Es mag einem modernen Menschen etwas verkopft oder auch verzopft vorkommen, wenn erwachsene Leute in ein hochgelegenes Tal im Wallis reisen, um sich etwas vorlesen zu lassen, – und das, obwohl es doch sms, smiley und twitter gibt. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist nicht die einzige große Leseveranstaltung der Schweiz, aber, findet Bernd Leukert, eine besondere.

Internationales Literaturfestival Leukerbad 2015

Am liebsten ewig

Von Bernd Leukert

Thomas Kapielski, der in seinem in Berlin und Bamberg handelnden „Volumenroman“ „Je dickens, destojewski!“ mit aufwendigem Vokabular große philosophische Erkenntnisse und die Finessen der psychologischen Erzähltradition auf die kleinen Verhältnisse trinkfreudiger Kneipenbesucher herunterbricht und deshalb unausweichlich auf Eckhard Henscheid verweist, bildete den einen Eckpunkt des literarischen Programms beim ‚Internationalen Literaturfestival Leukerbad’, als der andere mag Barbara Lehmanns „Eine Liebe in Zeiten des Krieges“ sein, die intensive und nach allen dramatischen Regeln der Kunst ausgeführte Geschichte einer Liebe zwischen einer deutschen Journalistin und einem kaukasischen Freiheitskämpfer inmitten des Tschetschenischen Krieges und unter der russischen Hegemonie. Wo Kapielski seine Geschichte von Liebe, Mord und Totschlag im ironischen Gefälle zwischen Stil und Inhalt spielen lässt, wirkt Lehmanns Roman erfahrungsgesättigt und durchaus unmittelbar auf das Alarmsystem eines empfindsamen Lesenden.

Das ‚Internationale Literaturfestival Leukerbad’ genießt ein hohes Ansehen, an dem sicher Hans Ruprecht seinen Anteil hat. Er leitet das Festival seit 2005, und seine Erfahrung zeigt sich in der perfekten Organisation und im hohen Niveau der Veranstaltungen. Neben den über die Grenzen hinaus verbreiteten Schweizern Lukas Bärfuss, Thomas Hürlimann, Armin Senser und Peter Stamm waren bekannte Autoren wie Christoph W. Bauer, Österreich; Jérôme Ferrari, Frankreich; David Grossman, Israel; Fawwaz Haddad, Syrien; Meena Kandasamy, Indien; Serhij Zhadan, Ukraine, und Joachim Sartorius, Marcel Beyer, Gerhard Falkner, Judith Hermann, Thomas Hettche, Deutschland, sowie Nino Haratischwili, Deutschland/Georgien, dort vertreten: dem Amte wohlbekannt, mag man sagen. Doch in Leukerbad werden die Autoren vielseitig eingesetzt. Ist jemand Lyriker und Essayist, bekommt er in einer Serie mit anderen Lyrikern eine Viertelstunde zugeteilt, um sich mit einer Auswahl von Gedichten dem Publikum vorzustellen, am gleichen Nachmittag liest er an anderer Stelle aus seinen Essays, am Vormittag des nächsten Tages sitzt er mit Kollegen auf dem Podium, um ein vorgegebenes Thema (zum Beispiel „politische Literatur“) zu diskutieren, bekommt Mittags eine ganze Stunde, um ausführlicher etwa auch ganze Gedichtzyklen zu lesen. Und abends gehört er vielleicht auch noch zu denen, die sich bereit erklärten, mit Joachim Sartorius aus dessen Anthologie politischer Lyrik drei oder vier Gedichte vorzutragen.

Darüberhinaus mischt man in diesem 1.400 Meter hoch gelegenen, von einem beeindruckenden Gebirgskessel umschlossenen Walliser Hochtal gerne Autoren, deren Bekanntheit es noch nicht über die Grenzen der Schweiz hinaus geschafft hat, unter die Prominenz; oder es gibt Gelegenheit, regional wirkende Sprachkünstler kennenzulernen, die gleichwohl Großartiges hervorbringen, wie der vor mehr als 75 Jahren in Visp geborene Pierre Imhasly, der zum hochgerühmten Monograph, ja zum ‚Sänger der Rhone’ wurde. Imhaslys Eigenart, in einem Satz mehrfach die Sprache zu wechseln und mit diesem Changieren vom Französischen ins Deutsche, ins Italienische, Spanische, Wallisische einer südeuropäischen Empfindsamkeit Ausdruck zu geben, prägt auch das 2014 erschienene „Requiem d’Amour“, aus dem er im hohen, poetischen Ton vortrug. Das Werk, das mit seinem Abschiednehmen in Assoziationsketten von ferne an Paulus Böhmers „Kaddisch“ erinnerte, aber im Gegensatz dazu – Kyrie eleison – den Schöpfergott nach den letzten Dingen befragt: „Wozu sind wir am Leben?“, „Wo kommen die Geier her, außer von Goya?“.

Auch die jüngeren Lyriker ringen mit ihrem Gott und schrecken dabei nicht vor Umdeutungen zurück. Der lebhafte Christian Uetz, der in Zürich wohnt, hält es nur mit Mühe am Lesetisch aus. Der philosophische Poet fühlt sich an der Rampe wohl, aus dem Stand improvisiert er dort seine virtuosen Predigten über Religion und Sex, mit denen er auf dem schmalen Grat zwischen lebensphilosophischen Erkenntnissen („Dionysos ist im Gekreuzigten!“) und absurder Komik balanciert: „Ich lebe nicht mehr lange. Am liebsten ewig.

Christoph W. Bauer spannte seinen lyrischen Boden zwischen den Koordinaten Campino von den Toten Hosen und Catull aus; Anne Marie Kenessy fädelte mit ihren Gedichten die losen Enden auf, die der Dadaismus und die konkrete Poesie liegen ließen; Armin Senser, der lange schon in Berlin lebt, las hoffnungslose Verse vom Malerkind, das das Malen aufgab, und vom Bergsteiger, der absteigen und wieder aufsteigen muss: „Bergsteiger wollen hoch hinaus.“ Und Meena Kandasamy aus dem indischen Chennai trug ihre Poesie der lakonisch-bissigen Kritik am Kastensystem und der Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft mit einer bis zum Rap sich steigernden Dringlichkeit vor, die das handlungsunfähige Publikum beeindruckte, aber hilflos ließ.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Lyrik, die in Leukerbad einen privilegierten Platz zugewiesen bekam, mit ihren Lyrikern oft nicht die besten Präsentatoren hatte. Da wurde leise und viel zu schnell der Text heruntergenuschelt, als wäre er des Verständnisses nicht wert; andere Lyriker trugen ihre Dichtung mit prätentiöser Artikulation und mit überdramatisiertem, in den Gesang übergehenden Duktus vor. Man versteht, das ist jetzt modern, wirkt aber wie die Locken, die auf die Glatze gedreht werden, wo doch gegen die gelungene Glatze allein nichts einzuwenden wäre.

Schnörkellos, dafür mit Perspektiven verschiebenden Sprachbildern, die mit unüblichen Reflexionen verwoben sind, las die niederländische Lyrikerin Anneke Brassinga ihre „orphischen“ Gedichte, Hommages an tote Kollegen wie Walt Whitman, Stéphane Mallarmé oder T. S. Eliot, später über die Schönheit des Tanzes und einige Texte, die ihre Nähe zur Musik verriet, deren kundige Anverwandlung in eine empfindsam-musikalische Poesie vielleicht doch ein sinnvolles Gespräch über die Tonkunst eröffnet: etwa über das Adagio sostenuto aus Beethovens Hammerklaviersonate, die Sarabande aus Bachs Cellosuite Nr.5 oder Mozarts Klaviersonate F-Dur, KV 533. Anneke Brassinga hat als Übersetzerin von Sylvia Plath, Hermann Broch, Samuel Beckett, Ingeborg Bachmann oder Vladimir Nabokov begonnen. Im deutschsprachigen Raum ist ihre Dichtung so gut wie unbekannt. Das sollte sich ändern.

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erstellt am 24.7.2015

Lesung Nino Haratischwili. Foto: Jonas Ludwig Walter / Internationales Literaturfestival Leukerbad

David Grossman beim Autorenabend. Foto: Jonas Ludwig Walter / Internationales Literaturfestival Leukerbad

Lesung Fawwaz Haddad. Foto: Jonas Ludwig Walter / Internationales Literaturfestival Leukerbad

Dalaschlucht-Spaziergang. Foto: Jonas Ludwig Walter / Internationales Literaturfestival Leukerbad