Kleine Zettel, sowohl mit persönlicher Bedeutung, als auch Fundstücke, nimmt die Malerin Andrea Blumör zur Grundlage für ihre Arbeiten. Im Malprozess greift sie dann auf die altmeisterliche Imprimiturtechnik zurück. Eugen El hat Andrea Blumör in ihrem Offenbacher Atelier besucht.

Kunst

Formen und Zeichen

Ein Atelierbesuch bei Andrea Blumör

Von Eugen El

Es kann eine flüchtig hingekritzelte Wegbeschreibung sein, eine Gedächtnisstütze, eine Fahrkarte. Kleine Zettel, einige mit persönlicher Bedeutung aufgeladen, einige auch Fundstücke, nimmt die Malerin Andrea Blumör zur Grundlage für ihre Arbeiten. Jedes dieser Papierstücke trägt eine Information, und es wird für Blumör zum Anlass, zum künstlerischen Material. Blumör projiziert sie zunächst mithilfe eines Overheadprojektors auf die Leinwand. Es folgt ein langwieriger Malprozess. Dabei greift Andrea Blumör auf die altmeisterliche Imprimiturtechnik zurück. Zunächst legt sie auf der Leinwand eine graue Grundfläche an, überträgt in weißer Tempera die Zeichen und legt dann eine Schicht böhmischer grüner Erde auf. In mehreren dünnen Farbschichten wird das Bildmotiv anschließend aufgebaut. Dafür braucht Blumör mitunter mehrere Monate.

Zur Kunst und zur Malerei kam Andrea Blumör über Umwege. In Hessen geboren, zog sie Ende der achtziger Jahre nach West-Berlin und erlebte dort den Mauerfall. In Essen ließ sie sich dann zur Industriemechanikerin ausbilden. Kontinuierlich habe sie damals schon gezeichnet, aber ohne professionellen Anspruch, erzählt die Künstlerin. Die Teilnahme an einer Essener Sommerakademie brachte schließlich die Wende. Es folgte ein Kunststudium, das sie 2007 abschloss. Dortbeschäftigte sich Blumör intensiv mit der Ölmalerei und den klassischen Maltechniken.

Einige von Andrea Blumörs neuen Bildern sind von einer Reise in die senegalesische Hauptstadt Dakar inspiriert. 2014 hat sie dort einen Workshop organisiert und geleitet. Eine großformatige, in warmen Tönen gehaltene Leinwand zeigt skizzenhafte Formen und Textfetzen, die sich als eine Wegbeschreibung entpuppen. Den Weg zu einer Galerie in Dakar, die auf dem Originalzettel aufgezeichnet war, fand sie jedoch nicht, berichtet Blumör. Eine weitere, blaugrau grundierte Leinwand ist mit vergrößerten, gekritzelten Unterschriften und französischen Wörtern übersät. Hierfür nahm Blumör Fahrkarten aus Dakars öffentlichen Verkehrsmitteln zur Vorlage, eine Vorlage, die einerseits eine Geschichte erzählt, aber auch von einem funktionellen Zusammenhang zeugt.

Im Gespräch mit dem Kunsthistoriker Thomas Hammacher verortet Andrea Blumör ihre Arbeitsweise zwischen konkreter, auf sich selbst verweisender, und abstrakter, auf etwas außerhalb des Bildes verweisender, Malerei. Einerseits gehe es um das Material, „die vielen dünnen Schichten von Farbe“. Zugleich sei aber das beschriftete Papier, „das Ereignis, was dieses Zettelchen bezeugt“, als Ausgangspunkt für die Gemälde entscheidend. Für das fertige Bild wiederum spielt die Geschichte, die die Vorlage erzählt, eine untergeordnete Rolle. Die Malerei tritt in den Vordergrund, das Bild öffnet sich für mannigfaltige Betrachtungsweisen. Auch wenn Andrea Blumörs Arbeiten ein gewisser Grad an Konzeptualität eigen ist, spielt der Malprozess eine große Rolle. Letztendlich weiß sie nicht, wie das Bild am Ende aussehen wird.

Andrea Blumörs künstlerische Praxis ist reflektiert und subtil, und nicht nur der Entstehungsprozess ihrer Arbeiten ist langsam. Als Betrachter muss man sich auf Blumörs Leinwände bewusst einlassen, um ihre Komplexität erfassen zu können. Dennoch funktionieren sie stets auch visuell, ohne zusätzlichen Kontext. Blumörs kompaktes Atelier im Offenbacher Atelierhaus „Zollamt Studios“ zeugt von einem konzentrierten Arbeitsprozess. Zuweilen findet sich auch Platz für Austausch mit Kolleginnen, wie zum Beispiel der Malerin Michelle Concepción, deren Atelier sich nebenan, im gleichen Stockwerk befindet.

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erstellt am 28.7.2015

Andrea Blumör o.T., Tempera, Öl/Leinwand, 165 × 165 cm, 2007

Andrea Blumör o.T., Tempera, Öl/Leinwand, 200 × 200 cm, 2015

Andrea Blumör o.T., Tempera, Öl/Leinwand, 200 × 120 cm, 2014