Dass der Philosoph Max Scheler für die Beurteilung menschlichen Verhaltens gern auf die Tierpsychologie zurückgriff, kam ihm einst bei einem Streit zwischen einem Pferd und einem Reptil zugute. Otto A. Böhmer war Zeuge der Auseinandersetzung.

Holzwege

Nur keine Hemmungen

Der Philosoph Max Scheler

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Max Scheler hatte sich vom Freiburger Bahnhof aus in das Hotel „Jägerhaus“ bringen lassen, das im Westen der Stadt an einem rundum gelichteten Hang lag, der eine vorzügliche Aussicht bot. Im Dunst konnte man die blauen Kuppen des Kaiserstuhls erken­nen, und in der Ferne, vor einem schon vom Abendrot angestrahlten, fast wolkenlosen Himmel, ragten die Vogesen empor, die noch schneebedeckt waren. Scheler war im Hotel überaus freundlich begrüßt worden; man hatte ihn auf sein Zimmer geleitet, das einen gepflegten Eindruck machte und sogar einen kleinen Balkon zu bieten hatte. Der Philosoph zeigte sich mit einem knapp bemessenen Trinkgeld erkenntlich; dann ließ man ihn allein. Die Tür fiel ins Schloss, und schon war sie wieder da, diese seltsame Unruhe, die ihm seit Tagen zusetzte. Es erschien ihm, als müsste er in seinem vergleichsweise weit fortgeschrittenen Leben noch einmal Modell sitzen für einen Lieblingsspruch seiner Mutter, die ihm immer dann, wenn er sich alleingelassen und nutzlos vorkam, in gespielter Verzweiflung zugerufen hatte: „Junge, was ist denn los? Du hockst ja schon wieder da wie bestellt und nicht abgeholt.“ Scheler dachte daran, dass er den großen Geheimnissen noch immer nicht sehr viel näher gekommen war; statt dessen gab er sich mit veritablen Fleißarbeiten ab, die ihm die gebremste Hochachtung der wissenschaftlichen Welt und der von ihr unterhalte­nen Diskussionsfilialen einbrachten. Bücher hatte er geschrieben, die sogar gelesen und besprochen wurden; in der Schule der Geläufigkeit war er zum Vertrauenslehrer ernannt worden, mit dem man über nicht wenige Themen angeregte Unterhaltungen führen konnte. Der Philosoph trat hinaus auf den Balkon. Langsam wurde es dunkel; in der Stadt gingen die Lichter an. Von den Bergen kam ein sanfter Wind, strich über Köpfe und Dächer hinweg und ließ sich zurückfallen in die Täler. Scheler schloss die Tür. Es hilft alles nichts, dachte er. Ich muss mich zur Arbeit zwingen. Er war ja nicht nach Freiburg eingeladen worden, um mit traurigem Dackelblick auf die Behausungen der Menschen herabzuspä­hen, sondern weil er einen Vortrag halten sollte, von dem er bislang allerdings kaum mehr als fünfeinhalb Sätze zu Papier gebracht hatte. Er setzte sich an den Tisch und nahm seine Aufzeichnungen zur Hand. „Res­sentiment ist eine seelische Selbstvergiftung mit ganz bestimmten Ursachen und Folgen …“, hatte er geschrie­ben.

Auf einmal waren Schritte zu vernehmen. Das Nebenzimmer wurde aufgeschlossen; man hörte Stim­men, und dann schien jemand ächzend mehrere schwere Gegenstände durch den Raum schleifen zu müssen. Die Stimmen besonders wurden lauter; der Fußboden vibrierte. Ich fürchte, es gibt Ärger, dachte Scheler. Was machen sie denn jetzt? fragte er sich. Man hörte nur noch eine Männer- und eine Frauenstimme, die sich allerdings so heftig bemerkbar machten, als saßen die dazugehörigen Personen unmittelbar neben dem Philosophen, der den Kopf gesenkt hatte und mit den Händen die Ohren zuhielt, was aber nichts nützte. „Du kleines ekelhaftes Reptil! Wie konnte ich nur auf jemand wie dich hereinfallen!“ keifte die Frau, und der Mann, etwas matter, gab zurück: „Ein Ackergaul bist du, ein dickes, alles zertrampelndes Pferd.“ Dem Umgangston nach zu urteilen, scheint es sich um ein Ehepaar zu handeln, dachte Scheler. Mit einem Mal hatte er das Gefühl, dass der Lärm ihn wie eine herrlich misstönende Musik inspirieren könnte, zu der er nur noch die Partitur nachzuliefern hatte. „Ein besonders reaktiver Impuls ist auch der Racheimpuls“, schrieb er, „im Unterschiede von aktiven und aggressiven Impulsen, sei es freundli­cher oder feindlicher Richtung. Jedem Racheimpuls muss ein Angriff oder eine Verletzung vorhergegangen sein . . . Beißt zum Beispiel ein angegriffenes Tier seinen Angreifer, so kann dies nicht Rache genannt werden. Auch der unmittelbare Gegenschlag auf eine Ohrfeige ist nicht Rache. Vielmehr sind zwei besondere Merk­male für den Tatbestand der Rache wesentlich: eine mindestens momentane oder eine bestimmte Zeit wäh­rende Hemmung und Zurückhaltung des sich unmittel­bar einstellenden Gegenimpulses (und auch der mit ihm verbundenen Zorn- und Wutregungen); diese Hem­mung aber verursacht durch eine vorblickende Überle­gung, dass man unmittelbarer Gegenreaktion unterlie­gen werde, und ein mit dieser Überlegung verbundenes ausgeprägtes Gefühl des Nichtkönnens, der Ohn­macht.“

,Nur keine Hemmungen!“ rief der Mann nebenan, und es tat einen dumpfen Schlag. „Die Gewalttätigkei­ten sind eröffnet“, murmelte Scheler, „ich fürchte, ich muss eingreifen.“ Er verließ sein Zimmer und klopfte an der Nachbartür. Die Frau öffnete ihm. „Was wollen Sie?“ herrschte sie den Philosophen an. „Ich bitte um Entschuldigung“, sagte er. „Aber wäre es Ihnen möglich, Ihre ehelichen Auseinandersetzungen etwas weniger laut- und schlagstark zu führen?“ „Was heißt hier eheli­che Auseinandersetzung?“ empörte sich der Mann, der einen halben Kopf kleiner war als seine Gattin und eine bläuliche Schwellung über dem rechten Auge hatte. „Wir haben ein ganz normales Arbeitsgespräch geführt.“ „Und überhaupt, was geht Sie das an?“ fragte die Frau und kam bedrohlich näher. „Schon gut“, sagte Scheler. „Ich habe verstanden. Getrennt prügeln, vereint wüten; man kennt das zur Genüge.“ Er drehte sich um, und die Tür wurde zugeschlagen. Keine Frage, dachte der Philo­soph, diese Dame sieht wirklich aus wie ein Pferd – und ihr Gemahl wie ein Reptil. Seine Unruhe war plötzlich verflogen; er erinnerte sich an das, was er wollte, und die Gewissheit sagte ihm zu wie ein stilles Vergnügen. Das Leben, dem er, aus nicht unerheblichen Gründen, für kurze Zeit abhanden gekommen war, hatte ihn wieder; er hielt es daher für richtig, die Gunst der Stunde zu nutzen, und begab sich auf direktem Weg in die Hotelbar.

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erstellt am 22.7.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Max Scheler
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