Sara Grans düsteres Krimidebüt „Dope“ führt in den letzten Höllenkreis der Heroinabhängigkeit hinter den schillernden Fassaden New Yorks der fünfziger Jahre. Ein Roman von großer Wucht und Unmittelbarkeit mit einer sehr eigenen Handschrift, meint Kirsten Reimers.

Krimi

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Von Kirsten Reimers

Es beginnt wie in so vielen Detektivromanen: Jemand wird beauftragt, einen Menschen zu suchen. Eigentlich keine große Sache. Und wie so oft entpuppt sich der Auftrag als Falle: Es steckt etwas völlig anderes dahinter, der Privatermittler wird manipuliert und ausgenutzt. So auch in „Dope“ von Sara Gran. Ein bekanntes Muster, und doch gelingt es ihr, etwas ganz Eigenes daraus zu erschaffen.

Der Privatdetektiv ist in diesem Fall eine Frau: Josephine „Joe“ Flannigan. Sie soll im New York der fünfziger Jahre ein junges Mädchen aus gutem Hause suchen, das in die Drogenszene abgerutscht ist. „Dope“, das steht in diesem Fall für Heroin. Joe hat keine Erfahrung als Detektivin, aber sie war lange Jahre heroinabhängig, mehrfach im Gefängnis wegen Diebstahl und Prostitution, inzwischen ist sie seit wenigen Jahren clean. Gerade wegen ihrer Erfahrung wird sie engagiert, schließlich kennt sie die einschlägigen Plätze, an denen mit Drogen gehandelt wird, hat die entsprechenden Kontakte, um sich unauffällig in der Drogenszene zu bewegen.

Eine Welt hinter der Welt

Joes Suche ist eine Reise in ihre eigene Vergangenheit und ein Abschreiten der Stationen, die einer abhängigen Frau bevorstehen, die sich für Dope prostituiert: von schicken Bars über zwielichtige Kaschemmen, auf die Straße und bis zum letzten Höllenkreis: im Keller von Jezebel. Hier liegen die Huren in Kabuffs, die nur mit Laken voneinander getrennt sind, erwarten die Freier und die Heroinspritzen, die ihnen die Puffmutter verabreicht. Ein Ort, den kaum eine Frau auf den eigenen Beinen verlässt, die Endstation. Hiernach kommt nur noch der Tod.

Gran schildert eine Welt voller Misstrauen und Einsamkeit, nur erfüllt von der Suche nach dem Geld für den nächsten Schuss, eine Welt, in der jeder jeden über den Tisch zieht und niemand es anders erwartet. Eine Welt mit einer eigenen Topographie, die nur wenig gemein hat mit der schillernden Fassade des Big Apple und doch an jeder Ecke gegenwärtig ist.

Von großer Wucht und Unmittelbarkeit

Von Sara Gran sind in den letzten Jahren zwei Kriminalromane um die eigenwillige Privatdetektivin Claire DeWitt erschienen. „Dope“ ist ihr Krimidebüt, das erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. Es verzichtet weitgehend auf surreale Elemente und ist angelehnt an die Romane von Raymond Chandler und Dashiell Hammett, doch durch die Wahl einer weiblichen Hauptfigur gewinnt es eine ganz eigene Kraft und einen ungeschminkten Blick auf Abhängigkeiten und Ausweglosigkeiten. Gran nutzt ein bekanntes Muster, um eine Geschichte zu erzählen, die sich an abhängigen jungen Frauen immer ohne größere Varianten wiederholt und schafft so etwas von Grund auf Neues. Ein Roman von großer Wucht und Unmittelbarkeit mit einer sehr eigenen Handschrift.

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erstellt am 21.7.2015

Sara Gran
Sara Gran

Sara Gran
Dope
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Taschenbuch, 252 Seiten
ISBN 978-3-426-30445-7
Droemer Verlag, München 2015

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