Das Thema „Kindheit“ hat Zsuzsa Bánk nicht losgelassen. Auch in ihrem neuen Roman „Die hellen Tage“ betrachtet sie die Welt zunächst auf eine Art, wie Kinder ihre Umgebung wahrnehmen: frei und unvoreingenommen. Ausgangspunkt ihrer Erzählung ist Kirchblüt, ein wohl geordnetes Dorf nahe Heidelberg, in dem eine aus Ungarn geflohene Artistenfamilie in den 60er Jahren eine neue Heimat sucht.
Faszination und Irritation, die von diesen Neuankömmlingen ausgehen, hat Zsuzsa Bánk in ihrem Roman eingefangen. In dem für die Autorin charakteristischen, „schwebenden“ Ton erzählt sie die Beziehungsgeschichte von drei Kindern und drei Müttern, begleitet deren Erwachsen- bzw. Älter-Werden über drei Jahrzehnte hinweg. Vorurteile, Fremdheit, Lügen und Enthüllungen belasten diesen Weg und verleihen der umfangreichen Erzählung eine spannungsreiche und trotz der Bürden zuversichtliche Dynamik.

Kurz vor dem Erscheinen des Romans spricht Zsuzsa Bank mit Faust über ihren besonderen Erzählton, weibliche Urbilder, Dreiecksbeziehungen und die Zeit der 60er Jahre.

Faust-Interview

Dynamik des Dreiecks

„Die hellen Tage“ von Zsuzsa Bánk

Sie sind in Frankfurt geboren und aufgewachsen, leben noch heute in dieser nüchternen Großstadt. In ihren beiden Romanen ist ein Erzählton spürbar, der nicht von dieser Umgebung gespeist zu sein scheint und oft als „schwebend“ oder „märchenhaft“ beschrieben wird. Warum wählen sie diese Tonlage?

Ich weiß nicht, was mit diesem märchenhaften Ton gemeint ist. Natürlich tauchen keine Computer auf, keine Handys und kein Fernseher. Vielleicht wirken die Welt und die Figuren archaisch, aber es geht eher um etwas Fernes, etwas Verlorengegangenes. Es passieren keine märchenhaften Dinge, niemand wird verzaubert, die Tiere können nicht reden und auch Hexen tauchen nicht auf. Es passieren Dinge, die im wirklichen Leben geschehen können, auch die Figuren könnten real sein.

Trotzdem möchte ich gern dem vermeintlich Märchenhaften auf die Spur kommen. Sie verbinden die Erzählung von Anfang an mit Bildern aus der Zirkuswelt. Die Tochter der Artistenfamilie Aja und ihre Freundin, die Ich-Erzählerin, haben ein besonderes Abschiedsritual: sie geben sich nicht die Hand sondern schlagen kunstvoll ein Rad. Auch Ajas Mutter Évi verhält sich auf diese Weise rätselhaft und faszinierend. Sie ist eine der wichtigsten Personen des Romans und hat früher als Zirkusartistin gearbeitet. Das Haus, in dem sie leben wirkt fremd und wie magisch aufgeladen. Ähnlich wie im Märchen hat Évi besondere Gaben, kann Menschen aus einer seelischen Starre befreien. Warum geben sie dieser Figur und den mit ihr verbundenen menschlichen Beziehungen diese besondere Markierung?

Die Menschen sind in Kirchblüt wie in einer Art Schicksalsgemeinschaft aufeinander angewiesen. Unter anderen Umständen müssten sie nicht zusammen finden, hier halten sie zusammen, um die Zumutungen des Lebens besser aushalten zu können. Die Mütter, die sich am Anfang nichts zu sagen haben und auf Distanz bleiben, bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Plötzlich geschehen Dinge, die es ihnen möglich machen, den anderen zu sehen, wie er wirklich ist. Die drei alleinstehenden Frauen erkennen, dass sie es gemeinsam besser aushalten können.

Nehmen Sie in der Art, wie die Menschen zueinander Abstand halten, auch kritischen Bezug zu der heutigen Gesellschaft, halten Sie der Gegenwart einen Spiegel vor?

Die Geschichte spielt in den 60iger Jahren, Frauen haben sich damals nicht so selbstverständlich aufeinander zubewegt wie heute. Jetzt setzt man ein Kind in die Welt und hat zwei Monate später hundert neue Freundinnen, man bildet sofort eine Gemeinschaft, hilft einander. Ich glaube, dass es in den 60iger Jahren nicht so war, ich glaube, dass meine Mutter und die Frauen, die sie umgeben haben, auf ihre Art sehr allein ihr Leben bestritten haben. Es war also typisch, reserviert zu sein und nur in den eigenen vier Wänden zu leben. Kirchblüt, das ist natürlich spießig, traditionsgebunden, Évi bricht dort ein wie ein Fremdkörper.

Évis Welt, mit ihren schiefen Wänden und schleifenden Türen wirkt wie ein wohltuender Gegenentwurf zum starr geordneten Kirchblüt. Kennen sie den Kontrast aus ihrer eigenen, durch ungarische Einflüsse geprägten Kindheit, woher kommt die Inspiration zu diesen Bildern?

Nein , nein, ich schreibe über Menschen, die in meinem wirklichen Leben nicht existieren, ich denke sie mir aus, es sind Menschen, mit denen ich gerne Zeit in meinem Kopf verbringe. Das ist weniger dem Migrationshintergrund geschuldet, Évi ist eine rundum unabhängige und freie Person, und es ist völlig egal, wo sie lebt und was sie tut. Das sind Äußerlichkeiten, es spielt keine Rolle, ob sie Zirkusartistin war, für mich ist sie völlig ungebunden, sie könnte jederzeit ihre Zelte abbrechen, woanders anfangen und sich wieder genauso einrichten. Alles ist für sie ein Spaß, sie kann jederzeit ihre Rollen wechseln und ist so eher ein Symbol für absolute Unabhängigkeit. Das mag ich so an ihr. Weniger wichtig ist, dass sie Ungarin ist, das spielt eine untergeordnete Rolle, die ich ihr auch erst später angedichtet habe. Am Anfang war sie eine normale Evi ohne Akzent, eine ehemalige Zirkusartistin, die am Rande dieses kleinen Städtchens lebt. Irgendwann bekam sie noch diese ungarische Dimension dazu.

Évi ist eine anziehende Person, das ist eindeutig, aber unabhängig? Sie kann nicht lesen und schreiben, hat ihr Artistenleben hingegeben, um allein ein Kind aufzuziehen. Statt in den Süden zu ziehen, ist sie doch im kühleren Norden geblieben…

Es gelingt ihr, mit allen Situationen zurecht zu kommen. Das ist vielleicht kein Zeichen für Freiheit, aber sie hat Unabhängigkeit. Es kümmert sie nicht, was die Leute sagen. Gerade das stört am Anfang die andere Mutter, es irritiert sie nicht, dass die Stühle rostig sind, sondern, dass Évi sich um diese Dinge nicht kümmert, sie eigentlich mit ihrem Kopf immer woanders ist; wo sie ist, das weiß niemand so genau.

Ist die Figur der Évi als Gegenentwurf zu der hiesigen Welt zu verstehen?

Woher das kommt, das kann ich nicht beantworten, ich habe kein Konzept im Kopf, dass ich sage, ich sehe die Gesellschaft so, deswegen möchte ich eine Gegenfigur entwickeln, die genau das Gegenteil versinnbildlicht. Ich schreibe keine Konzeptkunst, es ist eine intuitive Geschichte, die sich in meinem Kopf abspielt. Ich beginne mit dem ersten Satz und dann häkle ich mich durch bis zur Seite 550, ich folge keinerlei Konzept, nur die Figuren sind sehr schnell in meiner Vorstellung lebendig.

Wie sehen sie Évis Tochter Aja?

Ihr strenges Verhalten passt in die Logik der Figur: sie ist anders als Évi, sie ist hart, geht ihren Weg sehr zielstrebig und ehrgeizig. In der Schule ist sie die Klassenbeste, schon als Kind weiß sie, dass sie Ärztin werden will. In der Dreierkonstellation ist sie die Unabhängigste und Härteste.

Im Beziehungsgeflecht der Figuren wird in Ihrem Roman „Die hellen Tage“ immer wieder auf die Dreieckskonstellation verwiesen. Zu dritt entsteht Stabilität. Diese Verknüpfung überrascht. Ein dreibeiniger Schemel ist wackeliger als ein vierbeiniger Stuhl. Wieso haben sie dem Dreieck diese Stabilität suggerierende Funktion gegeben?

Das Dreieck ist ja eigentlich die instabilste Form. Einer springt immer ab, es bleiben vielleicht zwei oder keiner. Hier aber funktioniert es, auf das Dreieck zurückgeworfen zu sein. In den 60er Jahren waren Dreiecksfamilien nicht so üblich, heute gehören Dreiecksfamilien zur Normalität. Damals hatte man mehr als ein Kind, Einzelkinder waren noch die absolute Ausnahme, das macht die drei Familien zu Randfamilien. Mich haben nur diese konzentrierten Beziehungen interessiert, die anderen Bewohner Kirchblüts sind nur Hintergrund, eine Folie.

Der zeitpolitische Kontext der Geschichte ist weitestgehend ausgeblendet. Es gibt zwar die historischen Eckdaten, 1956 der Ungarnaufstand und 1989 der Ansturm auf die Prager Botschaft, Évi erhält einen deutschen und später auch wieder einen ungarischen Pass. Aber das ist, wie sie sagen, nur eine Folie und spielt für das Geschehen im Roman keine Rolle.

Man kann die Zeit spüren durch die Kleider, die Autos und das Transistorradio. Aber kein Bundeskanzler ist in einer Radiosendung zu hören, die 68er Studentenbewegung wird nicht erwähnt. Kirchblüt ist aus der Welt gefallen, der historische Kontext dringt nur aus der Ferne durch, man weiß, um welche Zeit es geht.

Und in dieser Zeit hat Sie vor allem die Haltung der Frauen interessiert, die als Alleinerziehende selbstbewusst ihr Leben meistern?

Für mich sind diese drei Mütter Prototypen von Frauen. Sie tragen die urtypischen Frauennamen Eva, Maria und Ellen, also: Helene und erinnern an die Auslöserin des trojanischen Krieges, die Frau aus dem Paradies und die Mutter Gottes. Diese drei Urtypen – und ich habe das nicht bewusst gemacht – sind in den drei Müttern angesprochen, sie konnten für mich nicht anders sein: die Freie-Unabhängige, die Tüchtige, die Schöne, wie auch immer, ich würde tausend Adjektive für sie finden, aber es sind drei sich ergänzende Urbilder von Frauen.

Wie spiegeln sich diese Urbilder in der Folgegeneration wider?

Gar nicht mehr, da rückt das Geschlecht in den Hintergrund. In der nächsten Generation sind auch nicht gleichgeschlechtliche Freundschaften möglich, das war in der Muttergeneration noch nicht realistisch.

Das Faust-Gespräch führte Andrea Pollmeier

erstellt am 16.2.2011

Zsuzsa Bánk
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Screenshots aus einem VideoClip von Harald Ortlieb
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