Dass er als Kirchenarchitekt bekannt war, ist beinahe vergessen. Dass er, zusammen mit dem Stadtbaurat Ernst May, zu den prägenden Architekten des ‚Neuen Frankfurt’ gehörte, noch nicht. Martin Elsaesser hat Gebäude entworfen, die selbst im neuesten Frankfurt Aufmerksamkeit erregen, nicht zuletzt die ehemalige Großmarkthalle. Petra Kammann schreibt über einen kurzen, aber bedeutenden Abschnitt der Architekturgeschichte.

Architektonisches Erbe

Martin Elsaesser: Akteur der »neuen Sachlichkeit«

Von Petra Kammann

Das schillernde neue Gebäude der Europäischen Zentralbank von Coop Himmel(b)lau hat trotz mancher Kritik wegen des Einschnitts durch den schrägen Turm in die frühere Frankfurter Großmarkthalle noch einmal in besonderer Weise die von Martin Elsaesser geschaffene Architektur der ehemaligen Großmarkthalle in den Fokus gerückt. Im Herbst 2015 wird zudem in der EZB-Halle ein Modell der intakten früheren „Gemieskirch“, wie die Frankfurter sie liebevoll nannten, ausgestellt werden.

In diesem Jahr haben Besucher nicht nur Gelegenheit, die durch die EZB renovierte Halle von außen zu sehen, sondern sie können sich auch die ursprüngliche Architektur Martin Elsaessers (1884-1957) anhand der eindrucksvollen Außen- und Innenaufnahmen des Frankfurter Fotografen Walter Vorjohann vor Augen führen, und zwar in der Ausstellung „Die Frankfurter Großmarkthalle – Ort der Abwesenheit“, welche das Institut für Stadtgeschichte im Karmeliterkloster organisiert hat. Vorjohanns Fotos zeigen die leere Halle „besenrein“, so wie sie, bevor der Umbau begann, übergeben wurde, und in all ihrer großen Klarheit.

Großmarkthalle von Martin Elsaesser
Großmarkthalle von Martin Elsaesser

Insbesondere die Frontalansicht der ausgedehnten – 220 Meter langen, 60 Meter tiefen und 23 Meter hohen – Halle mit den querliegenden Fenstern und den elegant aneinandergereihten Tonnengewölben mit ihren beiden Seitenflügeln zeigt die Schönheit und Funktionalität der architektonischen Gesamtstruktur dieses markanten Gebäudes von Martin Elsaesser. Der monumentale Bau, entstanden aus der Verbindung von moderner Skelettbauweise und traditionellem Backstein, spiegelt die vorbildliche Nutzarchitektur der 1920er Jahre, die zudem von den Händlern der einstigen „Gemieskirch“ wegen des hervorragenden Innenklimas gerühmt wurde.

Und sie war eines der Flaggschiffe des ‚Neuen Frankfurt‘, des Stadtplanungsprogramms, das in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts für die Entwicklung der Stadt Frankfurt und für ihre Ausstrahlung von weitreichender Bedeutung war. Hier wurde nicht nur der Wohnungsnot abgeholfen. In wenigen Jahren entstand hier eine Pionierleistung in Sachen Stadterweiterung, die ihresgleichen sucht, mit vielen Grünflächen zwischen den Trabanten, zugeschnitten auf menschliche Bedürfnisse nach Luft, Licht und Sonne.

Der in Tübingen geborene Architekt Martin Elsaesser war von 1920 bis 1925 Leitender Direktor der renommierten Kunstgewerbeschule in Köln, bevor er 1925 neben dem Stadtbaurat Ernst May vom Frankfurter Bürgermeister Ludwig Landmann nach Frankfurt berufen wurde. Als Stadtbaudirektor hat er von 1925 bis 1932 an maßgeblichen Bauten des ‚Neuen Frankfurt‘ mitgewirkt. Neben dem Entwurf der Frankfurter Großmarkthalle galt seine Aufmerksamkeit Schulen, Kirchen und anderen öffentlichen Gebäuden. ‚Sachlichkeit‘, ‚Zweckhaftigkeit‘ und ‚Moderner Zweckstil‘ wurden hier zusammen mit den ersten Ansätzen eines ‚Industrial Design‘ für eine breitere Öffentlichkeit Wirklichkeit. Die ‚Neue Sachlichkeit‘ endete in Deutschland dann schlagartig mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und deren Kulturpolitik, die nicht nur den Weggang Ernst Mays, sondern auch Martin Elsaessers zur Folge hatte und auch zur Schließung des Bauhauses führte. Das Experiment Moderne war damit erst einmal beendet.

Als künstlerischer Leiter des Hochbauamts zwischen 1925 und 1932 war Martin Elsaesser für die kommunalen Großbauten Frankfurts zuständig und damit maßgeblich an der Gestaltung des von Oberbürgermeister Ludwig Landmann initiierten ‚Neuen Frankfurt‘ beteiligt, plante er doch zahlreiche Bauten, von denen zehn realisiert wurden. Mit Ausnahme der Großmarkthalle (1928) sind heute jedoch etliche der Gebäude in der öffentlichen Wahrnehmung längst nicht so präsent, wie sie es sein könnten. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit galt meist den zeitgleich entstandenen Bauhaus-Bauten in Dessau und Weimar, der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung oder den Bauten Bruno Tauts in Berlin.

In Frankfurt wird Elsaessers Handschrift sichtbar in kommunalen Schulbauten wie etwa der heutigen Pestalozzi-Schule (1927) und der Holzhausenschule (1929), an seinem eigenen Wohnhaus in Ginnheim (1926), in dem heute – nach vorbildlicher Restaurierung – das Schweizer Generalkonsulat residiert, am Fechenheimer Hallenschwimmbad Frankfurt Ost (1928), an der Gustav-Adolf-Kirche in Niederursel (1928), am Umbau des Gesellschaftshauses Palmengarten (1930), das durch die jüngste Renovierung nun wieder eine größere Aufmerksamkeit bekommen hat. All diese Bauten zeigen eindrücklich das breite Spektrum von Bauaufgaben, denen sich Elsaesser in seiner Frankfurter Dienstzeit widmete. Dazu zählen auch die ehemalige „Nervenklinik“ und die Direktorenvilla auf dem Gelände der Frankfurter Universitätsklinik in der Heinrich-Hoffmann-Str. 2a (von 1930).

2010 hat das Architekturmuseum mit seiner Ausstellung „Martin Elsaesser und das Neue Frankfurt“ dessen bekanntes und unbekanntes Erbe anhand von Plänen, Texten, Modellen, einem Dokumentarfilm sowie historischen und aktuellen Fotografien gewürdigt und ihn als einen Baumeister vorgestellt, der modernste Bauweisen mit traditionellen Bezügen verwob. Außerdem informierte sie über Martin Elsaesser als (Familien-)Mensch, Architekt und Lehrer sowie über sein Wirken nach seiner Frankfurter Zeit.

Sicher war dies auch ein Verdienst der Martin-Elsaesser-Stiftung, die 2009, ein Jahr zuvor also, gegründet worden war. Für sie machen sich nicht nur der in Frankfurt lebende Großneffe Dr. Konrad Elsässer stark, sondern auch etliche renommierte Architekten, allen voran Christoph Mäckler, der für die Auslobung einer nach Martin Elsaesser benannten Plakette durch den BDA-Hessen eintrat und Elsaesser so ein Denkmal setzte.

Das Engagement der Stiftung trägt Früchte: Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass kürzlich im Ostend der neu gestaltete, rund 400 Quadratmeter große, dreieckige Martin-Elsaesser-Platz zwischen Sonnemannstraße und Oskar-von-Miller-Straße eingeweiht werden konnte, um an den Architekten der ehemaligen Großmarkthalle auf dem Gelände der EZB zu erinnern. „Dieser herausragende frühere städtische Mitarbeiter wird nun nicht nur als Namensgeber des Platzes gewürdigt, sondern hier werden auch das bauliche und künstlerische Erbe sichtbar gemacht, das er in Frankfurt hinterlassen hat“, sagte Bürgermeister Cunitz anlässlich der Einweihung. „Elsaessers Bauwerke werden eindringlich thematisiert und ihr Verhältnis zum Stadtgebiet Frankfurt herausgehoben.“

Die Stiftung fühlt sich dem „ideellen und baulichen Erbe Martin Elsaessers verpflichtet“ und möchte einen „nachhaltigen Beitrag zur Erforschung sozial verantwortungsvoller Architektur leisten“. Außerdem setzt sie sich für einen der Umwelt verbundenen, geschichtsbewussten Umgang mit Architektur ein. Mit anderen Worten: Die Stiftung ist „keine Erbengemeinschaft, die Rechte einfordert, sondern sie will ihr Augenmerk auf zukünftige Arbeit und Aufgaben richten“ und betrachtet die „ideelle Nachlassenschaft als gleichermaßen wichtig wie die physische Erhaltung der von Martin Elsaesser entworfenen Bauten“, was ihre Reputation in der Architektenschaft erhöht. Abgesehen von seinen Beiträgen zum ‚Neuen Frankfurt‘ war Elsaesser schließlich als Architekt und Lehrer in Stuttgart und Tübingen, Köln und Frankfurt, Hamburg und München, in Ankara und später viele Jahre in Berlin tätig, bevor er wieder nach Stuttgart zurückkehrte.

Nun geht es der Stiftung darum, auf die noch bestehenden Gebäude Elsaessers in Frankfurt hinzuweisen und sie als Zeugnisse des ‚Neuen Frankfurt‘ der Öffentlichkeit zu erhalten, wie zum Beispiel die Direktorenvilla der Psychiatrischen Klinik, ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude im „Frankfurter Bauhaus-Stil“, das in den Jahren von 1929 bis 1931 vom Architekten Martin Elsaesser erbaut worden ist – ein ebenbürtiges Pendant zur Privatvilla Ernst Mays, die leider heute nicht mehr öffentlich zugängig ist.

Das drei Vollgeschosse (Erdgeschoss, erstes und zweites Obergeschoss) sowie Keller- und Dachgeschoss umfassende Gebäude diente als Residenz des Direktors der Psychiatrie, später, als dessen Residenzpflicht aufgehoben war, entstanden daraus Mietwohnungen für leitendes ärztliches Personal. Angesichts der bauhistorischen Bedeutung und der hohen architektonischen Qualität des denkmalgeschützten Elsaesser-Baus ist es wichtig, dass die vorgesehenen Umbaumaßnahmen den für seine Zeit richtungweisenden Charakter wahren.

Doch das Universitätsklinikum plant, in der Direktorenvilla die Tiergehirnsammlung des Edinger-Instituts einzurichten. Schon Mitte Juli sollte mit dem Umbau begonnen werden, aber der ist zunächst einmal gestoppt. Vielleicht hat der Protest so renommierter Architekten wie Christoph Mäckler, Till Schneider von schneider + schumacher, Marie-Theres Deutsch und anderer, der beiden Vorsitzenden des BDA (Bund Deutscher Architekten) sowie des Vorsitzenden der ernst-may-gesellschaft und des Leiters des Architekturmuseums ja dazu beigetragen, das Vorhaben noch einmal zu überdenken? Die Tiergehirne jedenfalls müssen nicht zwangsläufig in einer Ikone des ‚Neuen Frankfurt‘ untergebracht sein.

Einige der Details der Architektur des ‚Neuen Frankfurt‘ sind aus der Direktorenvilla leider schon verschwunden, wie beispielsweise die „Frankfurter Küche“ von Margarete Schütte-Lihotzky. Andere wie die ursprünglichen Treppengeländer sind noch erhalten, während der Musiksalon inzwischen bereits auf ein Drittel geschrumpft ist.

Das Gebäude, das sich im Besitz der öffentlichen Hand, sprich des Landes Hessen, befindet, wäre nach jahrelangem Leerstand noch zu retten, es wäre eine Chance für Frankfurt. Hier könnte ein Konzept erarbeitet werden, das die Direktorenvilla in ihrer Bedeutung als herausragendes Beispiel des ‚Neuen Frankfurt‘ zugänglich macht. Was spricht dagegen, dass dieses Bauwerk als künftiger Sitz der Elsaesser-Stiftung dient und nebst Ausstellungsräumen für das ‚Neue Frankfurt‘ auch die ernst-may-gesellschaft beherbergt? Die Erhaltung dieses Meisterhauses des ‚Neuen Frankfurt‘ wäre nicht zuletzt ein Aushängeschild für das Land Hessen. Es könnte sich neben der ‚Weltmarke Bauhaus‘ im Jubiläumsjahr des Bauhauses durchaus sehen lassen.

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erstellt am 13.8.2015

EZB mit integrierter Großmarkthalle Fotos: Alexander Paul Englert

Die Frankfurter Großmarkthalle vor dem Umbau Fotos: Peter Loewy

Die Frankfurter Großmarkthalle vor dem Umbau, Foto: Peter Loewy
Die Frankfurter Großmarkthalle vor dem Umbau, Foto: Peter Loewy
Die Frankfurter Großmarkthalle vor dem Umbau, Foto: Peter Loewy
Die Frankfurter Großmarkthalle vor dem Umbau, Foto: Peter Loewy

Frankfurter Großmarkthalle from Oliver Bechmann on Vimeo.

Direktorenvilla von Martin Elsaesser

Direktorenvilla von Martin Elsaesser, historisches Foto
Historisches Foto
Direktorenvilla heute
Direktorenvilla von Martin Elsaesser heute