Was bedeutet „Deutschsein” heute, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Vier Autoren gehen dieser Frage bei Faust-Kultur aus eigener, biographischer Sicht nach. IşıL Yönter begriff erst mit der Zeit, dass sie sich nicht zwischen ihrer türkischen und ihrer deutschen Identität entscheiden muss, sondern beide leben kann.

Being German

Wahlheimat Deutschland

Von IşıL Yönter

Ich wurde 1961 in Istanbul/Türkei als Einzelkind geboren und im Alter von 5 Jahren von den Eltern nach Deutschland gebracht. „Gebracht“ sage ich, da es nicht meine eigene Entscheidung war, mein Heimatland zu verlassen. Mein Vater hatte sich entschieden, als angeworbener Gastarbeiter von Mercedes-Benz nach Stuttgart zu gehen. Ihm folgte meine Mutter, und später wurde ich nachgeholt. Somit war meine erste Fremdsprache: schwäbisch.

Mein „Deutschsein“ beginnt im Alter von 5 Jahren mit frühen Erinnerungen und der Wahrnehmung meiner deutschen Umgebung.

Erste Erinnerung: Grau, grau, alles ist grau, wenig Menschen sind auf der Straße. Sie lachen nicht.

Meine zweite Erinnerung: Eine alte Dame, die gebückt auf mich einredet, in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Sie zeigt auf eine bunte Torte, es sieht lecker aus, und ich verstehe, dass die Torte für mich ist. Ich weine Rotz und Wasser.

Es ist eigentlich ein schönes Ereignis, willkommen geheißen zu werden. Jedoch eine mich traurig machende Erinnerung, weil sie mit der Trennung von meinen geliebten Großeltern einherging, mit denen ich die Jahre lebte, in denen meine Eltern „weg“ waren. Noch heute berührt mich diese Szene tief im Inneren.

Meine dritte Erinnerung: Ich muss ganz dringend auf Toilette und kann mich sprachlich nicht verständigen. Ich habe Angst, in die Hose zu machen, schüttle den Ärmel meiner Erzieherin im Kindergarten, spreche mit ihr in meiner Sprache. Sie gibt mir die Hand und führt mich zu den WC. Ich bin total erleichtert: Sie hat mich verstanden, weil sie mich verstehen wollte!

Im Vornamen sitzt die Identität. Es gibt viele Erinnerungen bezüglich meines Vornamens. Mein Vorname hat vier Buchstaben, drei davon verraten mich als Fremde, da sie nicht im lateinischen Alphabet vorkommen. Es war mir als Kind zu mühsam mich permanent zu erklären und die Korrektur, ob schriftlich oder in der Lautsprache, einzufordern. So wurde aus „IşıL“ schnell „Isil“. Es ist das Erste, was von mir „assimiliert“ wurde. Das heißt, mir ist dabei etwas Ursprüngliches weggenommen worden und wurde durch etwas Neues ersetzt. Jedoch auch eine Entscheidung, die ich nicht getroffen habe.

Nun zu der Frage: Was bedeutet Deutschsein für mich? Diese Frage auf mich bezogen hätte ich noch vor einigen Jahren nicht beantworten können, bzw. sie hätte Unbehagen in mir ausgelöst. Heute kann ich darauf eingehen, da ich geerdet bin. Ich habe lange Zeit verleugnet, dass ich deutsch bin oder deutsch sein könnte. Ich dachte fünfundzwanzig Jahre lang, dass ich mich entscheiden müsste zwischen dem Türkischsein und dem Deutschsein: einerseits der Loyalität und emotionalen Bindung zu meinem Herkunftsland, meinen Eltern, meinen Vorfahren gegenüber und andererseits dem Land gegenüber, in dem ich schon so lange lebe. Irgendwann habe ich begriffen, dass ich mich nicht entscheiden muss, sondern dass ich beides bin.

Es ist nicht mein Aussehen, was mich deutsch macht.
Ich liebe die deutsche Sprache, weil ich mit ihr alles ausdrücken kann, meine Gefühle, mein Denken, meine Meinung, aber manchmal auch meinen Zorn.
Ich liebe manches der deutschen Küche, z.B. Schwarzbrot und Käse, Grüne Soße mit Kartoffeln und Ei, Hirschbraten mit Klößen und Rotkraut, Käsekuchen.
Ich verehre Schriftsteller, Philosophen, manche Politiker/in, vereinzelte Lehrer/innen oder Menschen, die mich geprägt haben und meiner ursprünglichen türkischen und muslimischen Identität noch Deutsches und Buntes hinzugefügt haben.

Mit 18 Jahren wurde ich vom Ordnungsamt angeschrieben und über die Möglichkeit der Einbürgerung informiert. Ich wollte gar nicht eingebürgert werden. Erst seit meinem 24. Lebensjahr bin ich juristisch, also dem Pass nach, Deutsche – und das bin ich ursprünglich nur geworden, weil ich reisen wollte, ohne Visum und Scherereien, ohne diskriminierende Behandlung am Zoll, d.h. aus ganz pragmatischem Grund, um schnell über die Grenzen zu kommen.

Deutschsein bedeutet für mich inzwischen viel mehr: nämlich Autonomie und Schutz. Also ganz im Sinne der deutschen Rechtsphilosophie, aus der unser Artikel 1 des Grundgesetzes stammt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Ich empfinde einerseits Liebe zu Freiheit, aber auch Hass und Verachtung gegenüber jeglichem Rechtsradikalismus, faschistoidem Gedankengut und trauere bei alltäglicher Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen in unserer Gesellschaft.

Ich bin zukunftsgewandt deutsch: Meine Visionen sind modern, fortschrittlich, bunt. Deutschsein bedeutet für mich auch „groß und breit denken“, europäisch und solidarisch zu sein.

Deutschsein ist – im positiven Sinn – womöglich auch Abgrenzung: Ich darf mich mit mir zurückziehen, darf meinen intimen Privatraum haben, gleichzeitig gesellschaftlich aktiv sein und nach eigenen Interessen teilhaben, ob im Ehrenamt, im Sport, in Politik, in Kultur und vieles mehr.

Ich habe ein Maß, an dem ich mein Deutschsein messen kann. Immer wenn ich auf Wunschreisen bin oder auch im Urlaub in der geliebten Türkei, bekomme ich irgendwann ein Gefühl. Das zieht mich derzeit heimwärts in meine Wahlheimat: Deutschland.

IşıL Yönter studierte in Gießen. Seit 1999 ist sie Lehrbeauftragte am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt University of Applied Sciences (FH) mit den Schwerpunkten: Interkulturelle Sozialarbeit, Kommunikation, Querschnittsthemen der Sozialarbeit und Forschendes Lernen. Seit 2004 praktiziert Yönter als selbstständige Bildungsreferentin in der Fort- und Weiterbildung, als Coach und Trainerin sowie analytisch orientierte Therapeutin.

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erstellt am 04.8.2015

Die Wiedervereinigung 1990 haben die heute 14- bis 19-Jährigen nicht miterlebt. Gibt es aber trotzdem etwas, woran sie bei der Feier von 25 Jahren Deutsche Einheit in Frankfurt am 3. Oktober 2015 anknüpfen können? Ist es das eigene „Deutschsein”? Was bedeutet das überhaupt heute?
Die Auftaktveranstaltung des Projektes „Being German, Deutschsein, Alman Olmak…“ der Jugendkulturkirche Sanktpeter Frankfurt und der Evangelischen Akademie Frankfurt in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Thüringen fand am 24. März 2015 statt. Ziel war das Erarbeiten von vier Thesen, die das „Deutschsein“ von Jugendlichen beschreiben. Dazu wurden vier Referenten (Eugen El, Isil Yönter, Nina Yao, Annegreth Schilling) eingeladen, die einen Einblick in die eigene Geschichte und das eigene „Deutschsein“ gaben. Nach den Impulsreferaten wurde im methodischen Teil ein Austausch über das Thema gewagt, bis dann später im Plenum vier Bedeutungen eines „Deutschseins“ gefunden werden konnten.
Diese vier Thesen werden im zweiten Teil der Veranstaltung von den Schülern gemeinsam mit vier Künstlern auf unterschiedliche Art und Weise gestaltet. Die Ergebnisse werden im Oktober in einer Ausstellung vorgestellt, bei der die Teilnehmer der Ev. Akademie Thüringen aus Erfurt auch dabei sein werden. Die Eröffnung der Ausstellung findet am 2. Oktober 2015 um 19.00 Uhr in der jugend-kultur-kirche sankt peter, Stephanstr. 6, 60313 Frankfurt statt. Sonja Kruse

Faust-Kultur dokumentiert die vier Impulsvorträge des Projektes „Being German, Deutschsein, Alman Olmak…“ in loser Folge.

IşıL Yönter Foto um 2005