Die Schirn Kunsthalle stellt ihre gesamten Räume dem amerikanischen Filmkünstler Doug Aitken zur Verfügung. Isa Bickmann hat die Frankfurter Ausstellung besucht und sie mit einem Ohrwurm verlassen.

Doug Aitken in Frankfurt

Nur Augen für Dich …

Von Isa Bickmann

Are the stars out tonight?
I don’t know if it’s cloudy or bright
’Cause I only have eyes for you, dear.
The moon may be high,
but I can’t see a thing in the sky
’Cause I only have eyes for you.
I don’t know if we’re in a garden, Or on a crowded avenue.
You are here, so am I,
Maybe millions of people go by,
But they all disappear from view,
And I only have eyes for you …

Leider kann man heutzutage Filmklassiker wie den 1934 gedrehten Busby-Berkeley-Musikfilm „Dames“ mit Dick Powell und Ruby Keeler in den Hauptrollen nur noch in Filmmuseen oder höchstens im TV-Nachtprogramm erleben. Powell singt dort das Lied „I only have Eyes for you“. Dazu schuf Berkeley eines seiner grandiosen kaleidoskopartigen Ballette. Das Gesicht Ruby Keelers, in dutzendfacher Vervielfältigung, und die Körper der Tänzerinnen werden zu kunstvollen ornamentalen Arrangements auf der Kinoleinwand. Berkeleys Verdienst war es, die Kamera zu befreien und sie zum Teil der Choreografie zu machen.
Das eingängige „I Only Have Eyes for You“ gehört zu den am häufigsten gecoverten Songs, berühmt sind besonders die 59er Version der Flamingos, Art Garfunkels Variante von 1975 und Becks Umsetzung aus dem Jahre 2012 für den amerikanischen Künstler Doug Aitken (* 1968), der das Lied in den Mittelpunkt einer Videoinstallation stellte. Sie wurde auf die zylinderförmige 220-Meter-Fassade des Washingtoner Hirshhorn Museums projiziert. Nun ist sie im kleineren Maßstab in der Schirn Kunsthalle zu sehen. Für Frankfurt erweiterte Aitken die ursprünglich für den Außenraum geschaffene konvexe Projektionsfläche durch die Möglichkeit, in den Innenraum zu treten und sich auf 360 Grad von den Bildern umfangen zu lassen. Das funktioniert gut und spricht besonders ein jüngeres Publikum an, das entspannt im Inneren des Projektionszylinders sitzt oder liegt.

SONG 1 heißt Aitkens Werk. Soll also noch ein SONG 2 folgen? Oder mag man gar an Albrechts Dürers verrätselten Titel „Melencolia“ denken, der auch mit einer Eins verbunden ist (wofür kein Kunsthistoriker je eine überzeugende Erklärung fand)? Oder ist es der wichtigste Song, der oberste und erste überhaupt? Mehrfach wird in den Berichten und Besprechungen zu Aitkens Schau in der Schirn auf den o.g. Film von 1934 hingewiesen, für den das Lied ursprünglich geschrieben worden ist. Auch auf seine choreografische Illustration, deren Nachhall man in wenigen grafischen Sequenzen bei Aitkens zu spüren glaubt. Das nunmehr 81-jährige Lied schafft eine emotionale Grundstimmung, die bei Aitkens, bei dem kein Ton, keine Melodie, keine Bildelement ohne Grund eingebunden werden, so etwas wie Handschrift ist. Die Emotionalität des Musikstücks ist tragendes und die Sequenzen verbindendes Element – und das auch in Reminiszenz an die erste filmische Umsetzung des Songs. Powell singt Keeler auf der Fähre vor der in Nebel gehüllten Skyline New Yorks dieses Lied, anwesende Paare lassen sich von der romantischen Stimmung anstecken und lächeln sich in Zuneigung an. Von der Welt isoliert wirken dagegen die Autofahrer bei Aitkens, die das Lied vor sich hin singend einsam durch die nächtlichen Straßen fahren.

Dominic Eichler beschreibt im Katalog zu Recht, dass wir bei „SONG 1“ nicht das Happy End eines sich glücklich liebenden Paares sehen. Wir sehen „Auftritte“ von Menschen, die für sich sind, und manchmal blicken sie uns, die Betrachter, an. Manchmal sind die Lippen nicht synchron, manchmal singt ein Mann, und eine Frau bewegt die Lippen dazu. Mitunter wirken die Bilder bloß wie eine Illustration dessen, was die Musik vorgibt. Doch es sind perfekte Bilder und immer wieder mit einem Déjà-vu versehen: ein Autoballett à la Matthew Barney. Man mag auch an Björk denken, singend in der Fabrik, die sich als Arbeiterin in dem Film „Dancer in the Dark“ in eine Musical-Traumwelt hineinversetzt hat. Die Filmgeschichte ist stark präsent. Wir sind durch unsere lebenslange Erfahrung mit der Bildsprache Hollywoods, wie Kameraführung und Bildanschlüssen, vertraut. Und zeitweilig wird einem schwindelig. Der Fußboden der Schirn scheint zu schwanken, wenn sich um einen herum von den sechs Kanälen die Bilder bewegen, von einem Siebtel der Projektionsfläche des Zylinders in das nächste. Darüber hinaus nutzt der Künstler auch die visuellen Codes der MTV-Generation, denn Musikvideos hat Aitken in den Neunzigern für zahlreiche Musiker (von Iggy Pop bis Fatboy Slim) gedreht.
Sequenzen wechseln sich ab, die Erzählung ist wie oft bei Aitken nichtlinear. Wir sehen ein altes Tonbandgerät, hören das mehrstimmige Doo-Wop der Flamingos, heftigen Rhythmus der Drums und kaleidoskopartige Muster, die an den Musicalfilm erinnern. Das visuelle Schauspiel wird von der Musik angetrieben. Dann erscheinen Schwarz-Weiß-Szenen, unterlegt von der tänzelnden Klaviermusik der frühen dreißiger Jahre, eine weitere Reminiszenz an Berkeley.
Auf den ursprünglichen Ausstellungsort Washington anspielend schreibt Dominic Eichler: „Anstatt sich einfach einzufügen, kreisen Aitkens Bilder um eine Gruppe von Menschen, die an alltäglichen, um der Betonung willen filmisch vergrößerten Schauplätzen das Epizentrum der Macht [i.e. Washington] um sich herum ansingen. Damit gibt er eine deutliche, in ihrem Wesen zutiefst demokratische Erklärung darüber ab, was Kunst in seinen Augen sein könnte und für wen sie gemacht ist.“ Doch es ist mehr als das: Es ist auch die Beobachtung des Einzelnen in seiner Einsamkeit und seiner Sehnsucht. Und wir als in der Betrachtung für uns allein sitzende Zuschauer blicken auf unsere einsamen Gegenüber. Der Verlorenheit und auch Selbstvergessenheit, die sich über diese Menschen vermittelt, begegnen wir als Betrachter, während unser empathisches Empfinden von einem „I Only Have Eyes for You“ begleitet wird. Ja, wir haben im Ausstellungsraum gerade jetzt ausschließlich Augen für diese Menschen, wir sind ja umfangen von diesen Bildern und können nicht entweichen, solange wir uns in der Projektionsrotunde aufhalten oder das Lied hören.

Das schwülstig-schöne Musikthema summt noch im Kopf und ist von Ferne noch zu hören, wenn man dann einen Raum der Skulpturen Aitkens betritt, deren spiegelnde Elemente dominieren, was Joseph Akel im Katalog charakterisiert: „Für Aitken sind seine verspiegelten Arbeiten sehr stark mit seinem Filmschaffen verbunden und stellen das vielleicht reinste Destillat seines Bestrebens dar, Kontakt zum Publikum aufzunehmen.“ Diese Skulpturen sind jedenfalls leicht lesbar. Zudem stellen sich visuelle Effekte ein durch z.B. gebrochene Spiegelflächen, Beleuchtung und Schrift. Nun, die Einbeziehung von Spiegeln und Licht ist zweifellos geschickt, denn so etwas ist wirksam (auch im Hinblick auf den Kunsthandel, der Objekte dieser Art in der Regel gut verkauft). Spiegel beinhalten das Filmische, weil sie Bewegung reflektieren.
Doch die Skulpturen wirken seltsam kühl, das Einnehmende der Filmsprache Aitkens fehlt ihnen. Der Ton fehlt. Sie reflektieren nicht das Skulpturale im Raum, sondern geben eher den Begriff „Still“ wieder, der im Film das Festhalten eines Bildes, einer Kameraeinstellung bedeutet, wenn z.B. Tagebau in die Silhouette eines Flugzeugkörpers im „Earth Plane“ oder der Himmel im „Cloud Plane“ eingebunden wurden.

Die 13-minütige Drei-Kanal-Installation „Black Mirror“ (2011) bringt dann aber das Spiegelthema in eine schlüssige Verbindung mit einer Drei-Kanal-Projektion in einem schwarz verspiegelten Raum. Schwarze Spiegel erinnern an glänzende Displays von iPhones oder Computerbildschirmen. Thema ist das moderne Nomadentum, was auch methodisch umgesetzt worden ist, da bei der Produktion an jedem Tag ein anderer Drehort aufzusuchen war. Die amerikanische Schauspielerin Chloë Sevigny stellt die Hauptfigur dar. Der Zweck und Sinn ihres Herumreisens wird nicht deutlich. Sie erscheint seltsam losgelöst von Raum und Zeit, die Beliebigkeit dessen zählt sie im Film auf. Sie spricht zu uns von ihrem Leben: „check in, check out, check in, check out …“ Wir sehen eine Figur, die sich nach Stillstand zu sehnen scheint, doch in permanenter Bewegung bleibt. Halt gibt das Telefon wie ein Draht zu irgendwas oder irgendwem: Wir erfahren es nicht. Die Einsamkeit ist Teil des modernen Vernetzseins. Ist das ein Spiegel unseres Lebens? Sie sagt:

„The idea is simple: never stagnate, never stop, never exchange. Connect and move on!“

Auch in „Black Mirror“ ist die Musik enorm wichtig, sie holt uns in Stimmungen herein. Mit der Musik, den Bildern und der Mischung von Fiktion und Realität (wie in der bühnenartigen Szene mit Pool-Dance-Ballett) ergibt sich ein Ganzes, in dem Martin Herbert in seinem dichten Katalogbeitrag eine „verwirrend bunte[n] Mischung von Reizen“ sieht. Viele Fragen gehen einem im Kopf herum. Erneut hört man die Flamingos singen, als müssten wir an „Song 1“ erinnert werden (der eigentlich ein Jahr später entstand). In einem frühen Interview sagte Aitken: „I hope to bring the viewer towards something a bit more intagible, providing the viewer with a sense of discovery and questioning. I am interested in making work without boundaries.“ (Interview mit Francesco Bonami, in: Flash Art, Mai-Juni 1998, S. 82)

In „migration (empire)“ von 2008 kann man auf drei hintereinander stehenden Billboard-Wänden wilde Tiere wie Bison, Fuchs, Reh, Kaninchen, Biber, Puma, Adler, Rentier, Uhu und zwei weiße Pfaue dabei beobachten, wie sie unberührte Hotelzimmer erkunden. Das Pferd sieht einen Artgenossen im Fernseher, der Biber badet, das Reh räumt eine Minibar aus, der Uhu stolziert zwischen in Zeitlupe wirbelnden Bettfedern. Das ist reizvoll und bannt den Blick, vor allem, wenn man gerne Wildtieren zuschaut, hätte man dabei nicht die ganze Zeit die Filmaufnahmen von Joseph Beuys im Kopf, wie er 1974 mit einem Koyoten in der New Yorker Galerie von René Block die Performance „I like America and America likes Me“ ausführte, also ein Wildtier in einen Zivilisationsraum brachte. Doch es wird klar, dass Aitken völlig andere Inhalte vermittelt. April Lamm legt diese in ihrem Katalogbeitrag dar: „Letztlich ist es ein Film über das Sehen, über das Bezeugen und über die nachempfundene Erfahrung eines jungfräulichen Blicks, die jungfräuliche Erfahrung eines Tieres, das einen Boxenstopp [damit ist die Einkehr in Motel- und Hotelzimmer gemeint, die Verf.] der menschlichen Migration betritt.“

Eine frühere Arbeit, „diamond sea“ von 1997 machte Aitken bekannt. Auch sie ist in der Schirn zu sehen und gibt der Ausstellung fast einen retrospektiven Charakter. Sie ist seine erste Mehrkanalinstallation mit Film, für ihn nach eigener Auskunft ein zentrales Werk und verhandelt eine filmische Reflexion über ein Niemandsland, ein Sperrgebiet in der Wüste Namib, ehemaliges deutsches Kolonialgebiet und Diamantenabbaugelände. Das sind die Fakten, doch die Bilder zeigen eine menschenleere Landschaft als Protagonisten einer nichtlinearen Erzählung über Destruktion, Unberührtheit und Zurückeroberung von Landschaft durch die Natur in aller Vielschichtigkeit und im dialogischen Spiel mit dem Betrachter.

Doug Aitkens Kunst ist monumental, sie benötigt Raum. Im Kleinformat macht der Künstler es nicht. Da passt es nun, dass die Schirn Kunsthalle den publikumsarmen Sommer über mit einer einzigen Einzelausstellung überdauert und damit – erfreulicherweise – viele jüngere Besucher anlocken kann. Um alle fünf Filminstallationen und die Skulpturen zu sehen, benötigt man etwa zwei Stunden.
Beim Verlassen der Kunsthalle kommt man dann erneut an Aitkens Außeninstallation „Sonic Fountain II“ vorbei, die einen bereits vor dem Betreten des Schirnfoyers in eine fast meditative Stimmung brachte. Es handelt sich um einen runden Teich, aufgeschüttet wie eine Landart-Skulptur mit Toninstallation und einem Pumpsystem versehen. Doch jetzt ist man eher bereit, dem Tröpfeln der weißlichen Flüssigkeit zuzusehen und den Einzeltönen und Tonfolgen, die keine Melodie schreiben, zu lauschen, um diesen Ohrwurm, der einen seit SONG 1 verfolgt, wieder loszuwerden. Der inspirierende Text zu diesem Werk von Jörg Heiser im ausstellungsbegleitenden Katalog sei an dieser Stelle besonders empfohlen.

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erstellt am 11.8.2015

Doug Aitken

Doug Aitken © Graeme Mitchell/Redux/laif

Ausstellung in Frankfurt

Doug Aitken

9. Juli bis 27. September 2015

Schirn Kunsthalle

Dreiminütiges Extrakt aus SONG 1
© Doug Aitken Workshop

Doug Aitken, SONG 1, 2012
Courtesy Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Smithsonian Institution; 303 Gallery, New York; Galerie Eva Presenhuber, Zurich; Victoria Miro Gallery, London; and Regen Projects, Los Angeles. Commissioned, with generous production support, by the Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Smithsonian Institution. Foto © Frederick Charles

Doug Aitken, SONG 1, 2012/2015
Sechs-Kanal-Videoprojektion, sieben Projektionen auf 360 Grad-Leinwand (Aluminium, PVC) 34:44 Min. Loop, Farbe, Ton Maße variabel Auflage ¼, Courtesy the artist; 303 Gallery, New York; Galerie Eva Presenhuber, Zürich; Victoria Miro Gallery, London; Regen Projects, Los Angeles Film Still © Doug Aitken

Doug Aitken, Earth Plane, 2015
Aluminum-Leuchtkasten, LED-Leuchten, Fotodruck auf Acryl 238.8 × 224.2 × 17.8 cm Auflage 2/4 Courtesy the artist; 303 Gallery, New York; Galerie Eva Presenhuber, Zurich; Victoria Miro Gallery, London; Regen Projects, Los Angeles Foto © Jeff Mclane

Doug Aitken, Ausstellungsansicht von Black Mirror, 2011
© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2015. Foto: Norbert Miguletz

Doug Aitken, Ausstellungsansicht migration (empire), 2008
© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2015. Foto: Norbert Miguletz

Doug Aitken, Ausstellungsansicht von diamond sea, 1997
© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2015. Foto: Norbert Miguletz

Interview Doug Aitken von Peter Schiering (ZDF, Aspekte, veröff. 10.7.2015)