Tamás Ascher hat in Bochum Tschechows „Kirschgarten“ inszeniert. Aschers Stärke liegt in der minutiösen psychologischen Zeichnung der Figuren. Im benachbarten Gladbeck spielten die Bochumer Symphoniker und das ChorWerk Ruhr ein musikalisch anspruchsvolles, wenngleich durch und durch bürgerliches Programm, berichtet Thomas Rothschild.

Kultur im Ruhrgebiet

Im Schauspielhaus und in der Maschinenhalle

Von Thomas Rothschild

Vor drei Jahrzehnten hat Tamás Ascher am Budapester Katona József Theater Tschechows „Drei Schwestern“ einstudiert. Die gefeierte Inszenierung ging um die Welt und begründete den internationalen Ruhm des ungarischen Regisseurs. Jetzt hat er in Bochum den „Kirschgarten“ in der nicht immer überzeugenden Übersetzung von Anna Lengyel auf die Bühne gebracht, und es ist, als sei seit seinen „Drei Schwestern“ keine Zeit vergangen. Man kann nun sagen, Ascher hätte sich nicht weiterentwickelt. Man kann aber auch sagen, es gebe keine Notwendigkeit, Stücke über menschliche Probleme, die sich in den vergangenen dreißig Jahren nicht entscheidend geändert haben, heute anders zu realisieren als damals, wenn man von der Form, die man gefunden hat, überzeugt ist.

Aschers Stärke liegt in der minutiösen psychologischen Zeichnung der Figuren, in der Genauigkeit der Gänge und Gebärden. Beispielhaft demonstrierte das Kristina Peters in der – ja: rührenden – Rolle der unglücklichen Pflegetochter Warja. Sie wurde zum heimlichen Star des Abends. Grandios die Szene, in der sie Lopachin, von dem sie einen Heiratsantrag erhofft, Apfelspalten anbietet und dieser sie gar nicht bemerkt.

Den dritten Akt, der aus der typischen Tschechow-Dramaturgie herausfällt und mit seinen unzusammenhängenden Fragmenten, den mit Charlottas Zaubertricks vergleichbaren „Nummern“ auf den Höhepunkt, den Verkauf des Kirschgartens, zusteuert, inszeniert Ascher als jenen Vorläufer des absurden Theaters, der er ist. Überraschungen bleiben an diesem Abend aus. Erinnerungen an zahllose „Kirschgärten“ überlagern, was man sieht und hört. Es gibt, wie stets bei Tschechow, die magischen Momente. So machen Ascher und seine Ranjewskaja Bettina Engelhardt aus deren Erschrecken beim Erkennen von Pjotr Trofimow – „Warum sind Sie so hässlich geworden, so alt?“ – eine große Szene. Dafür wird Lopachins Triumph nach der Ersteigerung des Guts, auf dem sein Vater noch Leibeigener war, eher unterspielt – ebenso wie Gajews berühmte Rede an den Schrank oder das Verstummen angesichts des singenden Kreisels.

Weiß darf das Bühnenbild bei Tschechow schon lange nicht mehr sein, wenn man sich nicht dem Vorwurf des Konservatismus aussetzen will. Zsolt Khell hat seinen großen, etwas schäbigen, bis ins Detail realistischen Raum in dunklen Farben gehalten: gerettet.

Einen Tag vor der Bochumer Premiere machten die Symphoniker der Stadt zusammen mit dem ChorWerk Ruhr einen Ausflug ins benachbarte Gladbeck. Dort hat die Ruhrtriennale einen neuen Veranstaltungsort entdeckt: die längst stillgelegte Maschinenhalle der Zeche Zweckel. Das ist ein imposantes Gebäude mit der symmetrischen Imponierfassade und den Dimensionen eines Bahnhofs.

Nun gehört das Auffinden unkonventioneller Spielstätten schon lange zu den Bestrebungen der Festivals im Ruhrgebiet und alternativer Kulturinitiativen anderswo. Am aktuellen Beispiel kann man freilich studieren, dass, was ursprünglich einer demokratischen Idee folgte, zur bloßen architektonischen Attraktion geschrumpft ist. Die Geschichte des Ortes wird nicht mitgedacht. Wenn ausgerechnet in diesem Dom der Arbeit geistliche Musik zelebriert wird, so erinnert nichts mehr an die ideologischen Prämissen, die etwa Ariane Mnouchkines Cartoucherie oder Kampnagel geleitet haben.

Die Maschinenhalle ist, zugegeben, ein eindrucksvoller Effekt. Das Konzert, das hier stattfand, hat mit der Arbeiterbewegung nichts zu tun, und das Publikum hat es auch nicht. Nebenan in Essen machte sich wenige Stunden früher die Bundeskanzlerin dafür stark, den SPD-Oberbürgermeister durch den Kandidaten ihrer Partei abzulösen. In der Zeche Zweckel hat die geistige Ablösung ohne Mithilfe der Kanzlerin längst stattgefunden. Man hätte ja statt an „Komm, Jesu, komm“ und an ein Requiem auch an Hanns Eislers „Maßnahme“ oder an ein Werk von Paul Dessau denken können. Hat man aber nicht.

Stattdessen Mozarts Fragment gebliebenes Requiem, aufgefüllt mit „Klangräumen“ des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas, denen als Text ein gegenüber den liturgischen Texten scharf kontrastierendes amtliches Schreiben an Mozart zugrunde liegt, und eingerahmt von zwei Kompositionen György Ligetis und der bereits erwähnten Bach-Motette „Komm, Jesu, komm“: ein musikalisch anspruchsvolles, wenngleich durch und durch bürgerliches Programm. Dass das Orchester nicht zur ersten Garnitur zählt, erkannte man, wenn die etwas aufdringlichen Blechbläser die Streicher ins Abseits zu drängen drohten. Dass die Damen des 32-köpfigen Chors in den Höhen stellenweise Probleme hatten, schien das Publikum zu verzeihen: es spendete dem Vokalensemble hörbar mehr Applaus als dem Orchester und den Solisten. Ob da die Verwandten nachgeholfen haben? Bei Ligeti fühlte sich der Chor, von seinem Leiter Florian Helgath trainiert, übrigens offenbar sicherer als bei Mozart.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 07.9.2015

Anton Tschechow

Theater

Der Kirschgarten

Von Anton Tschechow

Regie: Tamás Ascher
Deutsch von Anna Lengyel

Schauspielhaus Bochum

Tamás Ascher
Foto: Wikimedia Commons

Festival

Ruhrtriennale

Weitere Informationen

Maschinenhalle der Zeche Zweckel
Foto: Carstor / Wikimedia Commons