Ingo Ebener liest Alexandre Kojevès nun auf Deutsch erschienenes Tagebuch eines Philosophen und erkennt in den frühen Notizen des einflussreichen Hegel-Interpreten mehr als bloße Formsuche und Stilübung, nämlich die Freude an dem Spiel mit der Maske.

Philosophie

Die Maske „Kojève“

»… wie ein Außenstehender bin ich bei der Obduktion meines Ich anwesend …«

Von Ingo Ebener

Das Tagebuch des jungen Alexandre Kojève ist nicht einfach nur das Zeugnis eines vielseitig interessierten und ambitionierten Denkers auf der Suche nach Form und Formung, es zeigt bereits wie ein phantasiebegabter junger Mann das Maskenspiel seiner Persönlichkeit zum Prinzip seines Denkens erhebt.

Bereits in der Einleitung schreibt der 18-Jährige Kojève, der damals noch A.W. Koschewnikoff heißt, dass er sich mit dem Beginn seiner Notizen, die er auf den 1. Januar 1917 zurückdatiert, nachdem ihm das Tagebuch mit anderen Dingen gestohlen wurde, seiner „Neigung zur Philosophie endgültig bewusst“ wurde, wodurch seine Aufzeichnungen – in einem quasi feierlichen Gründungsakt – den Titel „Tagebuch eines Philosophen“ erhalten.

Die Geburtsstunde des Philosophen, der vor allem aufgrund seiner Vorlesungen und Seminare über Hegel, bei denen Frankreichs halbe Intellektuellen-Szene zugegen war, auch rund fünfzig Jahre nach seinem Tod einen legendären Ruf genießt, ist die einer Inszenierung und die einer Selbstbeobachtung dieser Inszenierung ohne greifbares Ich.

Da Kojève viel übrig hat für Spiel und Spielereien, drängt sich bereits bei der erwähnten Rückdatierung der Verdacht auf, als Leser in diese verwickelt zu werden: Kojève gibt einen Teil des Tagebuchs, das vier nummerierte Hefte umfasst, als Erinnerungsprodukt zu erkennen, das nur wenig mit der Realität zu tun habe, da er nach dem Diebstahl beinahe vier Jahre aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren hatte.

Dieser Verdacht verliert sich allerdings schnell im Mäandernden der Texte, denn Kojève reizt die Grenzen des Tagebuchs aus, indem er Versuch an Versuch, Spruch an Betrachtung, Gedicht an Dialog reiht und das Monologische des Tagebuchs gegenüber Einfällen und d.h. auch Einfällen von Außen, öffnet.

Vielen dieser Versuche (z.B. über Antisemitismus, Mann und Frau, Kritik oder Tod) haftet dabei das Unfertige eines Schnellschusses an, ohne dass sich Kojève großartig dafür zu interessieren schiene, mögliche Schwachstellen auszubügeln. Der kurze Versuch Sokrates zu widerlegen, verdeutlicht – noch mehr als den Ehrgeiz und die Ambitionen des jungen Denkers – den Wunsch ein Anderer zu sein: „Meiner Meinung nach aber ist die einzige Pflicht im Leben, stets danach zu streben, derjenige zu sein, der du niemals sein können wirst.“

Wie bereits hinter dieser Maxime – die sich in weit komplexerer Form bei Hegel findet – lauert auch hinter Kojèves anderen Notizen oft ein Anderer (Gedanke oder Autor), hinter dem sich Kojève oft versteckt, dem er sich aber in seinen besten Momenten nähert, ohne sich dabei ganz aus den Augen zu verlieren. „Ich bin immer wie ein Fremder, zerlege meine Seele mit ihr, wie ein Außenstehender bin ich bei der Obduktion meines Ich anwesend und gehe weit entfernt, unbefriedigt, als ob mit mir selbst entzwei, fort.“

Die Fremdheit des Anderen im Eigenen, die hier von Kojève als ekstasis, als Außersichsein, beschrieben wird, verbleibt in ihrer Uneinholbarkeit und scheinbaren Entzweiung unbefriedigend, dient ihm aber auch als Quelle für das Spiel mit der Maske. Wie weit dies geht, zeigt sich im Dialog über die Liebe, in dem zunächst ein männliches Ich über das Fehlen völliger Selbstvergessenheit klagt: „Sogar im heftigsten Moment des Besitzens höre ich nicht auf, als dritte Person anwesend zu sein, mich selbst und Sie zu beobachten.“ In diese Klage stimmt dann die Liebende, die die Ablehnung zu ertragen hat, mit ein: „Sie wollten mich, ich sah es Ihren Augen an. Und diese ewige Pose, dieses ewige sich Zieren und Verstellen, gefällt es Ihnen etwa wirklich? Oder spielen Sie mir nur etwas vor, wegen der gerade gesagten Worte?“

Der italienische Philosoph Marco Filoni, Autor der Bücher Il filosofo della domenica. La vita e il pensiero di Alexandre Kojève (2008) und Kojève mon ami (2013), schreibt in seinem klugen und kenntnisreichen Nachwort: „Obwohl in unreifem Alter verfasst und von augenscheinlicher philosophischer Naivität geprägt, zeigt Kojève, dass die von ihm mit großer Sorgfalt kultivierten Philosophenposen eine feste Grundlage haben. Die Überlegungen besitzen durchgehend einen bemerkenswerten Scharfsinn, und selbst wenn es ihm nicht gelingt, seine Gedanken klar und konsequent bis an ihr Ende zu führen, so schaffen sie es doch stets, Interesse zu wecken.“ Auch wenn sich im Tagebuch Naivität und Scharfsinn etwas stärker die Waage halten als es die Darstellung Filonis vermuten lässt, so haben Kojèves Posen und Fingerübungen Unterhaltungswert und dienen dabei, der Person „Kojève“ auf die Spur zu kommen.

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erstellt am 23.8.2015

Alexandre Kojève
Alexandre Kojève (1902-1968)

Alexandre Kojève
Tagebuch eines Philosophen
Mit einem Nachwort von Marco Filoni. Aus dem Russischen und dem Italienischen von Simon Missal
Klappenbroschur, 172 Seiten
ISBN: 978-3-88221-395-9
Matthes & Seitz, Berlin 2015

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