Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Wie eine mündliche Erzählung von der Geschichte eines Landes, angereichert mit mythologischen und naturmagischen Elementen, aussehen kann, führte bei den diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspielen Rokia Traoré aus Mali vor. Ebenfalls beeindruckt war Thomas Rothschild von Fazil Say, der längst zur ersten Liga der Pianisten gehört.

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2015, Teil 4

Vom Gezi Park nach Ludwigsburg

Von Thomas Rothschild

Es ist schon erstaunlich, wie wenig Fantasie bei den zurzeit ausufernden Debatten über die Zukunft oder das Verschwinden der Zeitung, wie wir sie in den vergangenen Jahrhunderten kannten, entwickelt wird. Dabei genügte ein kurzer Blick in die Geschichte, um davon zu überzeugen, dass Kommunikations- und Informationsformen entstehen und wieder verschwinden. Die verschiedensten Kulturen kannten lange vor Erfindung des Buchdrucks oder gar elektrisch betriebener Multiplikations- und Verstärkungstechnologien den mündlichen Vortrag von Epen, deren Umfang eine erstaunliche Gedächtnisleistung erforderte. In Südosteuropa konnte man vor einer Generation noch Überreste davon erleben. Bei uns ist sogar die Großmutter, die den Enkeln Märchen erzählt, erst durch Tonbandkassetten und jetzt durch allerlei digitale Techniken obsolet geworden, selbst allenfalls ein Relikt in altmodischen Märchen.

Wie solch eine mündliche Erzählung von der Geschichte eines Landes, angereichert mit mythologischen und naturmagischen Elementen, aussehen kann, führte bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen Rokia Traoré aus Mali vor. Unterbrochen wird der im Sitzen leise vorgetragene Text durch Gesänge, die von zwei traditionellen Saiteninstrumenten begleitet werden. Interessant ist bei dem Text, der dem genealogischen Schema folgt, wie wenig exotisch er wirkt, wie viele bekannte Motive einem begegnen. Man denkt an die konkurrierenden Theorien der Märchenforschung, die solche Ähnlichkeiten entweder mit Überlieferung durch Reisende oder mit anthropologischen Universalien begründen. Vielleicht wäre das ja eine Perspektive für die nächsten Jahre: anstelle der immer weniger Informationen enthaltenden Tageszeitung zum Frühstück – eine Sängerin, die uns berichtet, wie ein griechischer Jäger eine deutsche Prinzessin gewann, indem er den Börsenbullen erlegte, und wie der retardierte Sohn der buckligen Königsmutter das Reich in eine strahlende Zukunft führte.

Fazil Say gehört längst zur ersten Liga der Pianisten. Diesmal spielte er in Ludwigsburg zwischen zwei Sonaten von Mozart, denen er spontan die Fantasie in c-Moll KV 475 voranstellte, und vier Préludes von Debussy eine eigene Sonate mit dem programmatischen Titel „Gezi Park 2“. Das tonmalerische Stück verdoppelt kurze Phrasen, in denen die linke Hand eine bedrohliche Stimmung erzeugt, gegen die lyrische Motive im höheren Bereich nur schwer ankommen. Und wieder eine kulturübergreifende Universalie: das Grundprinzip der Repetition rückte Says Komposition in die Nähe der Instrumentalbegleitung von Rokia Traoré. Im Publikum sah man zahlreiche Türken. Wer sagt denn, dass sich „Gastarbeiterkultur“ in Folklore erschöpfen muss? Dass die Türken ständig Döner essen, ist ein Klischee. Dass ein Teil der schwäbischen Besucher des Open Air Konzerts bei den Schlossfestspielen klassische Musik nur erträgt, wenn er – nicht etwa in den Pausen, wie in Glyndebourn, sondern simultan – Leberkäse aus dem Picknickkorb kaut, ist beobachtbare Wirklichkeit. Die Vorurteile sind leider ebenso beständig wie die Ignorierung der Tatsache, dass nach Deutschland eingereiste Frauen und Männer mit Abitur und Hochschulabschluss in untergeordneten Jobs arbeiten müssen. So schrecklich weit sind wir von einer Sklavengesellschaft nicht entfernt. Das mochte man vergessen, als jene, die trotz tropischer Hitze den Weg in den vollen Ordenssaal gefunden hatten, dem Jazzpianisten Fazil Say nach der ersten Zugabe, einer einfallsreichen Version von George Gershwins „Summertime“, zujubelten.

Das Scala – die Einheimischen bestehen auf dem sächlichen Artikel – ist eine legendäre Ludwigsburger Kultureinrichtung, einst als Zentrum alternativer Kultur revitalisiert und geleitet vom heutigen baden-württembergischen Kulturstaatssekretär Jürgen Walter, in den vergangenen Jahren mehr und mehr vernachlässigt und verödet, nun aber saniert und unter neuer Leitung wieder in Betrieb genommen. Es ist nur logisch, wenn sich die Schlossfestspiele mit einem ungewöhnlichen Projekt in diesem schönen, aber mit rund einem halben Dutzend Veranstaltungen im Monat sträflich unterforderten Theater einquartiert haben. Der 79jährige brasilianische Multiinstrumentalist Hermeto Pascoal, selbst eine Legende wie das Scala, war zu Gast, zusammen mit dem Berliner Andromeda Mega Express Orchestra, das sich seinen Kompositionen in Arrangements des Orchesterleiters Daniel Glatzel widmet.

Hermeto Pascoal, begleitet von der Sängerin Aline Morena und dem eher zurückhaltenden Perkussionisten Fábio Pascoal, ließ sein früheres Format nur ahnen. Er kasperlte über die Bühne, spielte mal den senilen Greis, mal das übermütige Kind, und verschwand dann wieder. Viel geprobt war offenbar nicht geworden. Pascoal gab Handzeichen für Einsätze einzelner Musiker, die eher hilflos zu reagieren schienen. Sogar der Festspielintendant musste einen sängerischen Beitrag aus dem Repertoire des frühen Scala-Kinos leisten. So verlegen hat man ihn noch nie gesehen. Der Charme der Veranstaltung lag weniger im musikalischen Output als in ihrem anarchischen Charakter. Wenn man davon spricht, dass Musik „gespielt“ wird: hier traf es zu. Hermeto Pascoal dankte wortreich, das Orchester verließt grußlos die Bühne, und die Schlossfestspiele waren um eine Erfahrung reicher.

Zum Abschluss der diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele gab es noch einmal ein Konzert des üblichen Zuschnitts. Thomas Wördehoff hatte nach einem Dissens mit Michael Hofstetter angekündigt, dass er ohne Chefdirigenten auskommen wolle und wechselnde Handschriften für das Festivalorchester vorziehe. Die Politik bestand jedoch auf einem Chefdirigenten, und so erfüllt seit heuer der Finne Pietari Inkinen diese Funktion. Drei Konzerte hat er dirigiert, mit Bach, Strawinsky, Inkinens Landsleuten Sibelius und Rautavaara und nun, zuletzt, mit Beethovens Violinkonzert und der 5. Symphonie von Schostakowitsch. Glanz erhielt dieser Abschluss durch den Solisten: Pinchas Zukerman kam an den Neckar und machte das so vertraute Beethoven-Konzert zu einem Erlebnis. Der Einsatz des Orchesters nach den Kadenzen hörte sich an, als hätte es seit Jahren kontinuierlich mit dem Solisten eine Klangeinheit gebildet. Es war mehr als eine Geste der Bescheidenheit, wenn Inkinen Zukerman und dieser dem Dirigenten und dem Orchester den frenetischen Beifall überließ. Sie haben ihn alle verdient. Mit diesem Konzert hat Wördehoff, dessen Sympathie ohne Zweifel den „Grenzgängen“ gehört, jenen ein weiteres Mal den Wind aus den Segeln genommen, die nach „großen Namen“ rufen, aber, da sie eher aus der Politik als aus der Kultur stammen, dafür möglichst wenig Geld ausgeben wollen.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 26.7.2015

Rokia Traoré Foto © Zazzo

Fazil Say Foto © Marco Borggreve

Hermeto Pascoal

Pietari Inkinen Foto © Jan David Günther / Ludwigsburger Schlossfestspiele