Friedrich Gulda (1930-2000) war nicht nur ein genialer Bach- und Mozartinterpret, sondern auch Jazzer aus Leidenschaft und Komponist. Sieben DVDs vereinen nun Guldas Aufnahmen aus den achtziger und neunziger Jahren in einer Box. Ein Leckerbissen, meint Thomas Rothschild.

DVD

Der demütige Bürgerschreck

Von Thomas Rothschild

Der ganze Gulda soll es sein – der geniale Bach- und Mozartinterpret (Beethoven fehlt dann leider doch) und der Jazzer aus Leidenschaft. Sieben DVDs mit Aufnahmen aus den achtziger und neunziger Jahren in einer Box: ein Leckerbissen, fast zu schön zum Verschenken.

Zwei musikalische Elemente ziehen sich durch Guldas Interpretationskunst, die ganz unterschiedlicher Herkunft sind: die Fuge und der Swing. Bei Gulda klingt der Jazz auch durch die „Klassik“ hindurch und die Barockmusik durch den Jazz. Schon sein Gesicht, das uns die Videoaufnahmen im wörtlichen Sinne nahe bringen, verrät sein spielerisches, tänzerisches Vergnügen an den Tönen und Rhythmen, die sich von den Klaviersaiten lösen. Die Schelmenrolle ist seinem Musikverständnis eingeschrieben. Er macht sich über die Konventionen der Bürgerwelt lustig, weil er selbst lustig ist. Lustig, aber nicht schlampig. Wenn seine Zunge unter dem Druck der Konzentration zwischen den Lippen spielt, sieht man förmlich, wie er um jeden Ton, jede Nuance kämpft.

Wie ungerecht die Qualifizierung Guldas als egomanisch ist, erkennt man an der Freude, mit der er Partner um sich schart. Er bewundert sie sichtlich und sucht den Dialog. Man höre sich nur sein Zusammenspiel mit der Perkussionistin und Vokalistin Limpe Fuchs an, das die eingebürgerten Kategorien transzendiert. Und man sehe sich an, wie er beim Münchner Klaviersommer 1990 in einem typischen, mittlerweile, anders als in früheren Jahren, akzeptierten Gulda-Programm – halb Mozart, halb Jazz – der grandiosen Barbara Dennerlein solo an der Orgel bei Benny Golsons „Killer Joe“ oder, 1995, mit dem Jazzrock des Paradise Trios neidlos den Vortritt überlässt. Dann setzt sich der 65-jährige an den Synthesizer, fordert das Publikum zum Tanzen auf, holt Go-Go-Girls auf die Bühne: Disco erobert den Münchner Klaviersommer.

Wie sehr Friedrich Gulda von seiner Wiener Herkunft geprägt war, wird besonders deutlich bei der Begegnung mit Chick Corea, der seinerseits den Geist der lateinamerikanischen Musik inhaliert hat. Was für diesen die Rumba, ist für jenen der Walzer und das Wienerlied.

Wenn Gulda mit Krawatte und einem, obgleich sehr auffällig breit gestreiften, Sakko auftritt, muss das einen Anlass haben. Der Anlass heißt Chopin. Dass die Kamera einer Dame im Publikum unverschämt lang ins Dekolleté schaut und die Regie so schneidet, dass es aussieht, als würde Gulda das Dekolleté fixieren (was er wohl auch getan hat), spricht nicht gerade von Diskretion. Vielleicht ist das der Ausgleich für die relative Seriosität des Sakkos.

Und da ist auch noch der Komponist Friedrich Gulda. Sein Konzert für Violoncello und Blasorchester und sein Concerto for Myself kann man dem Third Stream zurechnen, der Synthese von „Klassik“ und Jazz. Im Konzert für Violoncello und Blasorchester mit einem virtuosen Heinrich Schiff am Soloinstrument verwendet Gulda traditionelle volkstümliche Formen wie den Landler, den Marsch und ein Menuett, das er schon zwei Jahrzehnte zuvor komponiert, aber für diese Besetzung neu arrangiert hat. Diese eher schlichte Komposition schwankt zwischen Ernsthaftigkeit und Parodie wie Guldas unkonventionelles Dirigat.

Auf einer DVD findet sich als Bonus ein Gespräch mit Joachim Kaiser. Darin bekennt Gulda, dass er, entgegen einem verbreiteten Gerücht, durchaus technische Grenzen kenne. Als ihm Kaiser jedoch widerspricht, ist ihm das offenkundig nicht direkt unangenehm. Auch ein Bürgerschreck ist nicht unempfänglich für Anerkennung.

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erstellt am 21.7.2015

Friedrich Gulda
The Video Tapes
7 DVD
Arthaus Musik 109068

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DVD-Trailer: Arthaus Musik