Mit „Greenwash Inc.“ hat der 1986 geborene Autor Karl Wolfgang Flender seinen Debütroman vorgelegt. Dessen Protagonist Thomas Hessel poliert den Ruf von Unternehmen durch Fairness- und Nachhaltigkeitskampagnen auf. Obwohl um Aktualität bemüht, ist Flenders Roman literarisch kaum nachhaltig, meint Moritz Müller-Schwefe.

Buchkritik

Geld, Sex, Ökofraß

Karl Wolfgang Flenders Debüt »Greenwash Inc.«

Von Moritz Müller-Schwefe

Thomas Hessel ist ein klassisches Arschloch. Er ist PR-Berater in einer angesehenen Werbeagentur, Karrierist, skrupellos und gefühlskalt. Er ist durchtrainiert, kokst, trinkt, hat eine hübsche Freundin, geht trotzdem fremd und verdient einen Haufen Geld. Hessel ist Klischee pur – und nebenbei die Hauptfigur des vielbeachteten Debütromans „Greenwash Inc.“ von Karl Wolfgang Flender, einem weiteren Hildesheimer Schreibschulabsolventen, der zügig nach Beendigung seines Studiums einen Erstling vorlegt. „Greenwash Inc.“ also ist Produkt einer Romanfabrik und leider vor allem eins: Stangenware. Das gilt vor allem für den Protagonisten. Denn während man etwa für Rainald Goetz’ Johann Holtrop zur eigenen Verwunderung irgendwann Empathie entwickelt und in Patrick Bateman den kranken, aber eben darum faszinierenden American Psycho entdeckt, sieht man in Hessel den immergleichen, Beruhigungsmittel einschmeißenden Pragmatiker. Egal ob er auf der Karriereleiter steigt oder fällt, gefeiert oder gefeuert wird: Hessel bleibt ungerührt und unnahbar. Auch für die Familie. Die Mutter versteht ihren abgehobenen Sohn nicht mehr, der Vater rät ihm zu professioneller Hilfe von einem Psychologen, und auch sein kleiner Neffe, um den sich Hessel zwischenzeitlich kümmern muss, vermag keine weiteren Gefühle in ihm zu wecken. Selbst als er später nicht nur sozial, sondern auch beruflich scheitert, durchzuckt ihn bloß eine Phrase. Am Tiefpunkt angelangt, denkt Hessel, blutend und nackt im afrikanischen Niemandsland, einen Satz, der vermutlich sogar aus jedem Soap-Skript gestrichen würde: „Und ich weiß, ich muss jetzt mein Leben ändern.“

Dass sich dennoch nicht viel ändern wird, ist da schon deutlich. Längst hat der Leser mit Hessel, längst mit „Greenwash Inc.“ abgeschlossen. Denn die Handlung des Romans ist so leblos und uninteressant wie seine Hauptfigur. Die Werbeagentur Mars & Jung entwickelt Tränendrüsen-Stories für große Unternehmen, die mit diesen ihr Image rein waschen, als „fair“ und „nachhaltig“ gelten und damit neue Käufer für ihre Produkte gewinnen wollen: Greenwashing eben, wie das in der Werbersprache heißt. Heraus kommt „harter Charity Porn“ – und Hessel ist mittendrin. Schnell steigt er mit seinen kreativen Ideen und unlauteren Mitteln zum Star der Agentur auf. Er hat schon den Chefposten vor Augen, da stolpert er über den unvermeidlichen Textilfabrik-Skandal eines Kunden und fällt tief, bis in die Arbeitslosigkeit. Die klassische Tragödie. Auf einmal zeigt das überdrehte Werberdasein seine Schattenseite. Hessels Umfeld wendet sich von ihm ab. Er verwahrlost, vereinsamt – und bemerkt das ausgerechnet an Silvester und natürlich gerade, als er nach der Lieferpizza greift und draußen die ersten Raketen platzen. Seine Freundin ist zuvor mit dem Chef durchgebrannt. Das Soap-Skript lässt grüßen. Daran ändert auch wild über den Roman verteilter Intertext nichts: Zusammenhangslose Allen-Ginsberg-Zitate, ungeschickte „American-Psycho“-Kopien und überdeutliche „House-of-Cards“-Anspielungen werden literarisch nur noch von einem fahrigen Doppelgänger-Motiv unterboten.

Der Lerneffekt? Dass Bio nicht immer gut für Mensch und Umwelt ist und Nachhaltigkeit mitunter nur noch Worthülse, ist bekannt. Ebenso, dass zahlreiche Unternehmen heute mit professionell entwickelten Sustainability-Stories ihren Ruf aufpolieren und Werber dafür über Leichen gehen. Der Roman liest sich auch deshalb passagenweise wie die Zeitung vom Vortag. Da dürfen die Enthüllungsplattform Wikileaks und der Auftritt eines Whistleblowers nicht fehlen. Da muss auch das Flüchtlings-Interview eines TV-Moderators erwähnt werden, obwohl es an der entsprechenden Stelle nichts zur Sache tut. Selbst die Schauplätze dieses Romans scheinen abgegriffen und bunten Stern-Reportagen entnommen: brennende Müllberge auf afrikanischen Schrottplätzen, südamerikanische Wellblechhütten und einstürzende Textilfabriken in Indien. Hessels Freundin, die studierte Ethnologin Marina, wird an einer Stelle gefragt, ob sie überhaupt schon einmal auf anderen Kontinenten geforscht habe. Eine Frage, die sich auch dem Autor stellen ließe. Oft klingen seine Beschreibungen mehr nach Werbestory als nach Recherche. – Vielleicht also, fragt man sich, doch alles Ironie? Vielleicht also glücklicher, wer den Text von Beginn an als Satire liest? Der aber müsste mir die Gattung nochmal erklären.

Mit „Greenwash Inc.“ hat Karl Wolfgang Flender ein Debüt vorgelegt, das, krampfhaft um Aktualität bemüht, die eigene literarische Nachhaltigkeit aus den Augen verliert.

Kommentare


Laberthier - ( 09-09-2015 12:30:14 )
Touché! Ging mir ähnlich. Diesen Mut zur Absage, dabei fair, hat nicht jede/r.

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erstellt am 03.9.2015

Karl Wolfgang Flender
Greenwash, Inc.
Roman
Hardcover, 392 Seiten
ISBN 978-3-8321-9764-3
DuMont Buchverlag, Köln 2015

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Karl Wolfgang Flender liest aus »Greenwash, Inc.« (zehnseiten.de)