Die junge kroatische Poesie hat einen bemerkenswerten Protagonisten, den 1984 in Split geborenen Marko Pogačar. Sein neuer Gedichtband „Schwarzes Land“ ist zweisprachig, also auch deutschsprechenden Leserinnen und Lesern zugänglich. Eric Giebel stellt das Buch vor.

Lyrik

Der Bauch gefüllt mit fremden Uhren

Von Eric Giebel

Lebenswege versammeln sich in der biologischen Mitte des 1984 in Split geborenen Autors. Es rumort. Es tickt. Vielleicht ist da eine Bombe installiert, vielleicht spielt ein Verrückter nur rhetorisch mit der Vergänglichkeit des Lebens. Wer sagt, dass der Narr nicht leidet? In Marko Pogačars Körper trifft sich eine Gesellschaft mit ihren krassen Widersprüchen, ihrer Geschichte und dem Alltag der „unabhängigen Republik der Kühe“. Dort unten, im Übergang von Magen und Darm, zwischen Erbrochenem und Verdautem ist es dunkel, ja: schwarz, sehr finster.

Nach „An die verlorenen Hälften“ von 2010 ist „Schwarzes Land“ die zweite kroatisch-deutschsprachige Ausgabe der Lyrik Pogačars in der Wiener Edition Korrespondenzen. Die Übertragungen des im Frühjahr 2015 erschienenen Bandes fertigte wie beim ersten Mal Alida Bremer. Auch „Schwarzes Land“ ist ein Produkt des literarischen Netzwerks traduki, das diesen kulturellen Austausch zwischen Mittel- und Südosteuropa ermöglichte.

Was Pogačar aus seinem Körper herausholt, aus dem biologischen Körper, wie auch aus seinem poetischen, hat in seiner Heimat dazu geführt, ihm einige populäre Etiketten anzuhängen: vom Wunder Pogačar ist die Rede, vom „Rimbaud der kroatischen Poesie“. Mein Eindruck auf der Leipziger Buchmesse war, solcherlei stört nicht die Konzentration des Autors auf seine Sprache, die er souverän einsetzt und hinter die er als Person, als Körper zurücktritt. Diese Sprache ist immer eine des eigenen Leids und der Freude bewusste und gleichermaßen gesellschaftsrelevante Äußerung. Der Autor befragt dabei nicht sein Publikum, behandelt es nicht wie Kasperl die kleinen Kinder. Er weiß, alle sind da. Und gewährt Einblicke.

Etwas geschieht, aber ich weiß nicht, was.
ein Brustkorb dehnt und spannt sich,
die Wände der Adern werden enger, diese Rinnen, Drüsen
sondern über Zagreb Unmenge Galle ab.

(aus: Markos Platz)

Zeit brauche ich, ich begreife – Zeit und sage mir
Zeit, die etwas bringt, herein heraus
wie der Mensch mit der Nahrung und mit der Scheiße und der Stahlarbeiter
wenn er die Brust mit Draht umwickelt.

(aus: Bauch)

ich geselle mich zu den Schweinen:
ich drücke mein Fleisch an das weiße Fleisch,
schließe die Augen und sehe –

(aus: Samstag, Zerfall)

Der Seher, geehrt und gefürchtet, niemals wird er von der Gesellschaft geliebt. Man umgarnt ihn, damit er eine schmeichelhafte Zukunft in Aussicht stellen möge. Der Seher kann deswegen seine Nation nicht lieben. Er hält sich versteckt und wartet auf das lyrische Du, um sich seiner Liebe zu versichern.

durch den Zeichenwald kam mir ein Lastwagen entgegen,
unwirklich, fettig von der Nacht; die Wasser stiegen noch einmal an,
und der schmutzige Schnee rann durch die Finger.

dort sah ich durch Schulterknochen Füchse, wie sie ein unfertiges Haus
anknurren, ein Vordach, das es nicht gibt, die Leere der Fenster,
da warte ich auf dich.

(aus: Das Vordach, die Leere der Fenster)

Pogačar hat den 2013 im Original erschienenen Einzelgedichten den Zyklus „Der See“ aus dem Jahre 2009 für dieses Buch hinzugefügt, was vermuten lässt, dass diesem Text eine besondere Bedeutung zukommt. In der Tat zeigt der 15-teilige Zyklus auf, wie der Autor sein poetologisches Programm in ein Möbiusband wandelt, aus dem wir kein Entrinnen finden können. Die Sprache ist ein Kreis und Pogačars Mund ist das Seeufer, über dem sich der Himmel wölbt. Das ist Kosmos, vom abgelagerten Sediment am Seeboden bis zum Eiskristall in der Troposhäre.

ich bin der See, der dunkle Punkt
ein Parlament aus Milliarden süßer Tränen
[…]

Was kann der See über den See sagen?
erstens, ich gleiche einem Eisblock. ich hocke kalt und einsam und warte
[…]

ich bin riesig und unförmig
wie ein Kopf von Francis Bacon.
was auch immer an einem meiner Ufer geschieht,
er erinnert mich an einen administrativen Fehler: nichts
[…]

[…] wenn meine Augen niemandes Augen mehr sein werden, sollst
du mich lieben und keinen See neben mir haben.

(aus: Der See)

Für einen „Festtag“ bereitet Pogačar ein Einzelgericht zu. Wir dürfen dem Koch bei seiner Tätigkeit zuschauen.

Ein Paar winzige dunkle Augen, schwarze Löcher – schwarze
Inselpfefferkörner; das Ohr – ein vertrocknetes Lorbeerblatt, das man
                                                         einem Faschisten
abgeschnitten hat, die Schnauze, die ich so gerne haben würde.
auch die Fledermaus hat es kapiert: im Topf wird ein Kaninchen                                                                         geschmort.

Wie dieser Garvorgang über den Kochtopf hinausweist, damit belegt Pogačar seine Meisterschaft. Ich spreche nicht von Gewürzen, die zur rechten Zeit zugegeben wurden, auch nicht von den Pflaumen, die abgaben, „was sie abzugeben hatten“. Ich spreche von Liebe und vom Tod, dem „Heilmittel für das Gewicht der Knochen.“

das Wasser drängt sich um die Knöchel, umfasst die Haut und
spannt das Fleisch wie die Liebe. es zieht sich zu einer Idee zusammen
                                                                              und geht.
[…]

(aus: Festtag)

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erstellt am 18.8.2015

Marko Pogačar

Marko Pogačar Foto © Edi Matic

Zur Person

Marko Pogačar, geb. 1984 in Split, studierte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Zagreb. Er ist Redakteur der Literaturzeitschrift Quorum und des Kulturmagazins Zarez. Seit 2005 veröffentlichte er vier Gedichtbände, drei Essaysammlungen und ein Buch mit Kurzgeschichten.

Marko Pogačar
Schwarzes Land
Gedichte
Kroatisch/Deutsch, übersetzt von Alida Bermer
Hardcover, 152 Seiten
ISBN 978-3-902951-11-3
Edition Korrespondenzen, Wien 2015

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