in einen leichten Zuckeltrab verfallen, und die gleichmäßige Bewegung schien ihm gutzutun; er fühlte sich erstaunlicherweise merklich besser. „Ich eile, um mir eine kleine schöpferische Pause zu gönnen, meine Freunde“, rief er im Laufen und schaute sich noch einmal zu Philebos und Protarchos um. „Reden, die ich schon lange gehört habe im Traume oder auch wachend, fallen mir jetzt ein über Lust und Einsicht. Ich glaube, dass keines von beiden das Gute ist, sondern ein anderes Drittes, das von ihnen verschieden ist und besser als beide. Ob wohl einer von uns, ihr klugen Kinder, so leben möchte, dass er zwar alle Einsicht und Vernunft und Wissenschaft und Erinnerung von allem hätte, Lust aber weder viel noch wenig genösse und ebensowenig Unlust, sondern für dieses alles ganz unempfänglich wäre?“

„Was meint er nur?“ fragte Protarchos. „Was er meint, weiß ich nicht“, sagte Philebos nachdenklich. „Aber ich weiß, dass es eine Lust ist zu leben. Sie steigt uns nur – leider – viel zu selten zu Kopf.“

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erstellt am 15.9.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

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