Man weiß, dass die meisten Kinobesucher die Filmmusik gar nicht hören, weil sie ganz mit dem bewegten Bild beschäftigt sind. Eine Musik sollte man aber hören, empfiehlt Hans-Klaus Jungheinrich, nämlich die des Klassikers „Modern Times“, die der Regisseur und Hauptdarsteller Charlie Chaplin selbst komponiert hat. Andere Hinweise betreffen besondere Musik jenseits des sowieso Bekannten.

CD

Wie im Film

Von Charlie Chaplin zu Martin Luther

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Oft begegnet man in einem Film-Abspann dem Posten „Buch und Regie“, aber fast niemals treffen sich „Musik und Regie“ in einer Person. Charlie Chaplin schnappte sich in zunehmendem Alter und bei wachsender Erfahrung mit dem Tonfilm jedoch die gesamte künstlerische Verantwortung über seine Hervorbringungen und muss auch als Komponist äußerst pingelig gewesen sein. Das Wort Komponist braucht man nicht in Anführungsstriche zu setzen, denn er vermochte zwar keine Noten aufzuschreiben (das Lesen gelang ihm wohl einigermaßen), hatte aber präzise, weit gehende Vorstellungen über das zu Erklingende. Viele berühmte U-Musiker – so etwa Irvin Berlin – verließen sich so auf „Assistenten“, denen sie ihre Melodieeinfälle soufflierten samt mehr oder weniger genauen strukturellen Details; in der avancierten E-Musik des 20. Jahrhunderts war Giacinto Scelsi der Prominenteste, der gleichermaßen verfuhr. Als Chaplins professioneller Helfer arbeitete unter anderen auch Alfred Newman, später einer der besten Filmmusikkomponisten Hollywoods.

„Modern Times“ aus dem Jahr 1935 ist einer der „klassischsten“ Chaplin-Filme, und er hat auch musikalisch Erhebliches zu bieten. Es beginnt gleich mit einer Ganzton-Fanfare, die übrigens vom Filmverleih „Tobis“ als klangliches Logo übernommen wurde. Bemerkenswert sind natürlich die spritzigen, dissonant aufgewürzten Musikpassagen, die im Film Charlies grotesken Kampf mit den technischen Monstrositäten und der Akkordarbeits-Geschwindigkeit begleiten. Immer wieder aber fällt Chaplin für seine Filme eine lyrische Liebesmelodie ein, die ans Sentiment rührt, ohne trivial zu sein. Ein echter, unschuldig schöner Ohrwurm, bei dem man nicht nach Puccini-, Gershwin- oder ähnlichen Anlehnungen fragt. In „Modern Times“ und „Limelight“ gibt es vielleicht die rührendsten dieser Liebesmelodien. Dass sie nur aus einer kurzen Phrase bestehen, die nicht eigentlich entwickelt, nur bei Bedarf instrumental aufgeblasen wird, macht nichts. Man verlangt von einem in seiner festen Gestalt bleibenden funkelnden Edelstein ja auch nicht, dass er sich in ein glitzerndes Meer auflöse.

Die Musik der Westernfilme könnte man als eigenes Genre definieren. Es handelt sich durchweg um weiträumig-großorchestrale Landschaftspanoramen à la „Alpensinfonie“ (Strauss), gerne auch mit Einschüssen von Countryklängen. So präsentieren sich auf einer neuen CD etwa die Musiken von Dimitri Tiomkin, Elmer Bernstein, Bruce Broughton oder Alfred Newman zu Hollywood-Western (mit der aparten Ausnahme einer vokalen „Kantate“ von Tiomkin zu „The Alamo“). In deren Kontext wirkt der Soundtrack von Martin Böttcher zu deutschen Karl-May-Verfilmungen schläfernd baldrianisch. Ganz anders das Filmmusikschaffen des genialen Enrico Morricone, das sich auch mit dem grandiosen italienischen Western-Ableger Corbuccis und Leones verbündete. So gelang Morricone für Sergio Leones „Once upon a time in the west“ eine geradezu abgründig meisterliche, eine in ihrer Art ultimative Filmmusik, die auch in der kaum mehr als sechsminütigen Suitenfassung ganze Kontinente der Erinnerung heraufholt: beginnend mit einer suggestiv „verfremdeten“ Mundharmonika, dann hochpathetisch sich aufwölbend mit späterem Choreinsatz, des weiteren noch einmal kurz in das nostalgische Tal eines zopfig-zupfigen Großmütterchen-Ländlers erreichend und endlich in eine weitere Steigerungsperiode übergehend. Das alles hochpoetisch und allein als Musik schon voller Hinweise auf das „once upon“. Die CD des 21th Century Symphony Orchestra & Chorus unter der Leitung von Ludwig Wicki gibt in ihrer opulenten Anthologie den Musikfragmenten von Morricone einen erfreulich großen Raum (www chaosrecords de). Für die Chaplin-CD war der Dirigent Timothy Brock stab- und federführend, und man dankt ihm die akribische Rekonstruktion und Darbietung einer Gesamtpartitur (mit den zuverlässigen NDR-Radiophilharmonikern Hannover), die mit fast 80 Minuten Spieldauer in jedem Moment interessant bleibt (cpo777286-2).

Man sieht nicht ohne Wohlgefallen, wie Weltmusik – oder sachlicher: Musik aus aller Welt – auch das Repertoire deutscher Ensembles zunehmend beschwingt. So widmet sich die Sächsische Bläserphilharmonie samt dem zünftigen Alma Llanera Quintet unter der Leitung von Thomas Clamor unter dem Titel „Soul of the Plains“ ausschließlich venezolanischer Musik von Alma Llanera (Genuin GEN 15358), die zwischen Folklore und unterhaltsam-„klassischem“ Stil pendelt, also einem Idiom und Format, wie man sie aus den Encore-Stücken kennt, mit denen das Simon Bolivar-Jugendorchester nach seinen seriösen Gastspielprogrammen zirzensisch Begeisterungsstürme hervorruft. Und das Württembergische Kammerorchester Heilbronn, das so glücklich ist, mit einem exzellenten Chefdirigenten aus Armenien zusammenzuarbeiten (Ruben Gazarian), macht sich zum Anwalt großartiger zeitgenössischer Komponisten dieses Kaukasuslandes, darunter der subtile und tiefgründige Tigran Mansurian mit einer gehaltvollen Fantasie für Klavier und Streichorchester. Wie in einem Film wird es dann aber, wenn, gleichsam als ein die klischeehaften Kaukasus-Erwartungen endlich erfüllendes Pflichtstück, doch noch Aram Khatchaturians Säbeltanz erscheint, der auch in kammerorchestralen Verkleinerung nichts von seinem filmmusikalischen Effekt verliert (Bayer Records).

Eine prachtvolle Filmszene gibt natürlich „Luther in Worms“ ab, der aufmuckende kleine Mönch wider die finster geballte offizielle Kirchenmacht, David gegen Goliath, und im schönsten Sinne legendenbildend der scheinbar Schwache als der historische Sieger (anders als 200 Jahre vorher der arme tschechische Reformator Jan Hus beim Konzil in Konstanz). Auch Luther war in Todesgefahr, und Rom wird sich hinterher schwer geärgert haben, dass ihm dieses Mordopfer entging. Unter dem Titel „Luther in Worms“ veröffentlichte der sonst vergessene norddeutsche Tonsetzer Ludwig Meinardus (1827-1896) ein prächtiges Oratorium im Mendelssohn-Stil, das zu verschiedenen Luther-Gedenkjahren immer wieder einmal ausgegraben wurde. Erfolgreich war es vor allem in der Uraufführungszeit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 und willfahrte dabei dem preußisch-protestantisch bleckenden Zeitgeist, der sich dann leider ja auch in einer betont antirömischen (bis)mar©kigen Kultur- bzw. Religionspolitik niederschlug. Den Vorwurf des Martialisch-Aufpeitschenden verdient indes das Werk von Meinardus nicht; sein musikalisches Bekennertum wirkt nicht unbedingt militant. So wird auch das notorische lutherische Trutzlied „Ein‘ feste Burg“ hier (im zweiten Teil) eher verhalten eingeführt, bevor es am Schluss dann aber doch in einen größeren Kollektivjubel gelenkt wird. Die Rheinische Kantorei und das Orchester Concerto Köln nehmen sich, zusammen mit einem veritablen Vokalsolisten-Oktett (!) und dem entdeckungsfreudigen Dirigenten Hermann Max, des umfänglichen Werkes profund an, und es ist dabei eine ökumenische Beruhigung, dass diese Lutherhuldigung inzwischen auch schon an ausgesprochen katholischen Örtlichkeiten zu Gehör gebracht wurde. Vielleicht dominiert in der verständigen ästhetischen Wahrnehmung nicht mehr die Konfession, sondern die filmgerechte dramatische Konstellation (cpo 777 540-2).

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erstellt am 25.7.2015

Charlie Chaplin
Modern Times (Filmmusik)
NDR Radiophilharmonie, Timothy Brock
cpo777286-2

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Alma Llanera
Soul of the Plains
Alma Llanera Quintet, Sächsische Bläserphilharmonie
Genuin GEN 15358

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Ruben Gazarian
Armenian Classic
Württembergische Kammerorchester Heilbronn
Bayer Records (BR 100 399)

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Ludwig Meinardus
Luther in Worms
Rheinische Kantorei, Concerto Köln
cpo 777 540-2

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