Der Komponist Pierre Boulez wurde bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mit einer temperamentvollen Interpretation von Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich gefeiert. Bei der norwegischen Geigerin Vilde Frang war leider wenig Publikum zugegen. Ihr Konzert wurde zu einem Höhepunkt der Festspiele, berichtet Thomas Rothschild.

Von den Salzburger Festspielen 2015, Teil 2

Boulez ist 26 Euro wert

Von Thomas Rothschild

Pierre Boulez © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus
Pierre Boulez, Foto: Monika Rittershaus

So mickrig das diesjährige Angebot auf dem Gebiet des Sprechtheaters ist, so einfallslos ist das Musikprogramm. Als Gegenwartskomponist wird Pierre Boulez gefeatured – eine ebenso gute wie fantasiearme Wahl, die auch durch den Hinweis auf den 90. Geburtstag des Pioniers der Musique concrète nicht origineller wird. Wie die Salzburger Festspiele ihr Publikum einschätzen, lässt sich daran ablesen, dass sie für ein Konzert mit dem kompletten Klavierwerk dieses Klassikers der Moderne in der temperamentvollen Interpretation von Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich einen Einheitseintrittspreis von 26 Euro verlangen im Vergleich zu bis zu 115 Euro für die Konzerte von Grigory Sokolov, Arcadi Volodos, Mitsuko Uchida oder Yo-Yo Ma mit Werken von Bach, Beethoven, Brahms und Schubert. Freilich überfordert Boulez immer noch die Hörgewohnheiten und enttäuscht er die Erwartungen des durchschnittlichen Konzertpublikums, obwohl er, hört man genauer hin, stellenweise von Debussy gar nicht so weit entfernt ist.

Mit dem üblichen metaphorischen Vokabular der Musikkritik, mit dem sie sich ihrem Gegenstand synästhetisch annähert, kommt man dennoch bei ihm nicht weit. Aimard und Stefanovich fürchten nicht den snobistischen Vorwurf des Didaktischen. Sie erklären die einzelnen Stücke vom Klavier aus. Leider waren die Erläuterungen wegen der miserablen Lautsprecheranlage im Mozarteum nur bruchstückhaft zu verstehen. Bei diesem Konzert fehlte die Prominenz aus Politik und Wirtschaft, fehlte aber nicht. Die lässt sich lieber bei „Figaro“ und „Fidelio“ sehen und fotografieren. Statt Lodensmoking und Dirndl herrschte hier das gute Gehör. Mein Nachbar bat mich höflich, leiser zu atmen. Kein Witz. Das ist mir bei Mozart und Beethoven noch nie passiert. (Wie kommt es bloß, dass ich die merkwürdigsten Assoziationen habe, wenn mich jemand ganz harmlos auffordert, die Luft anzuhalten? Die biographische Prägung verlässt einen auch nicht im Konzert.)

Gustav Mahler und Anton Bruckner gehören nun schon seit Jahren zum festen Repertoire der Salzburger Festspiele wie seit deren Gründung im Jahr 1920 Mozart und Richard Strauss. 2013 wurden in Salzburg sämtliche Mahler-, 2014 sämtliche Bruckner-Symphonien aufgeführt. Auch daran anzuknüpfen bedurfte keiner allzu großen intellektuellen Anstrengung. Diesmal stehen die 1., 4., 6. und 9. Symphonie von Mahler und die 8. von Bruckner auf dem Programm.

Für Anton Bruckner holten sich die Festspiele den inzwischen 86jährigen Bernard Haitink, der hier vor drei Jahren die 9. und 2010 sowie im vergangenen Jahr die 5. Symphonie dirigiert hatte. Die 8. Symphonie hat er bereits 2007 und nun wieder dirigiert. Statt dem Concertgebouworkest Amsterdam standen ihm diesmal, wie 2010 und 2012, die Wiener Philharmoniker zur Verfügung. Das hat auch damit zu tun, dass das renommierte Orchester sich vorgenommen hat, heuer in konzentrierter Folge Werke zu spielen, die es einst uraufgeführt hat. Dazu zählt auch Bruckners Achte in der zweiten Fassung. Zwar ist das heutige Orchester nur noch dem Namen nach mit dem Uraufführungsorchester von 1892 identisch (dessen Mitglieder sind naturgemäß längst tot), aber immerhin entsteht so etwas wie ein musikalisches Geschichtsbild von den Philharmonikern. Die Geschichte ihrer Personalpolitik wurde in den vergangenen Jahren unabhängig davon diskutiert.

Mahlers Vierte zelebrierte in makelloser Präzision das Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer mit der formidablen Miah Persson, die man noch als Fiordiligi in Claus Guths Salzburger „Così fan tutte“ in bester Erinnerung hat, für den Vokalpart im vierten Satz. Was die Ungarn freilich besser können als andere Orchester ist Bartók, der in seiner Heimat gepflegt wird wie in Österreich, nun ja, Mozart, Strauss, Mahler und Bruckner. Für das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 hatten sich die Ungarn allerdings nicht einen Landsmann geholt, sondern Yefim Bronfman, der den perkussiven Bartók-Stil zur offensichtlichen Zufriedenheit der Orchestermusiker beherrscht. Vorausgegangen waren die Ungarischen Skizzen für Orchester, in denen Bartók, wie in vielen seiner Werke, seine Liebe zu und seinen produktiven Umgang mit der ungarischen Folklore demonstriert. Das ganze Ausmaß seiner Virtuosität konnte Bronfman in der Zugabe, dem dritten Satz aus Prokofjews siebter Klaviersonate zeigen. Und Miah Persson sang als Zugabe zur Mahler-Symphonie Mozarts „Laudate Dominum“, wobei ein Teil der Orchestermusiker den Chor-Part übernahm. Das Publikum jubelte.

Zu den Salzburger Stammgästen zählt Maurizio Pollini. Der mittlerweile weißhaarige Italiener behält sich manchmal bis zum Konzert die Auswahl der Komponisten und Stücke vor. Immer aber ist er für Überraschungen gut. Diesmal spielte er Drei Klavierstücke op. 11 und Sechs kleine Klavierstücke op. 19 von Arnold Schönberg, eingerahmt von drei Klaviersonaten Beethovens. Hier wie dort – keine Aufgeregtheit, kein dramatisierendes Imponiergehabe, sondern eine fast stoische Gelassenheit, der man gerne auch die eine oder andere „Schlamperei“ nachsieht. Standing Ovations sind bei Pollini die Regel. So auch in diesem Jahr. Ein Lautstärke-Messgerät hätte deutliche Unterschiede festgestellt beim Applaus für Beethoven, insbesondere die „Appassionata“, die den Schlusspunkt des Konzerts bildete, und für Schönberg. Die Zusammenstellung des Programms hatte freilich ihre Logik. Sie verwies zurück auf den verborgenen Einfluss, den Beethoven auf Schönberg ausgeübt hat. Jene aber, die am Vorabend das Klavierwerk von Boulez gehört hatten, durften die Verwandtschaft dieses Komponisten mit Schönberg erfahren.

Es bestärkt den Verdacht, dass Osteuropa in der Wahrnehmung des mitteleuropäischen Konzertbetriebs unterbelichtet ist, wenn Zoltán Kodály selten und der Rumäne George Enescu, der wie jener (und wie Bartók) auf höchst raffinierte Weise an folkloristische Themen anknüpft, so gut wie gar nicht aufgeführt wird. Die norwegische Geigerin Vilde Frang, die in den nächsten Tagen 29 wird, hat sie, zusammen mit Tschaikowski, auf das Programm ihres Konzerts „mit Freunden“ gesetzt. Und wiederum: das Publikum – das unbekannte Wesen. Für dieses Konzert der Spitzenklasse waren noch am Tag der Aufführung zahlreiche Karten in allen Preisklassen zu haben, halbe Reihen blieben unbesetzt. Woran liegt das? Traut man einer jungen Interpretin nicht die gleiche Qualität zu wie den gestandenen alten? Sind Kodály und Enescu schon zu exotisch für die Salzburger Klientel? Hat das Mozarteum gegenüber dem Großen Festspielhaus oder dem Haus für Mozart nicht genügend Sexappeal, weil man sich in der Pause hinten in dem schönen Gärtchen verstecken muss, statt sich auf der für die Karossen der Sponsoren frei gehaltenen Hofstallgasse mit der verblassten und von Rossknödeln verunzierten „Golddecke“ den Gaffern zeigen zu können?

Ginge es um Kunst: das Konzert von Vilde Frang hätte doppelt ausverkauft sein müssen. Es wurde zu einem Höhepunkt der heurigen Festspiele, und das, obwohl der junge Star darauf verzichtete, solistisch zu glänzen. Vilde Frang muss in den Cellisten Nicolas Altstaedt verliebt sein. Die Übereinstimmung in Kodálys Duo für Violine und Violoncello op. 7, insbesondere in den Pianissimi, war atemberaubend. Aber dann: bedenkt man, wie der Klang auch beim Streichsextett d-Moll op. 70 von Tschaikowski und beim Oktett C-Dur für Streicher op. 7 von Enescu wie aus einem Guss zu sein schien, muss Vilde Frang in ihr ganzes Ensemble verliebt sein.

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erstellt am 11.8.2015

Pierre-Laurent Aimard, Tamara Stefanovich © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Salzburger Festspiele

18. Juli – 30. August 2015

Zum Programm

Wiener Philharmoniker, Bernard Haitink © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Budapest Festival Orchestra: Iván Fischer, Miah Persson © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Maurizio Pollini © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Vilde Frang & Friends © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli