Dass man seine Melodien kennt und nachpfeift, hat sich Arnold Schönberg gewünscht. Ausgepfiffen hat man sie stattdessen. Jetzt, 64 Jahre nach seinem Tod, ist auch das Publikum reifer geworden und betrachtet Schönberg mittlerweile als raren Klassiker. Dem tragen neue Aufnahmen seiner „Gurre-Lieder“ und der sinfonischen Dichtung „Pelleas und Melisande“ Rechnung, die auf CD erschienen sind und von Hans-Klaus Jungheinrich ins Bewusstsein gehoben werden.

CD

Schönberg – was sonst!

Phänomen „Gurre-Lieder“ und Zwölfton-Paganinismus

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Zugegeben, der Titel dieser Kolumne ist ein wenig snobistisch. Arnold Schönberg (1874-1951) ist zwar wohl der meistzitierte, am meisten erörterte Tonsetzer des 20. Jahrhunderts. Doch der Held der musikologischen Lexika und Fachschriften figuriert in der Konzertpraxis eher mager. Den Gebildeten ist der Begriff der „Zwölftontechnik“ geläufig, doch wird er gewöhnlich nicht mit erhöhten musikalischen Genusswerten oder seligem Melodienfluss assoziiert. Mit jener Erfindung, so meinte der Komponist, werde er die „Vorherrschaft der deutschen Musik“ für ein Jahrhundert sichern. Den braven germanischen Patriotismus des jüdisch-österreichischen Künstlers belohnten die Nazis durch Generalverbot.

Dirigentische Altmeister wie Pierre Boulez, Michael Gielen oder Christoph von Dohnányi platzierten in ihren Programmen regelmäßig Schönberg-Werke, und auch für aufgeschlossene jüngere Maestri ist er kein Tabu – immer wieder gibt es ja engagierte Kulturschaffende, die es sich zur Aufgabe machen, wider den vermeintlich unveränderlichen Publikumsgeschmack Sperriges „durchzusetzen“ mittels geduldiger und kontinuierlicher Aktivitäten. Und so hat – was Schönberg betrifft – mindestens die Oper „Moses und Aron“ als Bühnen-Prüfstein und gedankliche Interessantheit fast schon eine Art Kultstatus unter den modernen Kunstwerken bekommen. Im spezifischen Berliner Ambiente bekümmert sich Daniel Barenboim um Schönbergpflege. Von dem damals dort als Kompositionslehrer Tätigen wurden die zwölftönigen „Variationen für Orchester“ in den 1920er Jahren durch die Berliner Philharmoniker uraufgeführt, Jahrzehnte später auch aufwändig von Herbert von Karajan auf Schallplatte fixiert. Barenboims etwas mulmige Interpretationsart wird der akribischen Polyphonie des mittleren Schönberg wohl nicht ganz gerecht. Andrerseits kann man im Vergleich mit dem Karajan der 1970er Jahre doch auch einen erheblichen Zuwachs der spieltechnischen Qualität feststellen.

Wie Ingo Metzmacher, Ulf Schirmer, Marek Janowski oder Günter Neuhold gehört der Kölner Gürzenichkapellmeister Markus Stenz zu den vielseitigen Dirigenten der mittleren Generation, die, gleichsam Erben des verstorbenen Gerd Albrecht, die Vorliebe für Mitteleuropäisch-Romantisches mit einem lebhaften Einsatz für die Musik des 20. Jahrhunderts verbinden. Stenz kann beim frühen Schönberg beiden Aspekten zugleich nachgehen. Denn die von ihm wiedergegebenen „Gurre-Lieder“ zeigen den jungen Schönberg als glühenden Sensualisten und Wagner-Nachfolger, aber auch schon als unruhig-äquilibristisches Genie tonsprachlicher Metamorphosen.

Eine Art weltliches Oratorium. Die Bezeichnung „Lieder“ hat aber ihre Berechtigung, da es keine Vokalensembles gibt, sondern eine Abfolge in sich (nicht immer) abgeschlossener Monologe. Im späteren Verlauf des eindreiviertelstündigen Stückes spielen aberwitzige Männerchöre (oft zwölfstimmig) eine trutzig-erratische Rolle. Erst ganz zum Schluss tritt der Frauenchor hinzu. Da Schönberg mit einer langen Pause von 1900 bis 1911 an dem Werk arbeitete, also zu einer Zeit fertig wurde, als er sich bereits von der tonalen Harmonik getrennt hatte, sind stilistische Diskrepanzen, ja Brüche offensichtlich. Diese werden freilich in etwa aufgefangen durch die bis in klangliche Verfremdungen und atonale Grenzbezirke hinein strenge motivisch-thematische Arbeit. Die „Gurre-Lieder“ sind ein Höhepunkt prunkvoll-klangschwelgerischer spätromantisch-jugendstilhafter Imagination, eine „Salome“- und „Elektra“-Überbietung, aber auch bereits ein Aufbruch. Die Integration einer rhythmisch gebundenen Sprechstimme (Melodram) wurde von Schönberg im Zyklus „Pierrot lunaire“ und in „Moses und Aron“ bedeutsam fortgeführt.

Nicht zuletzt beeindrucken die „Gurre-Lieder“ durch ihr literarisches Sujet. Schönberg fand seinen Stoff bei dem dänischen Dichter Jens Peter Jacobsen, der, mit feinfühliger Psychologie und nietzscheanischem Hochton, eine vehemente Anti-Hiobiade, eine knallende und schäumende Gottesanklage hinfetzte. Dem mythischen König Waldemar wird die innig geliebte Tove durch den Tod entrissen. Der seines Lebenssinnes Beraubte und Untröstliche irrt mit seinem „wilden Heer“ durch die Welt und verflucht Gott lautstark als einen „Tyrannen“, der seines Amtes ungerechter waltet als ein menschlicher Herrscher. Der herrenhafte Rebellengestus spiegelt sich in den Gesängen stilisierter „niederer“ Figuren: Der Bauer und Klaus-Narr, letzterer mit weiterentwickeltem Beckmesser- und David-Tonfall („Meistersinger“), mischen sich quietistisch oder spöttisch-blasphemisch ein. Dem Ende zu skizziert der Sprecher in der erwähnten Melodramphase ein „künstliches“ Sommer-Idyll, das in die gewaltig aufschäumende chorisch-orchestrale Finalapotheose mündet. Dabei fühlt man sich, im nochmals modulatorisch verzweigten, endlich aber triumphalistisch eindeutigen C-Dur, unmittelbar in den kollektiven Preislied-Jubel der „Meistersinger“-Festwiese versetzt. Das Intensive, ja Rabiate der Schönberg’schen Diktion lässt den Eindruck beflissenen Epigonentums freilich auch hier nicht aufkommen. Das C-Dur-Finale mutet denn auch weniger als Rückzugsgefecht denn als eine forcierte Vorwärtsbewegung an – als Transzendierung der vorangegangenen Differenzierung-, Sublimierungs- und Chromatisierungsstrategien. C-Dur, so etwas wie ein nur erst vorstellbares ganz Anderes.

Die monumentalen Chor- und Orchesterdimensionen kommen bei Stenz, den Gürzenich-Instrumentalisten und einem Aufgebot von nicht weniger als sechs beteiligten Chören bestens zur Geltung. Die Vokalsolisten sind der Sache gewachsen, auch wenn der kraftvolle Tenor von Brandon Jovanovich manchmal mit der Textverständlichkeit hadert, blühend die auch in tiefer Lage fündige Sopranistin Barbara Haveman als Tove. Noch imponierender, durchartikulierter die Vorträge von Claudia Mahnke (ihr Lied der Waldtaube ist das finster-geheimnisvolle Zentrum des Werkes. Eine symbolistisch verrätselte Todesverkündung) und dem minuziösen Sprecher Johannes Martin Kränzle.

Neben diesen brandneuen „Gurre-Liedern“ in der opulenten Originalversion verdient auch die vor zwei Jahren erschienene Einspielung mit Günter Neuhold, dem Orquestra Sinfónica de Bilbao und drei Chorformationen Beachtung. Sie benutzt die vom Schönbergschüler Erwin Stein angefertigte „reduzierte“ Orchester- und Chorfassung. Die Ersteinspielung aus Spanien wirkt zwar deutlich „zeichnerischer“ als die aus Köln, doch durchaus dem voluptuösem Klangspektrum angemessen. Auch die Solisten können sich hören lassen: der etwas „leichtere“ Waldemar-Tenor Stig Andersen, die ökonomisch mit ihrem Legato umgehende Tove-Sängerin Anne Schwanewilms.

Eine weitere Schönberg-CD zeigt Stenz mit dem frühen symphonischen Poem „Pelleas und Melisande“, das mit finsteren und sehrenden Klängen der Poetik der „Gurre-Lieder“ sehr nah ist und dem zwölftönigen Violinkonzert aus der amerikanischen Periode, kompetent und geradezu hinreißend gespielt von Kolja Blacher. Anders als bei Alban Bergs Violinkonzert, einem Requiem mit vielen über die Musik hinausweisenden Bezügen, ist Schönbergs Stück „nur“ ein brillantes, funkelndes, ein sichtlich um ästhetische „Artgerechtheit“ bemühtes klassisches Violinkonzert. Die Geige exzelliert in Emanationen des „schönen Tons“, nur, dass es nicht um süffige Kantilenen geht, sondern um edel geschwungene weite oder „schräge“ Intervalle. Zünftige Figurationen aus der Paganini-Kiste, knackige Doppelgriff- und Flageolett-Ketten, vereinsamte Terz- und Sextzusammenklänge. Das nun aber doch in intrikaten, den scheinbar romantischen Rahmen sprengenden Zusammenhängen. Wie denn auch das Orchester (akkurat sekundieren die Gürzenich-Musiker, genau auch mit kunstvollen Rubati) niemals mit pauschalen Tutti-Strecken aufwartet, sondern sozusagen skelettiert und mit solistisch diversifizierten Beiträgen. Der Mittelsatz spendet durchaus einen Hauch vom verheißenen „Grazioso“, doch jeweils abrupte Satzschlüsse bestätigen, dass sich ein „normaler“ Konversationston verbietet. So ist das scheinbar unkomplizierte Virtuosenkonzert doch auch eine multiperspektivische Verhextheit, die konservative Attitude ein revolutionärer Handstreich.

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erstellt am 10.9.2015

Egon Schiele, Bildnis des Komponisten Arnold Schönberg, 1917, Gouache, Aquarell, schwarze Kreide. 45, 7 × 29, 2 cm

Arnold Schönberg
Gurre-Lieder
Gürzenich-Orchester Köln, Dirigent: Markus Stenz
Hyperion CDA 6808 ½

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Schoenberg, Gurre-Lieder
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Gurre-Lieder
Orquestra Sinfónica de Bilbao, Dirigent: Günter Neuhold
Thorofon CTH2606/2

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Pelleas und Melisande
(symphonische Dichtung) Violinkonzert
Kolja Blacher, Gürzenich-Orchester Köln, Dirigent: Markus Stenz
Oehms Classics OC 445

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