Christoph Meckel hat es fertiggebracht, ein starker Lyriker und ein beharrlicher Einzelgänger zu sein und zu bleiben. Zu seinem 80. Geburtstag sind seine „Gesammelten Gedichte“ erschienen, die Bernd Leukert gerne weiterempfiehlt.

Christoph Meckels Gesammelte Gedichte »Tarnkappe«

Die Rede vom Blut

Von Anbeginn ist er da, dieser Meckel-Ton. Ich muß mit meinem Namen leben lernen, heißt es zwar im Gedicht „Tarnkappe“, das dem Band 1956 den Titel gab und heute den „Gesammelten Gedichten“, aber das Lernen ist den Gedichten nicht abzulesen. Eher bestätigen sie, was Meckel Hilmar Klute von der Süddeutschen Zeitung sagte: „Ich habe nie angefangen, ich habe immer etwas gemacht“. Und schon im vierten Gedicht dieses ersten Bandes mit dem Titel „Requiem“, wo es heißt: … dann stehst du da, undankbarer Gott,/ Ochsgesicht mit den großen Hagelkornaugen,/ einsam und träge,/ schleppst du dich mürrisch/ auf die leere Außenseite des Lebens, da dich keiner mehr sieht., verbindet sich Rimbaud’scher Furor mit expressiver Bildwelt zu den ernsten Gesängen, die das ganze Werk durchziehen, mal zornig, mal bitter, mal melancholisch.

Christoph Meckel ist ein Dichter, den es umtreibt. Und wenn er auch manchmal biblische oder antik-mythische Stoffe aufgreift, macht er sie doch immer zu seinen gegenwärtigen, indem er sie quasi korrigierend überschreibt. So offenbart das Gedicht „Vom Goliath“, das mit dem Satz beginnt Der Stein schlug ins Gesicht, fiel in den Staub., erst später, dass David getroffen wurde und nicht Goliath. Von Gewalt ist nicht selten die Rede in diesem großen Band. Und das entspricht dem Programm, das Meckel in der „Rede vom Gedicht“ formuliert: Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Schönheit gepflegt wird./ … Hier ist die Rede vom Blut, das fließt aus den Wunden./ … Das Gedicht ist der Ort der zu Tode verwundeten Wahrheit./ … Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Engel geschont wird. Und dennoch vermeidet Meckel in diesem Lebenswerk, das durchzogen ist von Lebewesen, Göttern, Toten, Untoten, Engeln und Geistern, die poetische Schönheit nicht. Selbst da, wo von der Zerstörung der Erde die Rede ist, wie in „Epoche“ oder „Bei kleinem Feuer“, weiß er, was sich für ein Gedicht gehört: eine elegant gewendete Metaphorik und der obligate, lyrische Ton. Viel Natur lässt der Dichter uns schauen, deren Verlust wie eine permanente Bedrohung unter ihrer Schönheit angelegt ist. Und da er die Formen von den Inhalten bestimmen lässt, ist die gesammelte formale Vielfalt, wenn man so will, naturwüchsig.

Es sind darin auch freie, hörspielerische Texte, wie der „Gesang vom unterbrochenen Satz“, aber auch Gedichte klassisch-antiken Zuschnitts zu finden, wie „Cantico“, das anhebt mit der Evokation Ein Land von Weizen und Gerste,/ Weinrebe, Feige, Granate,/ ein Land von Ölbeere und Honig., und das doch letal endet, wie nur zeitgenössische Poesie es sich auferlegt. Überhaupt zieht sich Meckels Beschäftigung mit den letzten Dingen durch seine ganze Dichtung. Die Toten, über die schwerlich Gras wächst, können jederzeit die Szene betreten, aber eben auch der Tod, der in mannigfachen Rollen auftritt, zuweilen säumig: Ich traf auf einen Tod./ Er lag am Weg und schlief./ Ich ging an ihm vorüber/ und war schon fort, als er mich rief.

Über Meckels „Gesammelte Gedichte“ ließe sich noch endlos weiter erzählen. Und dennoch liefe das auf eine Sammlung von Hinweisen hinaus, die sich erst dem, der die Gedichte läse, als sinnvoll erwiesen. Wolfgang Matz, Hanser-Lektor und Herausgeber dieser prall gefüllten Dünndruckausgabe, zitiert im Nachwort den Autor Christoph Meckel mit den Worten: „Kein Gedicht wird über etwas gemacht. Der Gegenstand ist in seinem Wort, und in ihm, nur in ihm, erkennt er sich selbst.“ Nicht nur deshalb ist dies ein reiches Buch. Und eines, das bereichert.

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erstellt am 10.9.2015

Christoph Meckel
Tarnkappe
Gesammelte Gedichte
Herausgegeben von Wolfgang Matz
Hardcover, 976 Seiten
ISBN 978-3-446-24764-2
Carl Hanser Verlag, München 2015

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