Dass die Witterung Einfluss auf den Willen, aber nicht auf die Vorstellung hat, die sich den Menschen bis in den Schlaf hinein drängt, musste, wie Otto A. Böhmer berichtet, der Philosoph Arthur Schopenhauer erfahren. Sogar seine misogyne Schadenfreude wendete sich dabei gegen ihn selbst.

Holzwege

Schadenfreude

Der Philosoph Arthur Schopenhauer

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Arthur Schopenhauer machte sich Sorgen. Was für ein Winter, dieser Winter, in dem er sich befand: eine Frankfurter Eiszeit, die vom Zähneklappern bestimmt war. Der Main hatte sich längst in sein Schicksal ergeben, war zugefroren; die Schiffe lagen am Ufer vertäut wie reifgläserne Spielzeugaufbauten. Die Leute, so sie sich denn überhaupt zeigten auf den Straßen, hatten Eiszapfen an den Nasen, und die blutro­ten Ohren standen ihnen ab, als sollte Bußfertigkeit vorgeführt werden angesichts der vergeblichen Winkelzüge wetter- und schicksalsunkundiger Großmäulig­keit.

Über den Willen in der Natur will und kann ich gar nichts mehr sagen, dachte Schopenhauer öfter. Als Eis- und Zuchtmeister tut er des Guten entschieden zuviel; er soll sich trollen, abwandern in die der eigentlichen Kälte bestimmten Ödnisgebiete dieser Erde. Denkt er denn gar nicht an meine Heizkostenrechnung?

Auch mit seiner Arbeit wollte es in diesem Winter nicht mehr so recht vorangehen. Der Philosoph saß oft nur am Fenster seiner Wohnung Schöne Aussicht 17 und schaute hinaus; eine lähmende Unruhe hatte ihn erfasst, der er kaum etwas entgegensetzen konnte. Alle zwanzig Minuten zündete er sich seine Pfeife an, deren Hauptstück aus einem vier bis fünf Fuß langen Weich­selrohr bestand, das ihm – darauf legte er Wert – eine angemessene Abkühlung des Dampfes verbürgte; er trank das eine oder andere Glas Wein dazu und bemühte sich, seine altbewährten Gedanken wieder in Schwung zu bringen. Die aber schienen sich – ohne wirklich abgemeldet zu sein – zur vorläufigen Ruhe begeben zu haben, und so brachte der Philosoph in dieser Zeit nichts zustande und nichts aufs Papier.

Das aber ist, bei rechtem Stubenlicht besehen, gar nicht so schlimm, sagte er sich. Denn das eigentliche Leben eines Gedankens dauert nur, bis er am Grenz­punkt der Worte angelangt ist: da petrifiziert er, ist fortan tot, aber unverwüstlich, gleich den versteinerten Tieren und Pflanzen der Vorwelt. Sobald nämlich unser Denken Worte gefunden hat, ist es schon nicht mehr innig, noch im tiefsten Grunde ernst. Wo es anfängt, für andere dazusein, hört es auf, in uns zu leben; wie das Kind sich von seiner Mutter ablöst, wenn es ins eigene Dasein tritt. Diesen Gedanken sollte ich wohl aufschrei­ben, dachte der Philosoph noch, ehe er wieder ins Dösen verfiel: So etwas Gutes schwimmt auch mir nicht alle Tage in den Kopf.

Eines Tages jedoch kam wieder Leben in das dem Stillstand verfallene Geschehen: Es war wärmer gewor­den; die Menschen trauten sich aus ihren Wohnverliesen und tappten ins Freie. Als Schopenhauer gerade erste Überlegungen anstellte, ob er selbst auch schon einen kleinen Spaziergang wagen sollte – noch immer hockte er ja in seinem Wartesessel am Fenster, bemerkte er auf einmal, wie ein altes Weib draußen ins Rutschen geriet. Auf leicht abschüssiger und anscheinend arg glatter Wegstrecke nahm die recht stämmige Frau Geschwin­digkeit auf, die sie durch Eigenbewegungen, wohl aus Angst, nicht mehr abzubremsen wagte. Wie ein Eisseg­ler glitt sie dahin, und ihre Fahrt wurde erst an der nächsten Kehre durch ein anderes, allerdings noch ungleich korpulenteres Weib aufgefangen, auf welches die Dahinjagende, laute Worte des Warnens ausstoßend, mit dumpfer Wucht auffuhr. Diese Szene wurde von allen Passanten mit dem größten Vergnügen verfolgt.

Nachdem der Philosoph dies mitangesehen hatte, wischte er sich die Tränen der Freude aus den Augen und verließ seinen Beobachterstand. Er ging an seinen Schreibtisch, schlug seine Geheimkladde auf und no­tierte, nun schon wieder gewohnt grimmig dreinblic­kend, unter dem Datum des Tages: „Die Schadenfreude ist der schlechteste Zug in der menschlichen Natur! Sie ist der Grausamkeit eng verwandt und unterscheidet sich von dieser nur, wie Theorie und Praxis sich von einander unterscheiden mögen. Die Schadenfreude tritt ein, wo das Mitleid seine Stelle haben sollte, das die wahre Quelle aller echten Gerechtigkeit und Menschen­liebe ist.“

In der darauffolgenden Nacht aber schlief der Philo­soph Arthur Schopenhauer denkbar schlecht: Ein Alp­traum überkam ihn, setzte sich unnachgiebig und auf­rührerisch in ihm fest: Man hatte einen städtischen Park – welch boshaftes Gaunerstück – nach dem Philoso­phen Hegel benannt, diesem „rasenden Tollhäusler“ mit der „Bierwirtsphysiognomie“, und Schopenhauer lag hilflos und wutschnaubend im Bett; er war wie gelähmt. Nicht einmal ein Protestschreiben konnte er aufsetzen in seinem entsetzlichen Wachschlaf, im Gegenteil; zwei Philosophieprofessoren kamen und zerrten ihn aus den Federn. Sie schleppten den nur mit seinem Nachthemd bewaffneten Schopenhauer durch die Straßen und bug­sierten ihn in eben jenen Park, den man schändlicherweise mit dem Namen des „Unsinnsschmierers“ Hegel belegt hatte. Auf einer kleinen Anhöhe versetzten die beiden Halunken ihm, Schopenhauer, einen Stoß, und prompt geriet er ins Rutschen. Der Philosoph nahm – ähnlich wie das bei Glatteis auf Hochgeschwindigkeits­kurs gebrachte Weib, das er kurz zuvor noch belacht hatte – zügige Fahrt auf; er jagte den Abhang hinunter, ruderte zwischen gefrorenen Hundehaufen hindurch, denen er dennoch nicht in zufriedenstellender Gänze ausweichen konnte; über Steine und spitzes Zweigwerk hinweg trieb er direkt auf den eisüberwölbten Parkwei­her zu. „Nein!!“ schrie der Philosoph laut, aber da krachte es auch schon, und er lag vor seinem Bett, und Margare­tha Schnepp, seine ebenso fromme wie treue Haushälte­rin, schaute sehr besorgt auf ihn herab. „Gott sei Dank!“ seufzte der Philosoph und schloss gleich wieder die Augen. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf, dachte Margaretha Schnepp. Jetzt wird er mir womöglich doch noch gottesfürchtig, der alte Herr Schopenhauer …

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erstellt am 03.8.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Arthur Schopenhauer