Dass das, was die Geschichte überdauert, das Bessere sei, ist ein Irrglaube, wie auch, dass schnell zu leben und früh zu sterben zu den Tugenden eines gelingenden Lebens gehört. Hermann Goetz, der mit 36 Jahren begraben wurde, hinterließ ein gelungenes Frühwerk. Und Hans-Klaus Jungheinrich stellt es, zusammen mit Musik von Charles Villiers Stanford und seinen Schülern, vor.

CD

Groß oder klein, aber fein

Kammermusik von Hermann Goetz und Klarinettenquintette britischer Brahmsianer

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Blicke ins Unbekannte, ins scheinbar Unscheinbare! Doch welche musikalischen Schätze enthalten die beiden so verschiedenen Kammermusik-Veröffentlichungen mit deutschen und britischen Stücken, die man dem weiteren Umkreis von Johannes Brahms zurechnen kann.

Den Namen Hermann Goetz kennt man vielleicht aus älteren Opernführern. Die Shakespeare-Oper „Der Widerspenstigen Zähmung“ des gebürtigen Königsbergers (der dann in der Schweiz, vor allem in Winterthur, tätig war) gehört zu den bewundertsten deutschen Musikkomödien der späteren Romantik; im gegenwärtigen Opernbetrieb hat das von keiner feministischen political correctness beleckte Opus schlechte Karten, wenngleich es doch Regisseure geben müsste, die es „gegen den Strich“ auf die Bühne bringen und die mozartnahe Musik „retten“ könnten. Eine Symphonie, ein Violin- und ein Klavierkonzert des früh an Tuberkulose Gestorbenen (1840-1876) tauchen gelegentlich einmal irgendwo auf und treten das Klischee vom „zu Unrecht Vergessenen“ los. So geht es einem Nicht-Wunderkind, das mit 36 „nur“ etwa 25 Werke fertigbekommen hat (so viel etwa wie Brahms im selben Alter) und nun zwischen Mendelssohn, Schumann, Brahms und Wagner als ein Eigener und Unverwechselbarer wahrgenommen werden soll. Sein Frühwerk ist auch sein Spätwerk. Die Spanne von wenig mehr als einem Jahrzehnt zur Verfügung stehender produktiver Zeit ist entschieden zu kurz, um eine großmeisterliche Handschrift auszubilden – ein potentiell Großer muss dadurch wohl als „Kleinmeister“ erscheinen. Wirkliche Kleinmeister sind aber doch wohl solche, die es ein ganzes langes Leben lang bleiben (wie etwa Max Bruch oder Werner Egk).

„Rasch und feurig“ ist der Kopfsatz des Klavierquartetts E-Dur überschrieben, und so heißt auch das Motto der im Zusammenhang mit dem Deutschlandradio Kultur entstandenen Joachim Wollweber-Edition TYXart (TXA 15061). Das 37-minütige Stück bindet die beiden Mittelsätze, den langsamen und das Scherzo, durch einen Übergang mit Themenvorwegnahme zyklisch aneinander. Im Finale wird nochmals an das schwungvolle, rhythmusbetonte Anfangsthema erinnert, ohne dass durch solche Reminiszenzen die Leichtigkeit und Flüssigkeit des Ganzen tangiert wäre. Das zehn Minuten kürzere Quintett c-moll (mit charakteristischer Beteiligung des Kontrabasses) wirkt noch konzentrierter und schlägt mit den Seitenthemen der Ecksätze einen Ton an, der den intimen Rahmen zu transzendieren scheint: Die Musik kommt ins Kreiseln und Schleudern, sie hebt sozusagen ab aus der vorgegebenen Spur; ein Moment erzromantischen Außersichgeratens. Sorgfältige Interpretationen mit dem pianistischen primus inter pares Oliver Triendl und den Streichern Marina Chiche (Geige), Peijun Xu (Bratsche), Niklas Schmidt (Violoncello) und Matthias Beltinger (Bass).

Von den britischen Musikgewohnheiten des späten 19. Jahrhunderts weiß man auf dem Kontinent nicht allzu viel; man vermutet nicht ganz zu Unrecht, vor dem Auftreten international wahrgenommener Komponisten wie Edward Elgar, Frederick Delius und Gustav Holst, eklektizistische Biederkeiten im Fahrwasser Mendelssohns und Brahms‘. In der Tat war der aus Irland stammende Charles Villiers Stanford eine ganz auf Brahms eingeschworene Instanz, was er auch an seine zahlreichen Schüler weitergab. Wenn man nun die drei Klarinettenquintette der Stanford-Adepten Arthur Somervell, Samuel Coleridge-Taylor und Richard Walthew (cpo 777 905-2) anhört, nuanciert vorgetragen von Stephan Siegenthaler und dem Leipziger Streichquartett, dann stellt sich unweigerlich die Assoziation „Brahms“ ein – spätromantisch-klassizistische Kammermusik mit Klarinette ist in der Wahrnehmung der Musikfreunde nun mal für immer und ewig „brahmsisch“ besetzt. Gleichwohl machen die Werke viel Freude, weil es reizvoll ist, die Ähnlichkeiten und Abweichungen in Bezug auf den Brahms’schen Tonfall zu registrieren (und daneben, versteht sich, diese vom großen Vorbild und Ideal so lebendig inspirierte Musik zu genießen). Und dabei kann man auch sehr nachdenklich werden über das Faktum Eklektizismus. Zur überzeugenden Adaptation gerade des Brahms-Stils gehören eine gewaltige Portion an Empathie und ein handwerkliches Raffinement, das durchaus als Meisterschaft bezeichnet werden kann. So klingen diese drei britischen Klarinettenquintette der Brahmsnachfolge denn auch nicht nach „geräuspert und gespuckt“, sondern als Ergebnis einer liebevollen, könnerhaften Annäherung und Aneignung: Feinsinn und Ziseliertheit. Zweitbester Brahms, wenn nicht bester. Großmeisterliches aus Kleinmeisterhand.

Somervells Quintett bildet die Brahmsschen Satzcharaktere auch im Verzicht auf Tempoextreme, im Durchhalten eines „gemischten“, schattenreichen Ausdrucks, glaubwürdig nach. Im „Short Quintet“ von Richard Walthew (bereits im neuen Jahrhundert entstanden, aber, wen wundert’s, die englischen Brahmsjünger waren ja alle mindestens eine Generation jünger als der Meister) herrscht eine besonders stringente Formdisziplin, so dass der gut viertelstündige Einsätzer auf kleinem Raum Kontraste herstellt und harmonisiert. Ein Sonderfall ist das mehr als halbstündige fis-moll-Quintett von Coleridge-Taylor. Es entstand gewissermaßen im Zuge einer Wette: Aufgabe war, ein Klarinettenquintett zu schaffen, das möglichst nicht „brahmsisch“ anmutete. Dazumal ein Kunststück. Und beinahe eine Unmöglichkeit. Doch gerade im Vergleich mit Somervell und Walthew gelang das hier verhältnismäßig gut. Brahms ist wenigstens nicht die erste Referenz, die dem uninformierten Hörer dazu einfällt. Eher Dvorák. Und damit natürlich auf Umwegen doch wieder Brahms, der Unentrinnbare, der ja auch in den Kammermusikwerken des Tschechen vielfach nachklang.

Und wo bleibt in dieser Musik das Angelsächsische? Es zeigt sich bei Coleridge-Taylor vor allem im langsamen zweiten Satz, dessen bluesartiger Atem selbstverständlich die Erinnerung an Dvoráks Largo aus der „Neuen Welt“ aufkommen lässt. Aber auch Somervell lässt seinen zweiten Satz beginnen wie ein englisches oder irisches Volkslied. Man könnte sagen, das führt ein bisschen weg von Brahms. Aber auch wieder nicht. Denn Brahms war ja auch selbst wunderbar „durchlässig“ für allerlei folkloristische Antönungen, am auffälligsten ungarische; es hätten genau so gut auch britische sein können.

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erstellt am 16.8.2015

Johannes Brahms Foto mit Signatur, 1889

Hermann Goetz
Klavierquintett op.16 + Klavierquartett op. 6
Oliver Triendl, Marina Chiche, Peijun Xu, Niklas Schmidt, Matthias Beltinger
TXA 15061

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Arthur Somervell, Samuel Coleridge-Taylor, Richard Walthew
Britische Klarinettenquintette
Stefan Siegenthaler, Leipziger Streichquartett
cpo 777 905-2

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