Etwas läuft schief mit dem Feminismus in der Popmusik, zumindest in den USA: Weibliche Superstars, die in ihren Videos erotisches Posing zelebrieren, gelten als Inbegriff der selbstbewussten, emanzipierten Frau. Wie gut, dass es Künstlerinnen gibt, die andere Frauenbilder dagegensetzen. Die interessantesten kommen aus Europa, meint Michael Behrendt.

Pop-Splitter

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Von Michael Behrendt

Vor nicht allzu langer Zeit Platz 1 in den US-Album-Charts: die Britin Florence Welch mit ihrer Band The Machine und dem Album „How Big, How Blue, How Beautiful“. Das Bemerkenswerte daran ist nicht so sehr die Musik – die ist schön, verquickt aber recht konventionell Folk, Soul, Indie-, Synthie- und Stadionrock zu veritablen Ohrwürmern. Nein, das Bemerkenswerte sind die Videos, die die Songs begleiten. Immer wieder ist da die Sängerin zu sehen, wie sie blass, ungeschminkt und in Alltagsklamotten ringt, und das nicht nur mit Männern: Da wird umarmt, gestoßen, geschlagen, gehadert, und nicht selten steht sich die Protagonistin – wie im Hit „Ship to Wreck“ – buchstäblich selbst im Weg oder rennt vor sich selbst davon. „Did I drink too much? Am I losing touch? Did I build this ship to wreck?“, heißt es dazu programmatisch in den Lyrics. Abwracken, Mist bauen, den Karren an die Wand fahren – Florence Welch zeigt bevorzugt Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Florence and the Machine, “Ship to Wreck”

Miley Cyrus: Nackt, aber angstfrei

Sicher nicht missionarisch und doch auf ganz prägnante Weise setzt sie damit gerade in den amerikanischen Charts einen spannenden Kontrapunkt: zu den Hochglanzvideos von Superstars wie Beyoncé, Nicki Minaj und Miley Cyrus – und zu dem Hype um die emanzipatorische Botschaft, den diese Videos angeblich transportieren. „Ich denke, dass ich zu den größten Feministinnen der Welt gehöre“, erklärte vor eineinhalb Jahren Miley Cyrus in einem BBC-Interview – und das, obwohl sie in ihren Videos verführerisch in Unterwäsche posiert oder auch mal völlig nackt auf einer Abrissbirne schaukelt. Ihre Begründung: „Ich vermittle den Frauen, dass sie vor nichts Angst haben müssen.“ Mit ihrer „zeigefreudigen“ öffentlichen Inszenierung, zu der auch ein hochpeinlicher „Skandal“-Auftritt mit Robin Thicke bei den MTV Awards gehörte, mag sich die junge Dame vielleicht von dem cleanen Teeniestar-Image emanzipiert haben, das sie als Hannah Montana in der gleichnamigen Disney-Serie etabliert hatte. Mit Feminismus aber, wie ihn die meisten kennen, hat das nichts zu tun.

Klar: Offenherzige Sexualität kann so manche US-Amerikaner ins „Oh my god“-Koma stürzen. Man denke nur an den unglücklichen „Busenblitzer“ bei einem Auftritt Janet Jacksons, der sofort zum „Nipplegate“ hochdramatisiert wurde und dann nicht etwa dem verantwortlichen Duettpartner Justin Timberlake, sondern der verdutzten Künstlerin einen vorübergehenden Karriereknick bescherte. Aber wenn man sich lediglich als Objekt der Begierde inszeniert und vor allem den Voyeurismus des Publikums bedient, geht der feministische Schuss doch mächtig nach hinten los. Frau Cyrus haben solche Argumente nicht beeindruckt. Inzwischen unterstreicht sie ihre Angstfreiheit mit einem taffen Kurzhaarschnitt, und kürzlich wurde sie auch noch von der Tierschutzorganisation Peta zum vegetarischen Promi mit dem größten Sex-Appeal gekürt. Wie praktisch. Denn Vegetarismus und veganer Lebensstil sind zwar inzwischen unheimlich cool, strahlen aber für manche Menschen immer noch etwas Exotisches, Unberechenbares aus. Und eignen sich daher bestens, ein selbstbewusstes, vermeintlich emanzipiertes Image zu zementieren.

Nicki Minaj: Sexuell offensiv – aber wehe, das törnt dich an!

Deutlich offensiver geht die Rapperin Nicki Minaj ans Werk. Und wird selbst in deutschen In-Medien als wahre Feministin gefeiert – weil sie Tabus breche, Grenzen überschreite, ein selbstbewusstes „bad bitch“-Image zelebriere. Stephan Szillus in der „taz“: „Die New Yorkerin spielt in ihrem Image gekonnt mit sexuellen Identitäten und einem ironisch gebrochenen Ghetto-Chic. Mit ihren durchgeknallten Stylings, diversen Alter Egos und wilden Performances bietet die 31-Jährige tatsächlich so etwas wie ein Rollenvorbild.“ Hengameh Yaghoobifarah im „Missy Magazine“ zum Skandalclip „Anaconda“: „Exemplarisch grindet sie im Musikvideo mit anderen Frauen, spendiert dem feministischen Hiphop-Liebling Drake einen Lapdance, lässt sich aber nicht von ihm berühren. Sie macht klar, dass ihr Sex-Appeal nichts daran ändert, dass ihr Körper immer noch ihr gehört und sie mit ihm umgehen kann, wie ihr beliebt. Selbstbestimmt und sexuell aufgeladen ist auch der Duktus auf ihrem neuen Album ‚The Pinkprint’…“

Ja, Nicki Minaj geht respektlos mit Samples um, zeigt sich in ihren Raps als dominante, stolze „Schlampe“ und erzählt nicht jugendfreie Geschichten von Drogenkonsum und promiskem Sex mit zwielichtigen Typen. Es ist zwar kein realistisches Rollenvorbild, aber ok. In den Videos dazu geht es jedoch stets um Nicki Minajs Körper – vor allem um ihr auffälliges Hinterteil, das immer wieder imposant in Szene gesetzt wird. „Selbstbestimmt und sexuell aufgeladen“ heißt dann, sich in allen nur denkbaren erotischen Posen den Blicken des Publikums preiszugeben und die eigenen körperlichen Vorzüge zu preisen. Die Tatsache, dass der Mann sie beim „Lap Dance“ im Video zu „Anaconda“ nicht berühren darf, als feministisches Statement zu feiern, wirkt da arg bemüht – schließlich gehört das selbst in den einschlägigen Bars jedes Rotlichtviertels zu den Spielregeln. Denn vor allem geht es der Künstlerin ums Antörnen und um Umsatz. Wie widersprüchlich die Botschaften von Frau Minaj letztlich sind, zeigt ein kurzer Vergleich des Videos zu „Anaconda“ mit dem Video zu „Lookin Ass“: In Ersterem wird die abfällige Bemerkung über Frauen mit „fetten Ärschen“ aus einem anderen Rapsong aufgegriffen und in ein positives Statement der Bewunderung aus Männerperspektive umgedeutet, à la: Seht euch diesen großartigen Hintern an, er macht jede Anaconda (i. e. das männliche Glied) wild. Der Blick wird also ganz bewusst auf Minajs auffälligstes Körperteil und auf die mit ihr durchs Video zuckenden „heißen“ Begleittänzerinnen gelenkt, was „Anaconda“ für das „Missy Magazine“ zur feministischen Hymne, „zur Big-Butt-Empowerment-Anthem des Jahres“, macht. Exakt diesem lüsternen Blick aber, symbolisiert durch ein männliches Augenpaar, wird in Nicki Minajs Video zu „Lookin Ass“ (übersetzt etwa: Hintern gucken) mit endlosen Maschinengewehrsalven dann brutal der Garaus gemacht – natürlich erst, nachdem minutenlang und in Zeitlupe sämtliche Körperrundungen der verführerisch in Spitzenunterwäsche gekleideten Künstlerin gezeigt wurden. Die seltsame Botschaft: Hey, ich drücke hier doch nur meine selbstbestimmte Sexualität aus – wehe, das törnt dich an! Feminismus? Rollenvorbild? Es hat eher etwas von profitorientiertem „Den Macho-Teufel mit dem Sexy-Hexy-Beelzebub austreiben“.

Beyoncé & Co: Gangsta-Rap-Videos ohne Gangsta-Rapper

Als massenkompatibler Inbegriff des feministischen Popstars wird dagegen R&B-Königin Beyoncé gefeiert. Was sie in den Augen vieler Rezensenten zur Ausnahmeerscheinung macht: Sie lebt in einer stabilen Ehe, ist Chefin ihres eigenen Unternehmens, hat immer wieder Songs über weibliche Selbstbehauptung im Programm, zitiert darin auch mal Feministinnen (wie die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie im Song „Flawless“), unterstützt im Charity-Bereich Bildungsprogramme für Frauen und inszeniert auch noch eine selbstbestimmte Sexualität – kurz: Sie ist die perfekte emanzipierte Kombination aus Künstlerin, Chefin, Gattin und Sexgöttin. So schreibt Mikki Kendall im britischen „Guardian“: „She’s pro-woman without being anti-man, and she wants the world to know that you can be feminist on a personal level without sacrificing emotions, friendships or fun.“ Yo, Feminismus macht Spaß, steckt in uns allen, wenn wir nur wollen… und sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?

Tatsächlich steckt hinter Beyoncés Erfolg ein gnadenloses Leistungsprinzip, das viel mit Selbstdisziplin und Selbstverleugnung zu tun hat – Beyoncé ist schon lange so etwas wie die Heidi Klum des Soul. Und ihr stets perfekt gestylter übermenschlicher Spagat zwischen Karriere, Familie und Lust ist für die junge Frau von nebenan kaum zu verwirklichen. Hinzu kommt nicht nur, dass Beyoncé gerne brav erklärt, alles zu tun, um ihren Mann zu „pleasen“, sondern auch dass ihre angebliche „selbstbestimmte Sexualität“ ausgerechnet in Videobildern inszeniert wird, die an Rotlichtbar-Szenerien und Edelpornos erinnern. In Clips von Gangsta-Rappern sind aufreizende Frauen Blickfang und Staffage – allzeit verfügbare Statussymbole der männlichen Protagonisten, die ihnen gern noch grinsend einen Klaps auf den Allerwertesten geben. Die Videos von Nicki Minaj, Beyoncé, Miley Cyrus & Co haben letztlich denselben Effekt – nur fehlen die Gangsta-Rapper und verpassen sich die Künstlerinnen selbst den Klaps.


Shakira - Can't Remember To Forget You Feat... von DJBunGamix

Die Liste ließe sich ergänzen durch Shakira und Rihanna, ebenfalls zwei US-Superstars, die ihre Karrieren selbst kontrollieren. Respekt, ja wirklich. Aber zumindest mit Blick auf ihre Videos scheint diese Unabhängigkeit vor allem zu bedeuten, dass sie inzwischen selbst entscheiden, sich als Sexobjekte inszenieren zu lassen. Unübertroffen ist der Clip zu „Can’t Remember to Forget You“, in dem Shakira und Rihanna gemeinsam vollsten Körpereinsatz zeigen, um ihrem sexy Powerposing auch noch einen unterschwelligen lesbischen Touch zu geben. Das „Feiern der eigenen Körperlichkeit“ wird auch hier als Argument zur Verteidigung gern ins Feld geführt. Mit dem Ergebnis, dass sich ein kleiner nachdenklicher Teil des Publikums der Illusion hingibt, Zeuge eines feministischen Statements zu werden, während der Großteil dankbar die geschmackvoll präsentierte Masturbationsvorlage mitnimmt. Das spart den Besuch anrüchiger Pornoportale…

Von „Respect“ zur „Independent Woman“

In grauer Popvorzeit forderte Aretha Franklin etwas „Respect“ von den Männern und gab damit den Startschuss für weibliches Aufbegehren in Songs. In den 1970er Jahren waren es Singer-Songwriterinnen wie Carole King und Joni Mitchell, visionäre Solitäre wie Patti Smith und respektlos-mutige Punkerinnen wie die Slits, die ein weibliches Selbstbewusstsein unterstrichen. In den Achtzigern wurde auch schon mal der Mann als Feindbild attackiert, zumindest rief man nach neuen Männern für das Land. Und natürlich wurde heftig gegen die Ausbeutung des weiblichen Körpers im Kino, in den Medien oder in Werbung sowie gegen die Zementierung der „Haus und Herd“-Rolle der Frau protestiert. Dann kamen die Powerfrauen, leistungsbereit und sympathisch. Sie drängten in männliche Berufe und wollten sich nicht mehr auf klassische Rollen festlegen lassen. Während im Kino Sigourney Weaver als erste Serien-Action-Heldin Aliens den Garaus machte, traten starke „Rockladies“ wie Stevie Nicks und freche Popmädchen auf den Plan, von den Spice Girls und Lucilectric bis Salt ’n’ Pepa und TLC. Ihre Botschaft: Wir ziehen uns an, wie wir wollen, gehen ins Bett, mit wem wir wollen, und lassen uns nicht unterkriegen. Oder, in den Worten von Annie Lennox und Aretha Franklin: „Sisters Are Doing It for Themselves.“ Immer häufiger nahmen Musikerinnen ihre Karrieren selbst in die Hand, gründeten Labels, etablierten sich als Produzentinnen und wurden zu Superstars, allen voran Madonna und Missy Elliott. Der Mann erschien immer weniger als Feind – die Frauen wollten einfach bloß dieselben Rechte, dieselben Möglichkeiten, denselben Erfolg und denselben Spaß. Mit Punk- und Hardcore-Bands wie Bikini Kill, Babes In Toyland oder L7 boten in den 1990er Jahren amerikanische „Riot Grrrls“ eine subkulturelle feministische Alternative. Der Typus der meinungsstarken taffen Rockfrau rettete sich wiederum mit Pink ins neue Jahrtausend, während Christina Aguilera charmant und streetwise „Can’t Hold Us Down“ proklamierte oder Beyoncé, damals noch mit Destiny’s Child und relativ angezogen, „Independent Women“ besang.


Christina Aguilera, Lil' Kim, Mya, Pink - Lady... von mejicano

Unfreiwillig komisch

Wirklich allen recht machen konnte es keiner dieser Impulse: Mal wurde das Anliegen als zu niedlich-harmlos, mal als zu krass kritisiert. Aber immerhin wurden jeweils wichtige Aspekte weiblicher Selbstbehauptung formuliert. Um 2000 herum kamen dann Zeitgeistphänomene und Trends ins Spiel, wie sie schon immer von der Popproduktion aufgegriffen wurden. In den 1970ern bis 90ern waren das etwa Tänze wie Bump und Lambada oder das aus Model-Posen zusammengesetzte Vogueing. Jetzt, im 21. Jahrhundert, etablierten sich Twerking und der Burlesque-Stil auf den Tanzflächen und in den Musikclips der Welt. Burlesque, unter anderem populär gemacht durch die Kunststripperin Dita von Teese, hauchte den humorvoll-erotischen Ausziehperformances der Varietés und Cabarets vergangener Jahrhunderte neues Leben ein und wurde spätestens mit Baz Luhrmanns Kino-Musical-Spektakel „Moulin Rouge“ (2001) und dem von Christina Aguilera, Lil’ Kim, Mya und Pink in barocken Dessous präsentierten Hit „Lady Marmelade“ wieder Kult. Der Twerk ist ein in der amerikanischen House-Subkultur entstandener schweißtreibender, fast schon akrobatischer Tanzstil, der auf abenteuerlichen Bewegungen mit Hüften und Hintern basiert. Was anfangs spielerisch, kreativ und ein fantastisches Work-out gewesen sein mag, mischte sich bald mit Rotlicht-Tabledance- und Lapdance-Elementen. Heute prägt das Tanzgemisch in Verbindung mit Aerobic-Moves und Edelporno-Atmosphäre die fast schon „übersexualisierte“ Inszenierung weiblicher amerikanischer Superstars.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Hier geht es nicht um Lustfeindlichkeit oder Prüderie. Eine selbstbestimmte erfüllte Sexualität ist ganz sicher für jeden Menschen erstrebenswert, und erotische Musikclips sind ja auch schön anzuschauen – wenn sie einem nicht ganz einfach wurscht sind. Nur fragt man sich, warum das ausgiebige Bedienen voyeuristischer Impulse von den Spin Doctors der Musikindustrie so offensiv als Emanzipation verkauft wird – und warum so manche Medien es bereitwillig nachbeten. Dass es hier vor allem um eine erotische Leistungsschau und um Marktanteile geht, unterstreicht der Einstieg Madonnas ins „Erotic Posing“-Geschäft. Ganz offenbar in der Sorge, den Anschluss an die jüngere Garde zu verlieren, ließ sich die einst so souveräne Pop-Queen ab 2005 und den Videos zu ihrem Album „Confessions on A Dance Floor“ in peinlich knappen Gymnastik-Outfits und noch peinlicheren Tabledance-Verrenkungen inszenieren. Ähnlich bezeichnend ist die Tatsache, dass ausgerechnet die so emanzipierte Beyoncé mit „Haunted“ einen Song zum Soundtrack der weltweit belächelten Hausfrauenfantasie-Verfilmung „50 Shades of Grey“ beisteuerte – und im Video durch eine Villa mit unfreiwillig komischen Fetisch- und S/M-Szenerien schwebt. Als ob das ganze Jahr Karneval und Spring Break wären.

Nacktheit = Verletzlichkeit

In Europa scheint das alles weniger relevant. Natürlich werden auch hier junge Sängerinnen möglichst ansprechend und sexy inszeniert. Aber die erotische Leistungsschau amerikanischer Prägung bleibt weitgehend aus. Und: Neben Florence & The Machine gibt es weitere interessante Künstlerinnen, die in ihren Clips ganz andere Bilder von Weiblichkeit transportieren. Zum Beispiel die Newcomer-Rockband fon aus Leipzig. Deren Schwarz-Weiß-Video zum Song „YMMB – You Make Me Break“ zeigt Sängerin Katharina Helmke nackt, mit Erde und Farbe beschmiert, im Clinch mit einem ebenfalls nackten Mann. Aus den anfänglichen Zärtlichkeiten wird ein brutaler Kampf, eine Vergewaltigung wird suggeriert. Dann packt die Protagonistin einen Felsbrocken und schlägt wieder und wieder zu. Ob diese Rache wirklich ausgeführt wird oder eine Fantasie bleibt, ist unklar. „YMMB“ ist ein Video, das bewegt, ohne irgendeinen Voyeurismus zu bedienen – Nacktheit steht hier für Verletzlichkeit.

Roisin Murphy, Exploitation

Die Meisterin der weiblichen Inszenierung in Popvideos ist und bleibt jedoch die Irin Roísín Murphy. Seit 2004 veröffentlicht die Exsängerin des Duos Moloko (größter Hit: „Sing It Back“) zu ihren elektronischen Songs Musikclips, in denen sie – fast wie die Fotokünstlerin Cindy Sherman – die unterschiedlichsten Frauenrollen durchspielt. Dagegen nehmen sich Nicky Minajs schrille Kostümwechsel wie Kinderfasching aus. Die gerade erschienene CD „Hairless Toys“ begleiten ein paar Videos, bei denen Murphy selbst als Regisseurin fungierte. In „Exploitation“ etwa gibt sie eine tablettensüchtige Theaterschauspielerin, in „Evil Eyes“ eine frustrierte Ehefrau und Mutter, die nach diversen rebellischen Akten in eine tiefe Depression verfällt. Weitere Markenzeichen von Murphy-Videos sind groteske Kostüme und provozierend nachlässig getanzte Choreographien mit seltsamen Bewegungselementen: Sie unterwandern den Perfektionismus, den Glamour und den künstlichen Sex-Appeal popindustrieller Spitzenproduktionen.

Interessant vor diesem Hintergrund ist, dass gerade mit „Seht mich verschwinden“ Kiki Allgeiers Dokumentation über den Tod des Magermodels Isabelle Caro in den Kinos läuft. All das sind Gegenbilder zu den US-Hochglanzinszenierungen weiblicher Superstars. Und so ist es am Ende doch kein Wunder, dass eins der krassesten „Frauenvideos“ der letzten Zeit ebenfalls aus den USA kommt. Es heißt „Tiff“, stammt von dem Bandprojekt Poliça aus Minneapolis und beschreibt, so Sängerin Channy Leaneagh, „eine Frau, die sich selbst der größte Feind ist“. Und das buchstäblich: Die Protagonistin sitzt gefesselt in einem Kellerverlies und wird von ihrer Peinigerin – es ist sie selbst – zu Klump geprügelt. Das ist abstoßend, blutig, kaum zu ertragen.

Keine dieser Künstlerinnen bezeichnet sich als Feministin. Es wäre ja auch fatal, wenn sich Feminismus in Popvideos heute im Zur-Schau-Stellen von Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs erschöpfen würde. Aber es ist gut, dass es auch Alternativentwürfe zu den cleanen weiblichen Superstar-Pin-ups gibt. Und diese Alternativentwürfe können durchaus positiv, inspirierend sein. Bestes Beispiel ist die amerikanische Sängerin, Tänzerin und Labelbetreiberin Janelle Monáe: Völlig ohne Erotikbrimborium besticht sie durch ein unglaubliches musikalisches Spektrum von Soul bis Rock, von Latin bis Elektronik, durch fantastische Tanzvideos („Tightrope“, „Q.U.E.E.N“) und durch positiv verrückte Albumkonzepte, die um eine Androidin namens Cindi Mayweather kreisen. Man wünscht sich mehr solcher Popkünstlerinnen aus Amerika.

Weiterlesen

Reihe Pop-Splitter

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 04.8.2015

Ein kontroverser Song, ein starkes Album, historische Meilensteine, überraschende künstlerische Konstellationen: Die Reihe Pop-Splitter gibt unkonventionelle Einblicke in die wundersame Welt der Popkultur.

Weiterlesen

Reihe Pop-Splitter