Der Zürcher diaphanes-Verlag publiziert seit kurzem eine Reihe liebevoll bebilderter Philosophen-Porträts für junge Leser. Nun ist auch ein Band über Hannah Arendt erschienen. Es wäre zu wünschen, dass Kinderbücher wie dieses noch Platz finden in den Regalen der Kleinen, meint Heimito Nollé.

Buchkritik

Von Bankern, Philosophen und Kindern

Von Heimito Nollé

„Wie Kinder zu Bankern werden“, lautete kürzlich ein Artikel im Schweizer Finanzportal finews.ch. Experten empfehlen darin, Kindern frühzeitig – nämlich schon ab vier Jahren – die wichtigsten Gundbegriffe der Finanzwelt einzutrichtern. Die fassbarsten Begriffe – also zum Beispiel das Sparen – machen den Anfang, es folgen abstraktere Konzepte wie Zins, Steuern und Aktien. Mit zwölf Jahren sollen die Kinder reif sein, an erste Investitionen zu denken, mit 15 fähig, die eigene Bonität einzuschätzen.

O die verlorenen Paradiese der Kindheit! Vorbei scheinen die Zeiten, als man als Kind noch in die Phantasiewelten der Wilden Kerle tauchen und stundenlang in den reichen Illustrationen blättern konnte. Früh-Englisch, möglichst effizient aufbereitetes Fachwissen und Lernprogramme für Neugeborene haben die Traumwelten verdrängt. Wo noch Platz für Phantasie bleibt, hat sich die Game-Industrie breit gemacht.

Alles schlecht? Nein. Es gibt immer noch Verlage, die das Wagnis eingehen, Kinder auf Reisen zu schicken, deren Ausgang nicht von vornherein klar ist. Der Zürcher diaphanes-Verlag publiziert seit Anfang des Jahres eine Reihe von Philosophen-Porträts: intelligent, liebevoll bebildert, didaktisch zurückhaltend. Die inzwischen 26 Porträts erschienen ursprünglich in der französischen Reihe „Les petits Platons“ und sind Denkern wie Sokrates, Descartes oder Einstein gewidmet.

In dem Bändchen über Hannah Arendt wird das Konzept der Reihe deutlich: ein kleines Mädchen – auch sie heißt Hannah – wird von der Philosophin an der Hand genommen und durch die Welt geführt. Die Reise startet auf der griechischen Agora, wo Aristoteles auftritt, führt weiter durch Revolutionen und politische Umbrüche bis zur Verfinsterung des Totalitarismus, in der die Menschen nicht mehr Menschen sind, sondern nur noch Marionetten. Fast wie nebenbei bekommt die kleine Hannah auf ihrer Reise eine Vorstellung von den zentralen Gedanken Arendts, ihrer Idee vom Handeln, von der totalitären Gesellschaft, von der Möglichkeit des Neuanfangs.

Die Chance eines Neuanfangs im Handeln ist – wenn man so will – die Kernbotschaft des Büchleins, das jedoch an keiner Stelle belehrend oder missionierend ist: „Ich behalte den Glauben an das Unvorhersehbare“, antwortet die große Hannah. Und vor allem behalte ich den Glauben an dich! Was meinst du, was gibt der Welt die Möglichkeit des ständigen Neuanfangs?“ – Das Mädchen denkt nach. Dann leuchten seine Augen auf: „Die Kinder!“.

Es wäre zu wünschen, dass Kinderbücher wie dieses noch Platz finden in den Regalen der Kleinen. Mag sein, dass Finanz- und Fachwissen in der heutigen und künftigen Welt immer wichtiger werden. Fundamentaler aber ist immer noch die alte philosophische Frage, wie wir leben wollen.

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erstellt am 31.7.2015

Illustration von Clémence Pollet aus dem besprochenen Band.
Mit freundlicher Genehmigung von diaphanes

Marion Muller-Colard (Text)
Clémence Pollet (Illustration)
Hannah Arendt auf der Bühne
Aus dem Französischen von Thomas Laugstien
Gebunden, 64 Seiten, 64 farb. Abb.
ISBN 978-3-03734-530-6
diaphanes Verlag, Zürich 2015

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