Stefano D`Arrigo hat in seinem außergewöhnlichen Roman Horcynus Orca mythologische Erzählungen mit den großen Krisen der Gegenwart in Verbindung gebracht und damit ein europäisches Großwerk geschaffen, in dem der kriegerische Killerwal eine Hauptrolle spielt. Dieter Maier schreibt, warum dieses Buch so wichtig ist.

Buchkritik

Ein Meer von Blut und Tränen

Von Dieter Maier

In Sizilien ist die Antike präsent. Es gibt eindrucksvolle Tempelanlagen und griechische Ortsnahmen, und wenn die Kinder nicht brav sind, kommt Homers einäugiger Menschenfresser Polìfemo (Polyphemos). Der Legende zufolge hausten die Ungeheuer Skylla und Charybdis, denen Odysseus nur durch eine List entging, auf den beiden Seiten der Meerenge zwischen Sizilien und dem kontinentalen Italien. Auch Katastrophen: Vulkanausbrüche, See- und Erdbeben, Invasionen, Piratenüberfälle, die Mafia, Kriege und Hungersnöte gehören zur kollektiven Erinnerung.

Dies ist der Hintergrund zu Stefano D`Arrigos epischem Roman Horcynus Orca. Die Handlung ist bald erzählt. Im Zweiten Weltkrieg desertiert der Matrose `Ndrja Cambrìa und schlägt sich von Kalabrien zu seinem sizilianischen Küstendorf durch. Das Ganze spielt auf engem Raum und in wenigen Tagen. `Ndrjas Dorf besteht aus ein paar Fischerfamilien und einem Strandaufseher, der das einzige Buch weit und breit hütet, einer entlaufenen Nonne, die für die höheren Dinge zuständig ist, dazu ein Invalide mit abgefaulter Hand. Da die deutsche Wehrmacht das Boot des Dorfes mit toten italienischen Soldaten beladen und versenkt hat und die von Süden nach Norden vorstoßenden Engländer und Amerikaner ein Ausfahrverbot verhängt haben, hungern die Fischer und haben reichlich Zeit zum Reden. D`Arrigo lässt sie rhetorisch ausgefeilte Debatten führen, von denen eine in die Nähe des philosophischen Nominalismusstreits gerät. Soviel Zeit sich die Fischer nehmen, soviel Buchseiten füllt der Autor mit ihren Debatten. Wer je erlebt hat, wie sich in einem sizilianischen Bus die Fahrgäste aus irgendeinem Anlass in zwei Lager teilen und dann die Argumente hin- und herfliegen, kann sich in die Fischer, die mit knurrenden Mägen auf den Sonnenuntergang warten, hineinversetzen. Pro und Kontra, Wortwitze und Schmähungen machen aus dem Strand eine Rednerbühne. D`Arrigo arbeitet mit der Technik der Verbreiterung: Einzelne Sätze, ja Silben reflektiert er in einer sprachverliebten Prosa, die immer weiter ausschwingt.

Horcynus Orca ist eine Nachdichtung der Odyssee mit Anklängen an Moby Dick, bewundernswert im Deutschen „nachgestaltet“ von Moshe Kahn. Der Autor arbeitet mit antiken Stilmitteln. Zu Beginn seiner Reise trifft `Ndrja auf einen Trupp von Prostituierten, die, sogar mit Masken wegen ihrer blatternzerfressenen Gesichtern, als Chor und als Einzelsprecherinnen auftreten. Der Strand wird zur Bühne. Eine der Frauen (Circé, also Homers Kirke) setzt `Ndrja nachts mit einer Barke nach Sizilien über; das Meer wird zum antiken Fluss Lethe, der ins Totenreich führt. Ihr Lohn ist der Liebesakt. Am anderen Ufer angekommen, erkennt `Ndrja – wie Odysseus – seine Heimat nicht wieder. Der Krieg hat sie unwirklich gemacht, Vater und Sohn voneinander entfremdet. Die Erzählung wird nach dem Muster der Märchen aus 1001 Nacht immer verschachtelter, D`Arrigos Sprache und Neologismen (z.B. „Femiotinnen“ für Prostituierte) werden immer virtuoser. Der Roman enthält kurze Prosastücke von höchster Erzählkunst: Ein deutscher Panzer verirrt sich beim Rückzug der Wehrmacht aus Neapel, ein Trupp Jugendlicher (halb Bande, halb Partisanen) bringt ihn mit Handgranaten aus der Spur, er kommt auf einer Brache zu stehen, ein blutender deutscher Soldat steigt aus, streckt linkisch die Hand zum Gruß aus, bis ihm einer der Jugendlichen, der im Krieg verletzt wurde, sein Messer in den Bauch rammt. Solche eingesprengten Kurzgeschichten erzeugen immer neue Spannungsbögen in diesem Riesenwerk. Der Bettlerstolz dieser Einsprengsel ist der Kontrapunkt zur epischen Großzügigkeit.

Der Roman spielt an einer doppelten Grenzlinie, der zwischen Kalabrien und Sizilien, also den beiden tödlichen Fallen Skylla und Charybdis, die zum Leitmotiv werden, und zwischen dem thyrennischen und dem ionischen Meer, die mit ihren gegenläufigen Strömungen und Strudeln die Fischerboote in Gefahr bringen. Dieser Erzählraum schrumpft fast zum Schnittpunkt der beiden Linien, einem utopischen „Niemandsmeer“ (S. 1040) oder erweitert sich zum Mittelmeer mit seinen afrikanischen Winden und Delfinen. Ein Felsenvorsprung, auf dem die Fischer stehen, wird zur Tribüne, an der D`Arrigo Weltgeschichte vorbeiziehen lässt. Der schmale Küstenstreifen (an dem der Autor geboren ist) und die kurze Erzählzeit expandieren in eruptiven Stößen.

Dieser dem Land vorgelagerte Erzählraum ist bevölkert von einer maritimen Gegenwelt der Menschen, vor allem von Delfinen, nach einem Dialektausdruck Feren genannt. Sie furzen und rülpsen, paaren sich, sind elegant, verspielt und kokett, heimtückisch und todbringend. Sie zerfetzen die Netze der Fischer, die sie dafür schänden, sogar im Zweikampf töten. Dann taucht der Mörderwal Horcynus Orca auf und massakriert die anderen Meerestiere. Auch er ist Projektionsfigur. Er trägt eine schwärende Wunde und stinkt nach Verwesung. Er erscheint in kafkascher Verwandlung als Kriegsschiff oder als Mussolini und steht schließlich für den Krieg selbst. Die Fischer sehen in ihm eine mythologische, gar unsterbliche Figur wie das Seeungeheuer, vor dem im sizilianischen Puppentheater der kühne Ritter Ruggiero die an einen Felsen gebundene Angelica rettet. Orca spendet das himmlische Manna, aber als vom Meeresgrund aufgewirbelte Aal-Babys, die die Schüsseln der Dörfler füllen. Die Umdeutung vom Himmelsbrot zur Proteinlieferung aus der Tiefe zeigt den Realismus, mit dem D`Arrigo Mythen aktualisiert.

Ein Fischhändler erkennt Orcas Verwertbarkeit und bombardiert ihn mit selbstgefertigten Dynamitbüchsen. Die vertriebenen Delfine kommen zurück, sehen ihn wehrlos und zerfetzen seine Schwanzflosse. Das vom Krieg schon gerötete Meer wird zum Blutmeer. Ein englisches Landungsboot zieht den toten Wal an Land, wo ihn die Dorfbewohner ausschlachten. Ihr „ehrliches und schönes“ Fischereihandwerk ist zum Glied einer Verwertungskette geworden.

`Ndrja macht sich noch einmal auf den Weg. Er will in Messina an einer Ruderregatta teilnehmen, bei der eine italienische Mannschaft gegen englische und amerikanische Matrosen antreten soll. Von dem Geld, das er dafür bekommt, will er dem Dorf ein neues Boot finanzieren. Er verabschiedet sich von seiner Braut, die er als Mädchen verlassen hat und die nun Brüste hat „wie zwei Zitronenhälften“ und seine Küsse verdächtig geschickt erwidert. Der Abschied ist eine Mischung aus Liebesszene und halb schmollendem, halb temperamentvollem Auftritt der Frau.

Dieser Teil des Romans ist so burlesk erzählt, dass Leserinnen und Leser sich stille Hoffnung auf einen guten Schluss machen. `Ndrja und seine Gefährten rudern im Überschwang nachts zwischen den Kriegsschiffen hinaus, aber ein Wachposten erschießt ihn auf der vorletzten Seite, der Seite 1453. „Das Boot glitt hinauf zu den Meeren zwischen Skylla und Charybdis, unter den zerrissenen Seufzern und Klagen der Jungs, wie in einem Meer von Tränen“.

Der Übersetzer gesteht im Nachwort, dass er über zwei Jahre brauchte, um das Original zu lesen. Horcynus Orca erfordert Geduld. Wer sie aufbringt, wird durch eine Fülle von Motiven und Erzählsträngen belohnt, die D`Arrigo in sein Romanepos integriert, ohne dass dies je gezwungen oder angestaubt wirkt. Die lange Reise nach Charybdis lohnt die Mühe. Wer nicht in Sizilien war, war nicht in Italien, sagt Goethe. Wer Horcynus Orca nicht gelesen hat, kennt die italienische Literatur nicht.

Dr. Dieter Maier, geboren 1946 in Frankfurt am Main, wo er heute noch lebt, studierte dort Germanistik, ev. Theologe und Philosophie und schrieb einige Bücher zu Chile, darunter F.P. Heller (Pseudonym): Lederhosen, Dutt und Giftgas: die Hintergründe der Colonia Dignidad. 4., erweiterte und aktualisierte Aufl., Schmetterlingverlag Stuttgart 2011 und Friedrich Paul Heller: Pinochet: eine Täterbiografie in Chile. Stuttgart, Schmetterlingverlag 2012.

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erstellt am 31.7.2015

Stefano D'Arrigo
Horcynus Orca
Roman. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn
Gebunden, 1472 Seiten
ISBN: 978-3-10-015337-1
S. Fischer, Frankfurt am Main 2015

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Paul-Celan-Preis 2015

Moshe Kahn, der den Orca übertragen hat, bekommt dieses Jahr vom Deutschen Literaturfonds den Paul-Celan-Preis für herausragende Übersetzungen ins Deutsche. Der Preis wird am 15. Oktober 2015 während der Frankfurter Buchmesse überreicht.