Friedrich Engels war Philosoph, kommunistischer Revolutionär und erfolgreicher Unternehmer. Neben dieser seltenen Berufskombination war ihm noch die Fähigkeit zu eigen, zwölf Sprachen zu sprechen. Die Grundgesetze der Dialektik, die er vor Marx’ Tod formulierte, fand er aber, wie Otto A. Böhmer bemerkt, im geistigen Gespräch mit seinem Freund Moses Heß etwas missverstanden.

Holzwege

Welt- und Weingeist

Der Philosoph Friedrich Engels

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Friedrich Engels hatte es gerade noch bis zum Sofa geschafft, ehe das Unheil über ihn hereinbrach: Das dumpfe Gedankenkarussell, das sich in seinem Kopf drehte, geriet endgültig aus der Bahn und schlug nach unten durch; – dort, wo sich die Übelkeitsbataillone zu sammeln pflegten, ehe sie zum Angriff losgelassen wurden, saß nun das ihm verbliebene Lebens- und Körpergefühl und wartete auf das Zeichen zur Rache. Nur nicht bewegen, dachte Engels. Am besten höre ich auch auf zu atmen. Ich will einfach nur da sein und klein beigeben. Es gibt zwar keinen Gott im Himmel, aber einen Herrn, der die Trunkenbolde und Zechbrüder straft. Ihm muss ich Abbitte leisten. Der Philosoph hörte das Ticken der alten Standuhr, das seinen Herzschlag übertönte. Ob ich noch lebe? „Geh aus mein Herz und halte Ruh!“ murmelte er und musste lachen. Sofort nahm das Gedankenkarussell Geschwindigkeit auf, verschärfte sein Tempo, und in seinem Brustkorb machte sich ein stechender Schmerz breit. Jetzt geht’s los, dachte er. Der Aufstand der Innereien, und ich kann mich nicht wehren … Dabei war alles noch harmlos gewesen, – ein harmloses Vergnügen, das keiner großangelegten Vergeltung bedurfte, denn es hatte sich längst als massenhaftes Vergnügen bewährt und bewiesen. Mit Freund Heß, diesem „elendigen Kommunisten“, wie ihn sein Vater immer zu nennen pflegte, war Engels nach erfolgtem Gedankenaustausch noch in die Kneipe „Zum Filipützjen“ in Unterbarmen gegangen, um dort dem hartnäckigen Durst zu Leibe zu rücken, der beiden, Engels und Heß, schon seit den frühen Nachmittagsstunden zusetzte. Sie hatten ein paar Bierchen getrunken, aber der Durst wollte nicht weichen. Um sie herum standen die wackeren Arbeiter, denen Engels’ eher zögerliche Hoffnungen galten; – mit diesen Gestalten ist doch kein Staat zu machen, dachte er noch immer oft genug, und er kam sich dabei, allen wackeren Bekundungen zum Trotz, schäbig vor – und bemerkenswert realistisch. Als Heß dann zu einer großen Ansprache angesetzt hatte, waren die Arbeiter geflüchtet, und so blieben sie allein mit dem unermüdlich vor sich hin gähnenden Wirt im „Filipützjen“ zurück. „Endlich!“ rief Heß. „Endlich sind genügend Leute da, dass ich es mir erlauben kann, eine Lokalrunde zu schmeißen …“ „Lass doch, Heß“, sagte Engels. „Du hast kein Geld …“ „Wen stört das schon“, sagte Heß, „wer kein Geld hat, der kann auch bezahlen.“ Er gab dem Wirt ein Zeichen. „Jetzt fangen wir erst richtig an“, rief er. „Mensch, Engels, du schaust so griesgrämig drein wie dein pietistischer Vater.“ Sie tranken, und die ehedem matt rötlich schimmernde Welt fing an zu glänzen. „Weißt du, Engels“, sagte Heß mit schwerer Zunge, „nach der Revolution wird eine Zeit kommen, in der die Menschen nur noch freundlich sind und höflich. Und nett. Gnadenlos nett! Sie werden voller Eifer sein und sich stündlich danach erkundigen, wie es dir geht. “ „Danke, mir geht es gut!“ sagte Engels. „In einer solchen Zeit“, fuhr Heß fort, „einer Zeit ver­schleimter Herzlichkeit und schier bodenloser Anteil­nahme wird der Grobian wieder gefragt sein, der Berserker, Bierkutscher, Tollhäusler, Kaliban, die Axt im Walde … Du verstehst, was ich meine?“ „Na­türlich nicht“, sagte Engels. „Ich weiß nur, dass alles, was in den Köpfen der Menschen vernünftig ist, bestimmt sein muss, wirklich zu werden … Oder, wie Hegel gesagt hat: Alles, was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ „Hat er das gesagt, der Hegel?“ murmelte Heß. „Unser guter Hegel, der Entdecker des Welt- und des Weingeistes? Sollte mich wundern …“ „Hat er gesagt, sagt er“, meinte Engels, der sich wie aufgepumpt vorkam und zugleich eine bemerkenswerte Leichtigkeit spürte, aus der ihn die Geheimnisse der Welt anstaunten wie kleine redselige Kinder. „An die Stelle des absterbenden Wirklichen, mein guter Heß, tritt eine neue, lebensfähige Wirklichkeit – friedlich, wenn das Alte verständig genug ist, ohne Sträuben mit dem Tode abzugehen; gewaltsam, wenn es sich gegen diese Notwendigkeit sperrt …“ „Prost, darauf wollen wir trinken!“ sagte Heß. „Weißt du, Engels, in dieser erbarmungswürdig freundlichen und deswegen auch grauenhaft mittelmäßigen Zeit, die da kommen wird, würde ich gerne Hoteldi­rektor sein. Ich hätte ein Hotel, das hieße Haus Sanftleben, und in dem würde ich alle Gäste so saugrob behandeln, dass selbst unser Holzklotz Marx seine Freude daran hätte …“ „Und wozu sollte das gut sein?“ fragte Engels. „Du begreifst aber auch gar nichts“, sagte Heß. „Ich wäre erfolgreich, weil ich mich gegen den Geist meiner Zeit stemmen würde. Wo alle stinkfreundlich sind, nimmt nur ein Mensch für sich ein, der unverschämt ist und beleidigen kann. Die Zukunft gehört den Vierschrötigen, den Bauernlümmeln im Geiste!“

Ja, es war ein vergnüglicher Abend gewesen, auch wenn er jetzt dafür büßen musste: Friedrich Engels lag wie ein Sack auf dem Sofa, und er meinte sich noch erinnern zu können, dass er den letztendlich lallenden Heß nach Hause gebracht hatte. Das Leben ist ernst genug, dachte er, und die Revolution muss kommen! Wenn sie jedoch, dereinst, das hanebüchene Gespräch unter Freunden, die produktive Blödsinnigkeit und damit den Unfug-an-sich unter Strafe stellen sollte, werde ich, ein momentan etwas heruntergekommener Philosoph, dagegen anzugehen wissen.

Er ballte die Faust, und diese Anstrengung war zuviel für ihn: Er fiel vom Sofa, direkt in den Schlaf, und als man ihn am nächsten Morgen auf dem teppichbelegten Fußboden fand, hatte er ein Lächeln im Gesicht, das ihm jedoch, gleich nach dem Wecken, abhanden kam …

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 03.9.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Friedrich Engels

Friedrich Engels