Ausstellung in Landerneau

Der „ganze“ Giacometti

„Von Giacometti kenne ich so kräftige, so leichte Skulpturen, daß man von Schnee sprechen möchte, der einen Vogeltritt bewahrt“, schrieb Jean Cocteau in seinem „Tagebuch eines Entwöhnten“ 1930 über den Schweizer Bildhauer.

Seit dem 14. Juni und derzeit noch bis zum 25. Oktober sind in den Räumen eines ehemaligen Kapuzinerklosters im bretonischen Landarneau in der Nähe von Brest 150 bemerkenswerte Werke des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti zu sehen: die ganze Spannbreite seines Werkes vom Kubismus zum Surrealismus, bis hin zur lebensgroßen ausschreitenden Skulptur „L'Homme qui marche“, die Giacometti 1960 ursprünglich für den im Bau befindlichen Wolkenkratzer der Chase Manhattan Bank in New York entworfen hatte und die dann 1962 erstmals auf der Biennale in Venedig präsentiert wurde.

Ausstellungsansicht Alberto Giacometti. © Fonds Hélène & Edouard Leclerc pour la Culture et Fondation Giacometti. Foto: Petra Kammann

In der Ausstellung sind die verschiedensten Genres vertreten: Skulpturen, Zeichnungen, Ölgemälde, Fotos und unveröffentlichte Werke. Da das Pariser Atelier das Zentrum seines Schaffens war, in dem auch Schriftsteller, Filmemacher und Fotografen, u. a. Henri Cartier-Bresson, aus- und eingingen, ist auch diesem eigens ein gleichgroßer Ausstellungsraum gewidmet. Zu Recht. In seinem Atelier untersuchte und inszenierte Giacometti über 40 Jahre lang das Zusammenspiel von Kunst und Leben; eine Welt für sich – mit seinem eigenen Kopf als Ikone. Die lebendigen Schwarzweiß-Fotos geben einen Einblick in seine tägliche und oft nächtliche Arbeit in diesem beengten Raum von gerade mal 25 Quadratmetern mit dutzenden von aufgetürmten Arbeiten, die jeweils neue Räume auf kleinstem Raum schaffen.

Gemeinsam mit dem Ausstellungsarchitekten Christian Alandate entwickelte die Kuratorin und Leiterin der Giacometti-Stiftung Catherine Grenier einen Parcours, der jedem einzelnen Werk Giacomettis Raum und Luft gibt und in dem sich dessen jeweilige Schönheit entfalten kann. Das erscheint gerade für Giacometti bedeutsam, da ein Großteil seines Werks aus zum Teil sehr kleinen Skulpturen besteht, die in dem schlichten Raum besonders gut atmen können Giacometti-Stiftung. Insgesamt werden die Achsen seines Gesamtwerks thematisch und chronologisch so miteinander verbunden, dass der Betrachter begreift, welche Überlegungen den Künstler ‬umgetrieben haben mögen, um eine jeweils neue Schaffensperiode einzuleiten.

Daneben wurden zwei bemalte Gipsmodelle von „La femme de Venise“, „Die Frau aus Venedig“ von der Hélène und Edourad Leclerc-Stiftung restauriert und konnten hier zum ersten Mal ausgestellt werden. Die Restaurationsarbeiten wurden von einem Film begleitet, der in der Ausstellung zu sehen ist. An ihnen lässt sich die prozesshafte Arbeitsweise Giacomettis besonders deutlich ablesen. Ein halbes Jahr lang hatte er in seinem Atelier immer wieder an der gleichen Figur gearbeitet, Ton hinzugefügt und ihn an anderer Stelle wieder abgenommen.

Der Leclerc-Stiftung als Veranstalter ist – nach Miró im vergangenen Jahr – damit abermals ein Coup gelungen, ein breites Publikum in das kleine idyllische Städtchen Landerneau zu ziehen. Chapeau!

erstellt am 29.7.2015

Alberto Giacometti, „Homme qui marche“, 1960, Bronze, 180,5 × 23,9 × 97 cm. © Fonds Hélène & Edouard Leclerc pour la Culture et Fondation Giacometti. Foto: Petra Kammann

Ausstellung in Landerneau

Alberto Giacometti

Bis 25. Oktober 2015

Fund Helena & Édouard Leclerc, Landerneau, Frankreich

Alberto Giacometti, Composition dite cubiste II, um 1927, Bronze 38,2 × 28,4 × 27,1 cm. © Fonds Hélène & Edouard Leclerc pour la Culture et Fondation Giacometti. Foto: Petra Kammann

Alberto Giacometti, Femmes debout, 1957, Gips und Bronze, 131,5 × 19 × 32,5 cm. © Fonds Hélène & Edouard Leclerc pour la Culture et Fondation Giacometti. Foto: Petra Kammann