Bereits zum 13. Mal fand in Hall in Tirol das Literaturfestival „Sprachsalz“ statt. Zu den Höhepunkten zählten der Auftritt von Peter Bichsel sowie ein Gespräch zwischen Bichsel, Georg Stefan Troller und Walter Pilar. Als Überraschungsgast fand Michail Schischkin den Weg nach Hall, berichtet Thomas Rothschild.

Literaturfestival

Peter Bichsels verheimlichte Wahrheit

Von Thomas Rothschild

Zu den Totgesagten unserer Tage gehört die Literatur. Mag sein, dass wir dabei sind, in den Zustand vor der allgemeinen Alphabetisierung zurückzukehren, dass die Schrift- und Lesekultur durch andere Kommunikationssysteme abgelöst wird. Mag sein, dass Lektüre mehr noch zu einem Minderheitenphänomen wird, als sie es heute, global betrachtet, ist. Aber noch gibt es eine beträchtliche Anzahl von Menschen, die sich an der sprachlichen Produktion alternativer Wirklichkeiten erfreuen. Sie strömen, unter anderem, alljährlich im September zum Sprachsalz nach Hall in Tirol. Den sonderbaren Namen trägt das Literaturfestival, weil Hall – wie Hallstatt, Hallein oder Schwäbisch Hall – seinen Namen den Salzvorkommen verdankt. Es fand nunmehr zum 13. Mal statt und gehört zu den kulturellen Fixposten des Innsbrucker Umlands.

Auffällig präsent waren diesmal humoristische Texte. Mit dem Humor ist das freilich so eine Sache. Nicht alles, was der eine, insbesondere der Autor selbst, komisch findet, ist es auch für den anderen. Glaubte man den Moderatoren, hätten in Hall nur Schriftsteller gelesen, die sich mit einem Superlativ kennzeichnen lassen. Es verhält sich wie in Nekrologen: Bei der Vorstellung der Gäste gibt es einfach kein Mittelmaß. Was ansonsten in Rezensionen vorherrscht, fällt bei einem Festival der Höflichkeit oder auch der Aufwertung der eigenen Einladungspolitik zum Opfer.

Dazu kommt, dass Lesungen zunehmend als Performance gestaltet werden. Wenn Regisseure im Theater ihre eigenen Texte schreiben, dann profilieren sich Autoren im Gegenzug als Performer. Aber wie Regisseure nicht unbedingt gute Autoren sind, so erweisen sich Schriftsteller nicht unbedingt als gute Schauspieler. Ihre Auftritte wirken nicht selten prätentiös und eitel.

Was die Moderatoren verabsäumt haben, das Mittelmaß Mittelmaß zu nennen, erledigte ungewollt der inzwischen 80-jährige Peter Bichsel. Er rückte die Maßstäbe zurecht und beschämte seine Kollegen durch Kurzgeschichten, deren Humor nun tatsächlich von der allerfeinsten Sorte ist, subtil, ab und zu ins Skurrile changierend, und doch auch mit einer gleichnishaft verschlüsselten Einsicht, die den Witz transzendiert, ohne ihn zu zerstören.

In einem anregenden Gespräch zwischen Bichsel, Georg Stefan Troller und Walter Pilar war viel und mit einer Apodiktik, die andere als die selbst praktizierten Arbeitsweisen nicht zulässt, von Wahrheit die Rede, von Liebe, von Einfühlung, auch von der Ordnung, die Kunst in das Chaos der Wirklichkeit bringe. Nur die Sprache wurde nicht erwähnt, erst recht nicht der Rhythmus oder die Melodie. In einem literarischen Text, den Bichsel vorlas, wird refrainartig Ludwig van Beethovens Streichquartett op. 131 in der Aufnahme mit dem Melos Quartett genannt. Es könnte ebenso gut ein Klaviertrio von Schubert sein. Der „Wahrheitsgehalt“ spielt keine Rolle. Der ästhetische Reiz, was die Kurzgeschichte von einer Zeitungsmeldung unterscheidet, ist die insistierende Wiederholung eines Ornaments, das für den Fortgang der „Handlung“ ohne Belang ist. Warum wird das so selten betont? Warum meint man, in Podiumsgesprächen moralisch argumentieren und auf das so genannte „wirkliche Leben“ eingehen zu müssen? Selbst bei Georg Stefan Troller ist die Art, wie er am Ende eines Satzes die Senkung der Stimme verweigert hat, über Jahrzehnte hinweg stärker in Erinnerung geblieben als seine Annäherung an einzelne Personen. Und im Übrigen sind Personenbeschreibungen keineswegs die einzige Möglichkeit des Dokumentarfilms. Wer derlei behauptete, verstieße etwa Harun Farocki oder Orson Welles mit seinem genialen „F for Fake“ aus dem Kreis der Dokumentaristen.

Apropos Rhythmus und Melodie. Im zwanzig Kilometer entfernten Schwaz fand gleichzeitig das Klangspuren-Musikfestival statt. Sprachsalz und Klangspuren taten sich zusammen zu einem Konzert, bei dem eine Komposition von Hannes Kerschbaumer zu Texten des syrischen Dichters Nouri Al-Jarrah uraufgeführt wurde. Al-Jarrah trug die Texte selbst vor, und noch ehe der Komponist die deutsche Übersetzung sprach, fesselte der Zusammenklang von Stimme und Musik, auch wenn man kein Wort Arabisch versteht. Sprache ist in der Kunst mehr als Semantik, mehr als Liebe und Einfühlung. Peter Bichsel weiß das. Warum sagte er es nicht? Bescheidenheit am falschen Ort.

Am letzten Tag von Sprachsalz gibt es traditionell einen Überraschungsgast, der bereits in einem früheren Jahr in Hall Erfolg gehabt hatte. Diesmal war es Michail Schischkin, der offenbar beweisen wollte, dass das 19. Jahrhundert in der russischen Literatur weiterlebt. Er las aus einem in deutscher Sprache noch nicht erschienenen Roman. Hoffentlich schauen die beiden Übersetzer ihn vor dem Druck noch durch. Vorläufig steht noch „schlussendlich“ da, wo ein normaler Mensch „letzten Endes“ oder „schließlich“ sagt, und Bücher werden in dieser Übersetzung nicht etwa „verschlungen“, sondern „heruntergeschlungen“. Etwas viel Salz in der Sprache …

Zu den Traditionen von Sprachsalz gehört auch der Besuch eines Dichters aus der amerikanischen Beat Generation. Diesmal war es John Giorno. Er sprach seine Langgedichte frei, aus dem Gedächtnis. Der Applaus war ihm sicher. Und berechtigt.

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erstellt am 14.9.2015

Peter Bichsel

13. Internationale Tiroler Literaturtage Hall

Sprachsalz

Michail Schischkin

John Giorno performt “It Doesn't Get Better”