Eine neue DVD versammelt Filmbeiträge von Alexander Kluge und von der TV-Produktion der Neuen Zürcher Zeitung. Sie liefern Eindrücke zum 8. Mai 1945 aus Deutschland und der Schweiz. Kluge bleibt sich und seiner Handschrift treu, meint Thomas Rothschild.

DVD

Tag der Befreiung

Von Thomas Rothschild

Der 8. Mai 1945 – Tag der Befreiung oder Tag der Niederlage. Diese Alternative spaltet bis heute die Deutschen. Die, oft mit Leidenschaft und Zorn, diesen Tag als Tag der Niederlage definieren, behaupten damit eine Kontinuität zwischen dem Deutschen Reich und der Bundesrepublik Deutschland und sind zugleich beleidigt und empört, wenn im Ausland jemand solch eine Kontinuität unterstellt und, logischerweise, das Nachkriegsdeutschland für die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes zur Verantwortung zieht. Sie wollen nicht begreifen, dass ein Neuanfang nur beansprucht werden kann, wenn sich das heutige Deutschland mit den Opfern des Dritten Reichs identifiziert und dessen Niederlage unzweideutig als Befreiung empfindet.

Die Reihe mit Kurzfilmen von Alexander Kluges dctp und der TV-Produktion der Neuen Zürcher Zeitung wird nun mit einer DVD über das Ende des Zweiten Weltkriegs fortgesetzt. Und wieder ist der Zusammenhalt lediglich thematisch. Formal unterscheiden sich die fast ausschließlich aus Interviews bestehenden Beiträge der NZZ deutlich von Kluges Montagen, deren Innovationswert freilich nachlässt, wenn man das Werk dieses bedeutenden Autors und Filmemachers kontinuierlich verfolgt: Er bleibt sich und seiner Handschrift treu. Kluges filmische Glossen sind nach der ersten Einstellung, nach dem ersten Schriftzug, bei der ersten Frage an einen Gesprächspartner – sei er ein Fachmann, sei es ein Darsteller einer Rolle – als solche identifizierbar. Umso erstaunlicher, dass Kluge, anders als etwa Heiner Müller oder Frank Castorf, nicht kopiert wird. Er kann auf seinem Gebiet Alleinstellung beanspruchen. Das Mainstream-Fernsehen hat Kluge, wiederum anders als Heiner Müller das Drama oder Frank Castorf die Theaterregie, nicht beeinflusst. Möglicherweise liegt das am Beharrungsvermögen des Mediums Fernsehen und an der begrenzten intellektuellen Kapazität seiner Macher. Es sperrt sich gegen mehr als kosmetische Operationen wie das Ohnsorg-Theater oder der Salzburger „Jedermann“.

Wie die Kirchengeschichte dank dem fortbestehenden Konkordat zwischen Hitler und dem Vatikan fast ausschließlich von Theologen geschrieben wird, so wird die Militärgeschichte weitgehend von Militärs oder Militäraffinen erforscht. Hier wie dort ist das eine Garantie für einseitige Bewertung, also für Geschichtsfälschung. Alexander Kluge gehört zu den wenigen Antimilitaristen, die sich seit vielen Jahren für die Militärgeschichte und die damit zusammenhängenden Gebiete – die Kriegsgeschichte, die Geschichte der Waffentechnologien, strategische Theorien – interessiert.

Was an Kluge irritiert, ist die Radikalität, mit der er sich in Personen und Haltungen hineindenkt, für die andere nur in sprachloses Entsetzen flüchten. Kluge will verstehen. Das Pathos der bloßen Empörung ist ihm fremd. Aber man muss schon sehr böswillig sein, wenn man ihm deshalb unterstellt, er würde das Böse relativieren. Er leugnet es nicht, aber er weiß, dass auch das Böse Ursachen hat und dass man diese kennen muss, wenn man jenes künftig verhindern will. Das unterscheidet ihn von manchen Historikern, die in der Tat vom Objekt ihrer Forschung so sehr fasziniert sind, dass ihre Erklärungsversuche wie Rechtfertigungen wirken. Die Problematik wird, auf einer anderen Ebene, von Kluge in einem Gespräch mit dem Hitler-Darsteller Bruno Ganz thematisiert.

Die Tendenz der Schweizer Beiträge von Gabriel Heim läuft auf den Nachweis hinaus, dass die Schweiz sich nicht etwa durch göttliche Fügung aus dem Krieg heraushalten konnte, sondern weil das Deutsche Reich zur Erkenntnis gelangt war, dass sie eine neutrale Schweiz, die einen ungestörten Transport nach Italien ermöglicht hat, billiger kam als eine okkupierte. Viele Schweizer, so die Ansicht der Zeitzeugen, hätten sich andernfalls ebenso als Kollaborateure bewährt wie große Teile der Bevölkerung in anderen besetzten Ländern. Richard Dindos großartiger Dokumentarfilm über Paul Grüninger, der beiläufig erwähnt wird, wäre dazu die unverzichtbare Ergänzung. Die Österreicher haben Glück. Von ihnen ist auf dieser DVD nur am Rande die Rede.

Wie sehr die Einschätzung des 8. Mai 1945 vom Standpunkt des Betrachters abhängt, macht eine Aussage deutlich. Man möchte annehmen, dass dieser Tag für jeden Juden, für jede Jüdin nur positive Gefühle ausgelöst hat. Aber für die Schweizer Jüdin, deren Mutter in Deutschland zurück geblieben war, war es auch der Tag, an dem die Gewissheiten einzutreffen begannen über das Schicksal der Deportierten. Der Tag, an dem der Schrecken geendet hat, war zugleich der Tag, an dem der Schrecken in seinem ganzen Ausmaß bekannt zu werden anfing.

Die letzte halbe Stunde hätte man sich sparen können. Sie enthält lediglich neu montiert Ausschnitte aus auf der DVD schon gezeigten Filmen von NZZ TV und fügt noch einen ziemlich schwachsinnigen Song von Thomas Meineckes Punkgruppe Freiwillige Selbstkontrolle an. Er bleibt unter dem Niveau – sowohl der filmischen Reflexionen Kluges wie der Aussagen in den Schweizer Interviews.

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erstellt am 03.9.2015

Ein Gespür für den Frieden!
Regie: Alexander Kluge, Gabriel Heim
DVD, Länge: 180 Minuten
ISBN: 978-3-8488-4042-7
NZZ TV / dctp TV / absolut MEDIEN

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DVD-Trailer: Ein Gespür für den Frieden!